Sonntag, 08.12.2019

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Im Hilpoltsteiner "Wohnzimmer" geht jetzt das Licht aus

Andrea und Carsten Schüssler vom Traditionslokal "1601" geben die Schlüssel ab. - 30.11.2019 06:04 Uhr

Andrea und Carsten Schüssler vor gewohnter Kulisse. Doch am 1. Dezember ist für die beiden Schluss mit dem Pächterdasein im Bistro 1601. © Foto: Flavia Zaunseder


Nach fast 30 Jahren verabschieden sie sich als Gastronomen vom Hilpoltsteiner Marktplatz und beenden damit eine Ära. Beim "Thekengespräch" machte sich Wehmut breit, aber auch vorsichtige Freude – aufs "normale Leben".

Herr Schüssler, es geht zu Ende. Wie fühlen Sie sich?

Carsten Schüssler: Mal so, mal so. Wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass die ganze Situation nicht emotional aufgeladen ist, schließlich haben wir fast 30 Jahre Gastronomie in Hilpoltstein gemacht. Mit viel, viel Herzblut. Drum wird der 1. Dezember, unser letzter Tag im 1601, auch eine richtig harte Nummer für mich werden.

Und die Befindlichkeitslage Ihrer Gäste?

Carsten Schüssler: Was soll ich sagen? Natürlich sind die traurig! Manche fragen nach einer unterschriebenen Speisekarte oder signierten Weinflasche zum Abschied. Meine Frau und ich haben den Laden jeden Morgen eigenhändig auf- und abends wieder zugesperrt, dazwischen waren wir rund um die Uhr für unsere Gäste da. Wenn einer nachmittags um drei sein Schnitzel wollte, dann hat er’s gekriegt. Auf Wünsche einzugehen, fand’ ich immer wichtig.

Andrea Schüssler: Für viele war das hier ein zweites Wohnzimmer ...

Es heißt, Sie beide hätten sich einen kleinen "Kultstatus" im Herzen von Hilpoltstein erarbeitet: Sie waren 20 Jahre Pächter des Bistros 1601, davor knapp neun Jahre im Gasthof "Zur Post" gegenüber. Wie schafft man’s, sich so lange am Platz zu halten?

Carsten Schüssler: Was die Serviceleistung betrifft, hatte ich immer einen sehr hohen Anspruch. Wenn man Dienstleister mit Haut und Haaren sein will, dann bedeutet das: Man muss sich nicht nur auf seine Gäste, sondern auch auf die Gegebenheiten vor Ort einstellen. Als der Marktplatz 2010 im Zuge von Bauarbeiten aufgerissen wurde und uns zeitgleich eine große Bäckereikette unfreiwillig den Café-Betrieb abgenommen hat, haben wir uns kurzerhand neu erfunden. Tja, was macht man? Ich hab’ mich auf meine Wurzeln als gelernter Koch besonnen und gemeinsam mit meiner Frau entschieden, dass wir uns jetzt verstärkt auf die Essensschiene konzentrieren.

Hat geklappt.

Carsten Schüssler: Absolut. Wir legten damals gleich mit einem monatlichen Steakabend los – und das Ding ging nach oben, sprach sich rum. Dann kam eins zum anderen: Die Leute wollten uns für Hochzeiten, Geburtstage, Firmenfeiern oder Kommunionen buchen. Freilich war’s mehr Arbeit, aber ich konnte auch meine Fähigkeiten neu ausspielen.

Gibt´s eigentlich so was wie ein ,Hilpoltsteiner Spezifikum‘ – also etwas, worauf man speziell beim hiesigen Publikum achten sollte? Was würden Sie Ihren Nachfolgern raten? Wie man hört, sind es Nana Maysuradze aus Regen im Bayerischen Wald und ihr Partner Kostas, die den Pachtvertrag unterschrieben haben und das "1601" im Januar 2020 wieder eröffnen.

Carsten Schüssler: Ich bin selber inHilpoltstein aufgewachsen und weiß: Wenn was Gutes geboten wird, sind die Hilpoltsteiner da! Das Preis-Leistungsverhältnis muss stimmen, aber ansonsten haben die zwei ihren eigenen Weg zu finden ...

Andrea Schüssler: … und schon mal einen kombinierten Café-, Bistro-, Restaurantbetrieb mit mediterraner Küche angekündigt.

Carsten Schüssler: Man hat jedenfalls gesehen, dass das hier funktionieren kann. Die letzten zwei Jahre waren wirklich die besten.

Das Hilpoltsteiner Traditionslokal am Marktplatz wechselt in die Hände von Nana Maysuradze aus Regen im Bayerischen Wald und deren Partner Kostas. © Harry Rödel


Warum hängen Sie die Wirtschürze dann überhaupt an den Nagel?

Andrea Schüssler: Wenn’s am schönsten ist, soll man gehen. So heißt es doch immer.

Carsten Schüssler: Ende Dezember endet unser Pachtvertrag und wir haben schon vor mehr als drei Jahren überlegt, ihn auslaufen zu lassen. Ich reiße nicht die Arme hoch und rufe täglich: ,Super, endlich Schluss!‘ Im Gegenteil: Ich habe 37 Jahre in der Gastronomie gearbeitet, bin mit 15 nach Wallgau in Oberbayern, um Koch zu lernen, war danach vier Jahre im "Hotel am Markt" in Greding, hab’ auf einem Marineschiff gekocht, 1991 die "Post" in Hilpoltstein übernommen, dann das 1601. Die Gastronomie war mein Leben. Aber wir sind jeden Tag von früh bis spät in der Kneipe gestanden, an Wochenenden, Feiertagen, wir haben unser Privatleben zurückgestellt. Meine Frau, die eigentlich pharmazeutisch-technische Assistentin ist, hat das 30 Jahre mitgetragen und jetzt einfach genug davon.

Was waren für Sie die Highlights während all der Zeit?

Carsten Schüssler: Ach, da gab’s viele! Spontan erinnere ich mich an eine geschlossene Gesellschaft, wo jeder Gast als bestimmte Figur erschienen ist – Schneewittchen, Napoleon, Kylie Minogue, Rudolph Moshammer und so weiter. Obercool! Die haben sogar ein Märchenschloss vor dem 1601 aufgeblasen. Und im vergangenen Jahr spielten die Shiny Gnomes ein Marktplatz-Konzert für mich. Da sind schon tolle Sachen abgegangen! Wir waren eigentlich immer dabei, wenn was los war – von Weihnachtsmarkt über Fasching oder Summerend-Party bis Burgfest. Und ich habe im 1601 einen meiner besten Freunde kennen gelernt

Worauf sind Sie besonders stolz, wenn Sie zurückblicken?

Carsten Schüssler: Dass uns Top-Gastronomen bescheinigt haben, wir hätten die Messlatte im 1601 sehr hoch gehängt. Außerdem ist die Altersstruktur, die sich etabliert hat, der Wahnsinn! Da isst der Rentner sein Schäufele bei uns und der Schüler seinen Burger . . .

Und wie schaut es aus mit Negativ-Erlebnissen?

Carsten Schüssler: Was mich im Lauf der Zeit mehr und mehr genervt hat, ist die zunehmende Überregulierung und Bürokratisierung. Früher hat man halt gefeiert, jetzt geht alles nur noch mit Security, Bändchen und Bon.

Würden Sie rückblickend etwas anders machen?

Andrea Schüssler: Ich denke, wir hätten an unseren Öffnungszeiten drehen sollen, einen zweiten Ruhetag einführen – das alles ein bisschen runterfahren zugunsten von mehr Familie und Lebensqualität.

Wie geht’s für Sie beide jetzt weiter?

Andrea Schüssler: So wie’s aussieht, werde ich wohl wieder in einer Apotheke arbeiten. Aber wir bleiben auf jeden Fall in Hilpoltstein. Das ist unser Lebensmittelpunkt, hier fühlen wir uns wohl.

Carsten Schüssler: Ich habe größten Respekt vor dem, was kommt. Das ist so eine Mischung aus Nervosität und Spannung. Am liebsten würde ich ja in der Lebensmittelbranche arbeiten, als Außendienstler oder im Vertrieb.

Worauf freuen Sie sich jetzt am meisten?

Carsten Schüssler: Da gibt’s einiges! Ich freue mich zum Beispiel darauf, demnächst auch mal Gast sein zu dürfen bei den Hilpoltsteiner Gastronomen, mit denen uns so lange ein super-kollegiales Verhältnis verbunden hat. Da gab’s null Konkurrenzdenken, das ist nicht selbstverständlich! Und ich freue mich darauf, endlich gemeinsam etwas mit meiner Frau und unseren zwei inzwischen erwachsenen Kindern unternehmen zu können. Außerdem freue ich mich, abends nach der Arbeit auf der Terrasse zu sitzen, Tomate-Mozzarella zu essen und ein Glas Rotwein zu trinken. So geht doch das normale Leben, oder?

INTERVIEW: PETRA BITTNER E-Mail

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