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Alarmierende Zahlen: Wie kann der Wald überleben?

Trockenheit schlägt deutlich heftiger zu, als bisher gedacht - 04.10.2018 12:23 Uhr

Seit 30 Jahren haben die Waldbesitzer der Korporation Dechsendorf-Niederlindach von reinen Nadelholz-Beständen in Mischwald umgebaut. Peter Pröbstle (r.) erklärt dies hier in der Dechsendorfer Lohe. © Foto: Rainer Groh


Dieses wettermäßig besondere Jahr zeigt es überdeutlich: Der Wald muss umgebaut werden. Reinbestände – obendrein, wenn sie aus Nadelbäumen bestehen – haben schlechte Chancen im Klimawandel. Im Wald der nahen Zukunft muss Platz sein für viele Baumarten – auch für Fichten und Kiefern, aber nicht nur. Das ist die Zielvorgabe, die Peter Pröbstle, Chef der Forstabteilung beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, den Leitern bzw. Geschäftsführern der forstlichen Betriebsgemeinschaften aus ganz Mittelfranken unter Bäumen darlegte.

Schon vorher, im Saal der Röttenbacher Fischküche Fuchs hatte Walter Nussel, gelernter Forstwirt und Bezirksvorsitzender der Waldbauern, den Weihenstephaner Professor Manfred Schölch begrüßt, der die Herausforderung in seinem Referat ansprach und eindringlich die Notwendigkeit ansprach, die Wälder zu pflegen. Sprich Bäume zu fällen und Holz zu machen, damit mehr Licht für den "Nachwuchs" durchkomme und den Umbau in baumartenreichere Wälder fördere.

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Hitzewelle: Diese Schäden richtete die Dürre in den Wäldern an

Der Sommer unseres Missvergnügens, möchte man Shakespeare in Abwandlung zitieren. Beim Joggen durch den Wald war kaum noch Kühle spürbar, Eichen werfen ihre Früchte im August statt im Oktober ab, Birken lassen die Blätter fallen, am Waldessaum immer wieder mal hochgewachsene Kiefern – verdorrt. Forstdirektor Peter Pröbstle, Leiter der Unteren Forstbehörde im Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, zeigt die Schäden.


Heimische Nadelbäume verkraften Wärme kaum

Aber auch nach neuen Baumarten werde man sich umsehen müssen, Gewächse, die mehr Wärme verkraften als die hiesigen Nadelgehölze, aber auch frostfest sind. Und, so Schölch, der Waldumbau muss auch öffentlich gemacht werden. Vor allem im hiesigen Ballungsraum müssten die Menschen verstehen, dass Baumfällen den Wald nicht beseitigt, sondern erhält und dazugehört.

Das versuchten Peter Pröbstle, die Revierleiterin Heike Grumann und Reiner Seifert vom Forstamt, die die privaten Waldbesitzer in Erlangen und der Umgebung betreuen, sozusagen an einem Musterbeispiel von Waldumbau zu demonstrieren, in der Dechsendorfer Lohe.

Private Waldbesitzer müssen mithelfen

Eine weitere Botschaft des Ortstermins in der Dechsendorfer Lohe: Umbau läuft nicht nur in staatlichen Wäldern. Hier, auf Erlanger Stadtgebiet, haben die privaten Eigentümer der Waldcorporation Dechsendorf-Niederlindach bereits seit 30 Jahren eine beträchtliche Vielfalt geschaffen. Bereits 2007 wurde die Arbeit dieser Gemeinschaft unter dem damaligen Vorsitz von Konrad Leipold mit dem Staatspreis für vorbildliche Waldbewirtschaftung ausgezeichnet.

Schon 1988 haben sich die Waldbesitzer um Leipold Gedanken gemacht, wie sie ihr Eigentum zukunftsfähig machen können, und entsprechend gut ist der Wald heute aufgestellt angesichts der schlimmer werdenden Bedingungen.

Der Wald in Erlangen-Höchstadt kämpft ums Überleben

Das Szenario haben Pröbstle und Grumann klar umrissen. Auf dem Sandboden des Regnitz-Schwemmlands um Erlangen haben alle Bäume von Haus aus einen Standort-Nachteil: Der Boden ist nährstoffarm, der Oberboden sauer und trocken, vielerorts noch weiter verarmt durch jahrhundertelange Streunutzung.

Alarmierende Zahlen

Dazu kommt die Tatsache, dass dieses Gebiet schon immer eins der niederschlagärmsten im ganzen Land gewesen ist. In einem Trockenheitsjahr wie 2018 ist dies besonders schlimm, und der Klimawandel wirkt sich in der hiesigen Gegend besonders aus. Die Förster nannten alarmierende Zahlen von ihrer Wetterstation in Kleinseebach: 650 bis 700 Millimeter Niederschlag sind normales Jahresmittel. Die Prognosen der Klimaforscher für unsere Gegend besagen, dass dies bis zum Jahr 2100 auf 600 Millimeter zurückgeht.

Man wird, sagt Pröbstle, diese Prognosen verschärfen müssen. Es geht schneller zurück: Zwischen 2008 und 2017 hat man in Kleinseebach im Schnitt 630 Millimeter gemessen, das ist schon fast der Trockenheitswert von 2100.

Ähnlich bei den Temperaturen. 8,9 Grad Celsius gelten als langjähriges Mittel. Die Hochrechnungen sagen, dass bis 2100 dieser Durchschnitt auf 10,9 Grad steigen wird. Tatsächlich, so Pröbstle, hat man in Kleinseebach in den vergangenen zehn Jahren einen Schnitt von 10,2 Grad gemessen, also die Prophezeiung für 2100 schon 80 Jahre vorher fast erfüllt.

Beste Bedingungen für Nadelbaum-Schädlinge, die einzeln bei normalem Klima keine große Gefahr verursachen würden, zusammen aber für ganze Bestände tödlich sein können. Diplodia, ein Wärme und Trockenheit liebender Pilz, hat die Kiefernnadeln ganzer Bestände z. B. bei Herzogenaurach von grün nach rötlich verfärbt, was die Bäume nicht überleben. Kiefern-Prachtkäfer, Buchdrucker, Waldgärtner und die schmarotzende Mistel-Pflanze setzen Kiefern und Fichten ebenfalls zu.

Die einzige Chance, in 100 Jahren noch Ertrag zu haben

Da wird der Anbau von Nadelholz hochriskant. Auch das erklärten die Staatsförster den Waldbauern. Das geringste Ertragsrisiko bietet im Vergleich die Eiche, eine Laub-Nadelholz-Mischung, wie man sie bei Dechsendorf seit 30 Jahren anstrebt, sei die einzige Chance, in 100 Jahren noch Ertrag aus seinem Wald zu holen.

Es ist auch ökologisch, auf Vielfalt zu setzen. Und das auch von Biologen und Naturschützern gewürdigte Umbau-Werk der Dechsendorfer Korporation verdankt seine abwechslungsreichen Waldbilder auch der Tatsache, dass der Wald privat ist und viele Eigentümer hat. Weil jeder je nach Zeit und Auffassung einen etwas anderen "Stil" bei der Waldpflege hat, gibt es von sehr aufgeräumten bis fast "vernachlässigten" Grundstücken eine Vielfalt, die auch der Artenvielfalt guttut.

Aber umgebaut muss werden, so die allgemeine Maxime. Auch wenn die Holzpreise wegen des reichen Angebots an wegen Käferbefalls gefällten oder vom Sturm umgewehten Bäumen "im Sinkflug" (Armin Heidingsfelder, Geschäftsführer der Forstwirtschaftlichen Vereinigung) sind, sollten die Waldbauern bald zur Säge greifen.

Damit der Umbau glückt, braucht es auch Gemeinsamkeit, gemeinsame Konzepte auch mit der Jägerschaft gegen übermäßigen Verbiss. Stefan Pratsch vom Forstministerium hatte dafür schon im "theoretischen Teil" der Tagung geworben.

Rainer Groh E-Mail

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