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Adelsdorfer Schreinerei wird Inklusions-Modellprojekt

Vorhaben ist einzigartig in der Region — Erster Azubi ab September 2018 - 23.02.2018 15:31 Uhr

In der Betriebsstätte Schreinerei Nagengast der WAB Kosbach arbeiten behinderte und nichtbehinderte Menschen eng zusammen. Ein Modellprojekt, das Schule machen soll. © Andrea Lachmuth


In der Schreinerei Nagengast wird seit 100 Jahren gehobelt, gesägt, gebohrt oder geschliffen. 1998 hatte die Firma, einst ansässig im Ortskern von Adelsdorf, eine 1000 Quadratmeter große Halle im Gewerbegebiet gebaut.

Mit der Zeit gingen Georg Nagengast, Schreinermeister in dritter Generation, die Fachkräfte aus und es war keine Nachfolge in Sicht. "In der Schreinerei muss man Qualität produzieren, wir wollen auch weiterhin unsere Kunden beliefern", sagt Nagengast. Damit in dem Traditionsbetrieb nicht die Lichter ausgingen, wurde aus der Suche nach Perspektiven eine Inklusionswerkstatt auf den Weg gebracht: die neue Betriebsstätte Nagengast der WAB Kosbach.

Die WAB Kosbach ist eine Einrichtung für Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen, die ihnen stationär oder ambulant ein verzahntes Konzept von Wohnen, Arbeiten und Befähigen (WAB) bietet. "Wir haben einen riesigen Fachkräftemangel am Bau, wer macht das Kleinhandwerk, wenn eine Tür klemmt? Wie setzen wir das Bundesteilhabegesetz für Menschen mit Behinderung um, was bedeutet das Recht auf Arbeit in der Praxis?" Wenn Jürgen Ganzmann, Geschäftsführer der WAB Kosbach, auf die Probleme der Zeit hinweist, dann hat er auch Lösungen parat, die das Soziale mit dem Arbeitsmarkt verbinden.

"Unser Ziel ist es, Menschen am Rande der Gesellschaft in die Praxis der Arbeitswelt zu integrieren. Eine Inklusionswerkstatt zu führen, bedeutet für uns die Aufhebung jeglicher Separation von Behinderten. Jeder Mensch hat das Recht auf Arbeit und auf Würde. Wir fördern Ausbildung, aber auch Menschen, die im Schulsystem scheitern, aber mit praktischen Fähigkeiten überzeugen können", erklärt Ganzmann den zukunftsweisenden Ansatz des Modellprojekts.

Die WAB Kosbach hat die Schreinerei gemietet, Georg Nagengast und seinen letzten Mitarbeiter angestellt, und den neuen Inklusionsbetrieb als Modellprojekt zum 1. Juli 2017 auf den Weg gebracht. "Wir brauchten Vorlaufzeit, um zu schauen, wie es läuft: Wie organisieren wir eine Inklusionswerkstatt neu, wie strukturieren wir um, damit wir Menschen mit Behinderung hier praktisch ausbilden können", erzählt Ganzmann vom Start der neuen WAB-Betriebsstätte. Es galt zu klären, mit welchen einfachen Arbeiten man Menschen mit Behinderung an die Arbeitspraxis in einer Schreinerei heranführen könne.

Der Zufall kam zu Hilfe: Im November 2017 wurde von der WAB Kosbach eine kleine Paletten-Recyclingfirma aus Höchstadt übernommen und in die Fläche der Schreinerei in Adelsdorf integriert. Euro-Paletten seien wertvoll und würden über das Kreislaufsystem zurückgeführt. Gleichzeitig seien mit der Reparatur von Paletten einfache Handwerkstätigkeiten einer Schreinerei verbunden, erklärt Ganzmann.

Die WAB Kosbach hat eine Paletten-Recyclingfirma aus Höchstadt übernommen und in die Fläche der Schreinerei in Adelsdorf integriert. © Andrea Lachmuth


"Das Projekt ist ein großer Erfolg. Heute können wir sagen, wir sind ausgebucht", freut sich der WAB Geschäftsführer über die große Nachfrage nach den Reparaturarbeiten von Firmen, die Paletten im Pfandsystem nutzen.

Zehn Mitarbeiter

Zehn Mitarbeiter hat die Betriebsstätte Schreinerei Nagengast derzeit in Büro und Werkstatt. Sechs davon haben eine psychische Behinderung oder Lernschwierigkeiten und sind zur Arbeitstherapie in der Schreinerei. Sie werden bei der Arbeit von Irina Tartakovskaya pädagogisch unterstützt. "Wir bieten Berufs- und Schulpraktika oder auch ein praktisches Jahr für Menschen mit psychischer Behinderung oder Lernstörungen in der Inklusionswerkstatt. Jeder kann in seinem Rhythmus arbeiten. Wir unterstützen Stärken und nehmen auf die Schwächen im Arbeitsleben Rücksicht. Unsere Mitarbeiter blühen auf, sie haben Freude an der Arbeit mit Holz und sind stolz auf die Ergebnisse", so die Erfahrung der Sozialpädagogin. Ziel sei es, die Mitarbeiter nach dem Praxisjahr in den Arbeitsmarkt weiterzuvermitteln, oder an eine Ausbildung heranzuführen, führt Jürgen Ganzmann aus.

Der Erfolg gibt der Idee Recht: Am 1. September dieses Jahres startet der erste Azubi in die Schreinerlehre. "Ich freue mich sehr über den großen Erfolg unseres Modellprojekts", so Ganzmann. "Du bekommst keinen Lehrling, du bekommst unseren Praktiker", sieht der Geschäftsführer der WAB Kosbach visionär seine Antwort, um dem großen Fachkräftemangel am Arbeitsmarkt mit Berufspraktikern aus der Inklusionswerkstatt zu begegnen.

ANDREA LACHMUTH

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