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Donnerstag, 18.07.2019

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adidas und die Ostblock-Verbindung

Auch ein Kapitel Ost-West-Geschichte birgt die Historie des Drei-Streifen-Konzerns aus Herzogenaurac - 17.06.2019 06:57 Uhr

In Moskau produzierte adidas Sportschuhe des Modells „Sputnik“ (1983). © Repro: Aus Unternehmen Sport/Eduard Weigert


Heide Rosendahl (BRD) und Renate Stecher (DDR) laufen Seite an Seite in adidas-Schuhen bei den Olympischen Spielen in München 1972 im 4 x 100-Meter-Staffel-Lauf durchs Ziel: Beinahe eine Ikone der Sportberichterstattung. Wie kam es dazu?

Aktivitäten von adidas im Ostblock datieren mindestens in die 1950er Jahre zurück. Spitzensportler aus den Ostblockländern wie der tschechoslowakische Langstreckenläufer Emil Zatopek, der 1952 bei den Olympischen Spielen in Helsinki in adidas-Schuhen den 5000- und 10 000-Meter-Lauf gewann, wurden kostenlos mit adidas-Schuhen ausgerüstet. Gute Kontakte gab es auch zu ungarischen Leichtathleten 1954.

Als erste personalisierte Werbeikone wurde der rumänische Tennisspieler Ilie Nastase aufgebaut. Für ihn und seinen späteren Wimbledon-Finalgegner Stan Smith entwickelte adidas 1971 Tennisschuhe. Die Zeiten des Kalten Krieges in den 1950ern waren durch deutsch-deutsche Rivalitäten der Sportverbände der beiden deutschen Staaten geprägt.

Gleichwohl suchten die westdeutschen Sportartikelhersteller Kontakt zum Verband für Leichtathletik (DVfL) der DDR. Bei den Olympischen Spielen in Tokio 1964 traf adidas erste Absprachen mit dem ostdeutschen Leichtathletikverband.

Gleichfalls gab es Kontakte zum Leichtathletikverband der UdSSR. Soweit es die Verbände zuließen, wurden Sportler mit adidas-Schuhen ausgerüstet.

1978 unterschriftsreif: Erster Lizenzvertrag zwischen adidas und Licensintorg. © Repro: adidas/Unternehmen Sport


Als Märkte und Produktionsstandorte spielten die sozialistischen Länder in den 1950ern keine Rolle, da Devisen fehlten. Erst Mitte der 1960er – adidas war inzwischen Weltmarktführer – wurde über das Ministerium für Außenhandel und Innerdeutschen Handel der DDR ein wirtschaftlicher Kontakt über die Lieferung von Formsohlen vom VEB Granit angebahnt. Dies blieb in den 1960ern der einzige DDR-Kontrakt.

Lohn- und Lizenzfertigungen

Hingegen wurden in Jugoslawien, Ungarn und Rumänien 1967 und 1970 Lohn- und Lizenzfertigungen von Schuhen, Taschen oder Sportbekleidung aufgenommen, um durch Produktionsverlagerungen Kosten zu senken. Insbesondere in Jugoslawien lagen die Lohnkosten deutlich unter dem deutschen Durchschnitt.

Auch war der jugoslawische Dinar konvertierbar. Mit adidas France, geführt von Horst Dassler, ergab sich im Lauf der Jahre eine firmeninterne Konkurrenz zu adidas am Gründungsstandort, die zur Folge hatte, dass günstige Produktionsstandorte gesucht wurden.

1969 kam adidas France in Kontakt mit der größten Schuhfabrik Ungarns, Tisza in Martfü.

1969 wurde überdies eine Verkaufsorganisation im rumänischen Bukarest aufgebaut.

Mitte der 1980er zeigte adidas starkes Interesse an der DDR als Absatzmarkt und Produktionsstandort. Mangelhafte Qualität und geringe Flexibilität der Betriebe standen jedoch umfangreichen Verträgen im Weg.

1987 taucht erstmals der Name Alexander Schalck-Golodkowski, Leiter der "Kommerziellen Koordinierung" (KoKo) der DDR im Schriftverkehr von adidas auf. Wie andere westdeutsche Firmen – Schiesser, Salamander, Nivea, Blaupunkt – sollten adidas-Produkte das Konsumangebot der DDR verbessern. Das Schuhprojekt scheiterte letztlich 1988.

Die DDR lehnte eine Lizenzproduktion auch bei Textilien ab. 1988 wurde Bademode im VEB Strickwaren Oberlungwitz produziert – bei Textilien das einzige Projekt, das nach zähen Verhandlungen übrig blieb.

Ein eigenes Kapitel der Unternehmensgeschichte ergab sich mit der Gründung einer Promotionsabteilung auch für die Sowjetunion nach dem Vorbild von adidas France.

Brigitte Baenkler-Dassler, drittälteste Tochter von Adi und Käthe Dassler, stand der Abteilung aufgrund ihrer Russischkenntnisse vor. Promotion-Verträge sahen die unentgeltliche Abgabe von Sportartikeln und die Zahlung einer Gebühr dafür vor, dass der jeweilige Verband seine Sportler bei internationalen Wettbewerben in adidas ausrüstete.

1976 wurde ein Vertrag mit der sowjetischen Sportführung vereinbart, mit dem sich adidas die exklusive Ausstattung von neun sowjetischen Sportverbänden – unter anderem Fußball, Handball, Eishockey, Leichtathletik – bis 1980 sicherte.

Der erste Lizenzvertrag zwischen adidas und dem sowjetischen Außenhandelsunternehmen Licensintorg (LIT) wurde von Adi Dassler am 23. Mai 1978 unterschrieben.

Ab 1980, zu Zeiten sich verschärfender Ost-West-Spannungen – die Olympiade in Moskau wurde von den USA und der BRD wegen des Einmarschs in Afghanistan boykottiert –, gab es sogar Lizenzproduktion in Russland beim Experimentellen Kombinat für Sportartikel. Die ersten Paar 40 000 adidas-Schuhe aus sowjetischer Produktion waren binnen Stunden verkauft.

Produktionsstillstand und Qualitätsmängel bei der Herstellung des Fußballschuhs "Breitner Super" waren nur ein Beispiel für das was folgte. In den späten 1980ern suchte sich adidas andere Partner.

Folgen der Kooperation mit Russland sind indes bis heute deutlich: Mannschaften aus Russland sind noch immer in adidas zu sehen – etwa bei der Fußball-WM 2018.

Unternehmen Sport. Die Geschichte von adidas, Siedler-Verlag. 

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