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ICE-Anschlag bei Allersberg: Was wir über den Verdächtigen wissen

Mann will kein Terrorist sein - Brachte Drucker in Copyshop Ermittler auf Spur? - 27.03.2019 18:43 Uhr

Ende Oktober durchkämmte ein Großaufgebot der Polizei die Bahnstrecke bei Allersberg. © Daniel Karmann/dpa


Die Konstruktion, die der Mann an der Bahnstrecke bei Allersberg aufbaute, war perfide. Er spannte Stahlseile quer über die Schienen der Hauptverkehrsader zwischen Nürnberg und München, auf der Tag für Tag Dutzende Schnellzüge fahren. Gut einen halben Zentimeter dick war das Kabel, mit Metall verstärkte Holzkeile sollten einen Zug zum Entgleisen bringen. Der Täter scheiterte. Ein ICE, der das Hindernis überführ, wurde nur leicht beschädigt, alle Insassen blieben unverletzt. Nur wegen eines "technischen Fehlers", sagt die Wiener Staatsanwaltschaft, sei der Plan des Irakers nicht aufgegangen. Die Ermittler sagen: Der Mann wollte töten. 

Wie kamen die Ermittler dem Verdächtigen auf die Spur? 

Der Aufwand war gewaltig, eine länderübergreifende Ermittlungsgruppe unter dem Namen "BAO Trasse" arbeitete über Monate an dem Fall. Daran beteiligt: Die Generalstaatsanwaltschaften in Berlin und München, die österreichische Terrorbekämpfung (LVT) sowie der Verfassungsschutz. Wie der Verdächtige in den Fokus der Behörden geriet, dazu hält sich die Polizei bislang bedeckt. Eine Rolle spielte aber ein ähnlicher Vorfall an einer Bahnstrecke in Karlshorst bei Berlin. Wie in Allersberg habe man auch dort eine IS-Flagge und Schrifstücke in arabischer Sprache gefunden. Der 42 Jahre alte Mann ist mit einer Mitfahrgelegenheit in die Bundeshauptstadt gekommen und mit einem Flixbus zurück nach Wien gefahren - wohl eine der heißen Spuren.

Laut einem Bericht der Bild habe auch der Drucker, mit dem der Iraker eines der Schreiben anfertigte, ihn verraten. In einem Wiener Copyshop wollte der Verdächtige die Briefe vervielfältigen, ließ dabei aber eine Kopie in einem Gerät liegen. Auf dem Papier entdeckten die Ermittler einen Abdruck seines linken Daumens.

Am Montagmorgen um 5 Uhr griffen Spezialkräfte der Elite-Einheit "Cobra" zu und nahmen den Mann im Stadtteil Simmering fest.

Wer ist der Verdächtige, den Spezialkräfte in Wien festnahmen?

Der Mann kam als Flüchtling nach Europa und lebte wohl schon viele Jahre mit seiner Familie in Wien. Qaeser A. ist fünffacher Vater. Laut einem Bericht der Kronen-Zeitung war der 42-Jährige 15 Jahre lang beim irakischen Militär und wurde an der türkischen Grenze Opfer eines Bombenangriffs. Der gebürtige Iraker habe bei einer Securityfirma gearbeitet und dort Zugang zu sensiblen Sicherheitsbereichen in Fußballstadien und Einkaufszentren gehabt. "Er ist strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten und auch nicht als Gefährder eingestuft", sagte die Wiener Staatsanwältin Nina Bussek. 

Was war das Motiv des Mannes? 

Fest steht: Der Verdächtige hat gestanden - der 42-Jährige bestreitet dabei aber einen terroristischen Hintergrund. Er habe mit den Anschlägen laut der Kronen-Zeitung ein "politisches Statement gegen Deutschland" setzen wollen. Die Wiener Staatsanwaltschaft sieht das anders. Gerade die arabischen Schrifstücke sowie die IS-Flagge begründen einen "terroristischen Tatverdacht", sagt Bussek. Ist der Verdächtige Teil einer größeren Vereinigung? Ausschließen könne man das nicht, sagte ein Sprecher des Bayerischen Landeskriminalamtes (LKA) der Deutschen Presse-Agentur. Aber es gebe auch keine Hinweise darauf, "dass wir irgendwo eine konkrete Zelle oder Ähnliches sitzen haben". Mit dem IS sympathisiert habe der Iraker aber offensichtlich. Auf seinem Facebook-Profil verherrlichte er radikale Salafisten-Prediger und nahm auf den IS-Anschlag in Nizza Bezug.

War der Mann ein Einzeltäter?

Eine direkte Mitgliedschaft beim Islamischen Staat schließen die Ermittler derzeit aus. Die Wiener Zeitung Die Presse berichtet mit Bezug auf den Anwalt des Irakers, dass der Verdächtige angibt, komplett alleine gehandelt zu haben. Er will kein Mitglied einer Terrorzelle sein. "Das Ganze ist auch für mich vorerst noch eine mysteriöse Sache, aber mein Klient sagte mir, er habe keine Komplizen gehabt", zitiert das Blatt den Anwalt.

Was stand in den Drohbriefen?

Auch dazu halten sich die Ermittler bedeckt. Erst 17 Tage nach dem Vorfall an der Strecke bei Allersberg habe man das Schreiben gefunden, es sei dementsprechend in "schlechtem Zustand gewesen", teilt die Polizei mit. Es habe "abstrakte Drohungen" beinhaltet, zunächst glaubten die Ermittler nicht an einen IS-Bezug. Erst der zweite Vorfall bei Berlin erhärtete den Verdacht.

Wie gefährlich war der Anschlag wirklich?

Die Staatsanwaltschaft Wien erließ mehrere Haftbefehle - unter anderem wegen versuchten Mordes, aber auch wegen des Verdachts der terroristischen Straftaten. Die Deutsche Bahn beurteilt das anders. Von den Anschlägen ging keine Gefahr für Reisende aus, teilte der Konzern mit. An eben jener Stelle bei Allersberg rauschen Züge zwar mit bis zu 300 Stundenkilometern durch die Landschaft. Ein Stahlseil von einem halben Zentimeter Dicke sei nicht in der Lage, einen ICE mit mehreren Hundert Tonnen Gewicht zum Entgleisen zu bringen.

Jedoch erließ auch das Münchner Amtsgericht Haftbefehl - ebenfalls wegen des Verdachts des versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlichem Eingriff in den Bahnverkehr und versuchter Störung öffentlicher Betriebe. Die weiteren Ermittlungen müssen klären, wie gefährlich der Vorfall wirklich war.

Wie geht es weiter?

Die Ermittlungen werden noch Monate dauern. Bei der Durchsuchung der Wohnung und des Arbeitsplatzes des Irakers habe man "sehr viel sichergestellt", sagte ein Sprecher des LKA in München. Darunter: Datenträger und Schriftstücke auf Arabisch. Gerade davon erhoffen sich die Behörden weitere Erkenntnisse. Auch die Ehefrau des mutmaßlichen Täters wird derzeit verhört.

Aktuell befindet sich der Mann in der JVA Wien-Josefstadt - bis spätestens Donnerstag wird über eine mögliche Untersuchungshaft entschieden. Die Generalstaatsanwaltschaft München zieht einen Auslieferungsantrag in Betracht. 

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