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Mittwoch, 11.12.2019

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Mit Lichtern und Musik gegen Hass und Vorurteile

Erinnerung an den 9. November 1938 in Hilpoltstein, Thalmässing und Heideck. - 10.11.2019 14:14 Uhr

Das Ensemble Claus Raumberger intonierte bei der Gedenkfeier in Heideck typische Klezmermusik im evangelischen Gemeindehaus. © Manfred Klier


Am 9. November 2019 war es genau 30 Jahre her, dass die Berliner Mauer gefallen ist – ein glückliches Ereignis. Aber noch weitere historische Begebenheiten sind mit dem Datum 9. November verbunden: 1918 hatte Philipp Scheidemann die erste Deutsche Republik ausgerufen. Am 9. November 1923 scheiterte der Hitlerputsch in München. Zu den dunkelsten Kapiteln der Geschichte gehört der 9. November des Jahres 1938: In der "Reichspogromnacht" wurden jüdische Geschäfte und Synagogen in Brand gesteckt. Die systematische Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten begann.

Daran erinnerte die Gedenkfeier "81 Jahre danach: Erinnern heißt wachsam bleiben", die im evangelischen Gemeindehaus Heideck stattgefunden hat. Wie schon in den vorherigen Jahren gestaltete das Claus Raumberger Ensemble diese Feier musikalisch. Im Saal lauschten die Zuhörer der intonierten Klezmermusik. Der Begriff steht im modernen Hebräisch für "Musikanten". Es handelt sich um jüdische Musik, die vor allem bei Festen gespielt wird. In ihren Melodien erinnert Klezmermusik an die menschliche Stimme. Dabei findet ein häufiger Wechsel zwischen Dur und Moll statt.

Wachsam sein

Stadtrat Reinhard Spörl erinnerte an die Geschehnisse in der Pogromnacht von 1938. Bei einem Besuch im tschechischen Žatec (Saaz) sei ihm bewusst geworden, dass auch dort die Juden verfolgt wurden. Trotzdem sei das Datum 9. November auch mit glücklichen Ereignissen verbunden. Unvergesslich sei die Freude, die in Fernsehbildern vermittelt wurde, als die ersten Trabis in den Westen fahren konnten. Der 2. Bürgermeister Dieter Knedlik stellte fest, dass laut einer Umfrage jeder vierte Deutsche antisemitische Gedanken hege. Die Antisemitischen Übergriffe häuften sich. Als Gegenmaßnahmen würden politische Maßnahmenkataloge nicht ausreichen. Man müsse bei den Menschen ansetzen und Stellung beziehen, "so wie wir es heute mit dieser Gedenkfeier tun".

Stadtpfarrer Josef Schierl sprach die abschließenden Gedanken. Der Geistliche forderte, dass der Maßstab menschlichen Handelns allein die göttlichen Gesetze sein müssten. Alle Diktatoren hätten sich am Baum der Erkenntnis vergriffen. Wenn sich der Mensch zum Entscheider über Gut und Böse mache, sei das immer von Übel gewesen.

Das war eine Premiere: Auf dem Marktplatz von Hilpoltstein wurde erstmals ein Lichterkreis zum Gedenken an die schrecklichen Ereignisse in der Reichspogromnacht organisiert. © Foto: Tobias Tschapka


Vor dem Hilpoltsteiner Rathaus fand anlässlich des 9. Novembers erstmals ein Lichterkreis statt, der auch – aber nicht nur – an die schrecklichen Vorgänge vor 81 Jahren erinnern sollte. Rund 100 Menschen solidarisierten sich mit dieser Idee der beiden Hilpoltsteiner Kirchengemeinden und aller im Stadtrat vertretenen Parteien, sammelten sich im Kreis, schwiegen und lauschten den Redebeiträgen.

Bürgermeister Markus Mahl machte deutlich, dass es sich um keine politische Veranstaltung handeln würde: Jeder sei dazu aufgerufen, wachsam zu sein, wenn Menschen ins Abseits gestellt werden, wie es heute wieder passiere. Auch seine Stellvertreterin Ulla Dietzel forderte, gleichzeitig zurückzublicken auf die verachtungswürdigen Taten in der NS-Zeit, aber auch nach vorne zu schauen und wachsam zu sein, so wie das mündige Bürger tun würden.

Bestes Mittel gegen Vorurteile

Das sei auch dringend nötig, so Petra Behringer, die vor der Partei AfD warnte, die an diesem Tag bereits zum fünften Mal in Greding zusammengekommen war. Monika Stanzel erinnerte zum einen an den Mauerfall vor genau 30 Jahren, dank dem sich viele Menschen voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft freuen durften, aber auch an die kalte, brutale, zerstörerische Ideologie der Nazis, die so viel Leid über die Menschen gebracht hatte.

"Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf", zitierte Hedwig Waldmüller: "Also bleiben wir alle wach und wecken auch die anderen rechtzeitig wieder auf". Schließlich berichtete Dorothea Pille von ihren positiven Erlebnissen im Hilpoltsteiner Asylhelferkreis, dessen Koordinatorin sie ist, und warb für eine offene und nicht wertende Neugierde auf Menschen, die aus fremden Ländern zu uns gekommen sind – wohl das beste Mittel gegen Ressentiments und Vorurteile.

Bilderstrecke zum Thema

Die Reichspogromnacht 1938: Gewalt gegen Juden in Franken

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 überfielen die Nationalsozialisten in ganz Deutschland jüdische Gotteshäuser, Friedhöfe, Geschäfte und Wohnungen und hinterließen eine Spur der Zerstörung - auch in Nürnberg, Fürth und der Region.


Auch in Thalmässing fand am Gedenkstein der Synagoge in der Merleinsgasse ein Gedenken an die Ereignisse des 9. November 1938 statt.

MANFRED KLIER UND TOBIAS TSCHAPKA E-Mail

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