Mittwoch, 20.11.2019

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Insektensterben: Warum es dieses Jahr wenig Wespen gab

Markus Erlwein vom LBV spricht über Hintergründe des Rückzugs der Plagegeister - 03.10.2019 14:03 Uhr

Es war kein gutes Jahr für Wespen. Das könnte aber auch an einem relativ feuchten und kühlen Frühjahr gelegen haben. © Foto: Andreas Giessler/LBV


Herr Erlwein, gibt es wirklich weniger Wespen in diesem Jahr?

Erlwein: Ganz so einfach ist das nicht zu erklären, und es kann regional auch unterschiedlich sein. Doch es wurde beobachtet, dass dieses Jahr etliche Nester relativ klein sind. Möglicherweise liegt es am allgemeinen Insektensterben, denn Wespen sind Fleischfresser. Wenn es feucht und kühl ist, entwickeln sich die Insekten langsamer und es gibt weniger Nahrungsgrundlage für die Wespen. Auch das wechselhafte und unbeständige Wetter hat seinen Teil dazu beigetragen. Wespen mögen es am liebsten trocken und warm, so wie es im letzten Sommer der Fall war, dann kann sich die Brut gut entwickeln.

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Viele Menschen freut es vielleicht sogar, dass es heuer weniger Wespen gab.Welchen Nutzen haben diese Tierchen überhaupt?

Erlwein: Von den vielen Wespenarten, die es bei uns gibt, empfinden wir nur zwei als aufdringlich, die Deutsche und die Gemeine Wespe. Wespen sind nützlich, weil sie Fliegen, Blattläuse, Raupen und andere Insekten jagen sowie deren Larven fressen. In unserem Naturhaushalt leisten sie als Gesundheitspolizei wertvolle Dienste, weil sie tote Insekten in kleinen Portionen abtransportieren.

Gibt es andere Insekten, die in diesem Sommer auffällig weniger geworden sind?

Erlwein: Bei unserer Mitmachaktion "Insektensommer", bei der Naturfreunde die Insekten im Garten zählen, waren es im Frühsommer auffällig wenige Schmetterlinge, was auf die Trockenheit 2018 und die wenigen Futterpflanzen zurückzuführen war. Nach dem Hochsommer können wir aber Entwarnung geben, es wurden wieder mehr Tagfalterarten gezählt, da sie sich im Frühjahr gut fortpflanzen konnten.

Grundsätzlich machen uns aber nicht einzelne Insektenarten Sorgen, sondern der nachgewiesene rasante Rückgang der gesamten Masse an Fluginsekten.

Was ist daran so schlimm?

Erlwein: Das ist extrem bedenklich. Der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft, vor allem der von Neonicotinoiden, also hochwirksamen Insektengiften, führt zum dramatischen Rückgang blütenbestäubender Insekten wie Wildbienen, Fliegen und Schmetterlingen. Das Insektensterben wirkt sich negativ auf die Vielfalt unserer Wild- und Nutzpflanzen aus, genauso wie auf die Produktion unserer Nahrungsmittel, da die Bestäuber verschwinden. Dazu kommen Folgen für viele Vögel, die nichts mehr zu fressen finden, keinen Nachwuchs mehr großziehen können, aber ohnehin schon unter der Zerstörung ihrer Lebensräume leiden. Insektizide sollten deshalb erst dann zugelassen werden, wenn nachgewiesen ist, dass sie keine schädigenden Auswirkungen auf die Ökosysteme haben.


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Gefragt ist nicht nur die große Politik oder die Landwirtschaft. Was kann jeder Einzelne tun im Garten oder auf dem Balkon?

Erlwein: Unsere Insektenzählung zeigt, dass Gärten und Balkone inzwischen zu wichtigen Lebensräumen für Wildbienen und Schmetterlinge geworden sind. Hier finden sie noch genug Nahrungsquellen. Es ist daher umso wichtiger, dass Gärten naturnah mit heimischen Stauden und Kräutern gestaltet werden. Öfter mal faul sein und nichts tun ist gut für alle Insekten und Tiere im Garten. Etwas Mut zur Wildnis vor der Haustür, weniger Rasenmähen und kein Gift verspritzen sind einfache Maßnahmen, die jeder gegen das Insektensterben unternehmen kann. 

Zur Person: 

Markus Erlwein wurde im November 1976 in Regensburg geboren. Seit September 2009 ist er als Pressesprecher beim Landesbund für Vogelschutz tätig. Außerdem ist er Chefredakteur des LBV-Mitgliedermagazins "Vogelschutz" und seit Dezember 2018 Pressesprecher des Volksbegehrens Artenvielfalt.

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