Mittwoch, 01.04.2020

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Buschfeuer in Australien: "Der Anfang einer neuen Zeit"

Wie frühere Landkreisbewohner in ihrer neuen Heimat Australien die Verheerungen sehen - 17.01.2020 07:00 Uhr

Die derzeitigen Waldbrände in Australien zerstören auch viele Häuser. Das gigantische Feuer scheint aber auch Spuren im gesellschaftlichen und politischen Bewusstsein des Landes zu hinterlassen. © Foto: Dan Himbrechts/dpa


"Die Gesamtstimmung ist, dass die derzeitigen Brände fundamental anders sind als die Brände zuvor", sagt Christine Winter aus Höchstadt. Sie hat 1984 Abitur gemacht, studierte Theologie in Erlangen, Tübingen und Hamburg und arbeitete als Missionshistorikerin. 1994 zog sie nach Australien – der Liebe wegen.

Die Historikerin und Forschungsprofessorin an der Flinders University of South Australia hatte Glück, dass die Feuer bei Adelaide, wo sie wohnt, schnell unter Kontrolle gebracht werden konnten. "Die Brände begannen im Hinterland, den Adelaide Hills, 20 bis 30 Kilometer von der Stadt entfernt, kurz vor Weihnachten." Sie waren überschaubar, woanders ist es der reine Horror. "Kangaroo Island mit der einzigartigen Tierwelt, speziell gesunde, nicht Virus tragende Koalas, brannte fast halb ab."

Panische Reaktion

Christine Winter stammt aus Höchstadt. Sie lebt seit 1994 in Australien. © Foto: privat


Natürlich, es gab früher schon desaströse Brände. "In Canberra 2003 kamen die Brände ungewöhnlich nahe an uns ran. Der Waldrücken einen Kilometer vor unserem Haus brannte", erinnert sich Christine Winter. "Als glühende Eukalyptusblätter im Garten landeten, packte ich panisch das Auto mit Babykleidern, Photoalben und Erbstücken voll und rief meinen Mann an, aus dem Büro heimzukommen." Am Ende verlief alles glimpflich, doch bei anderen Feuern und Bränden gab es viele Tragödien, so etwa 2009 das Black Saturday Bushfire: "Ein ungewöhnlich wildes Feuer raste über die kleine Gemeinde Kingslake, Victoria, hinweg, und 173 Menschen starben."

Mairi Barkei (r.) aus Uttenreuth besucht jedes ihr Tochter Constance in Australien. Constance Churchill hat 1998 am Christian-Ernst-Gymnasium Abitur gemacht. © Foto: privat


An diesen Brand erinnert sich auch Constance Churchill noch. "In Australien gibt es jedes Jahr Buschbrände", bestätigt die Journalistin aus Melbourne. "Das ist an sich nichts Neues oder Ungewöhnliches." Constance Churchill stammt aus Uttenreuth, hat 1998 Abitur am Christian-Ernst-Gymasium Erlangen gemacht und ging 2002 nach Australien. Die 42-Jährige lebt heute in einem kleinen Vorort von Melbourne direkt am Strand von Port Philip Bay. "Normalerweise herrscht eine kühle Brise und man kann das Salz auf den Lippen schmecken." Normalerweise. "Seit ein paar Wochen allerdings freuen wir uns, wenn wir aufwachen und die Sonne sehen, anstatt nur einen nebligen Schein, der erneut eine katastrophale Luftqualität bedeutet."

Jedes Jahr im Januar und Februar besucht die Uttenreutherin Mairi Barkei ihre Tochter Constance, und auch die 77-Jährige ist erschüttert über das Ausmaß der derzeitigen Feuer. Das eigentliche Zentrum der Brände ist nicht Melbourne, richtig schlimm ist es beispielsweise im 300 Kilometer entfernten Gippsland. Doch was an Rauch und Dreck über das Land weht, raubt vielen Australiern den Atem. Das Tennisturnier in Melbourne muss derzeit auch immer wieder unterbrochen werden, erzählt Mairi Barkei. "Drei oder vier Spieler haben schon aufgegeben."

Christine Winter ist sich sicher: Die Brände "sind der Anfang einer neuen Zeit. Der Klimawandel ist spürbar und real." Diese Erkenntnis mischt sich in Australien auch mit dem Unmut und sogar der Wut über die Bundespolitik. Insbesondere Ministerpräsident Morrison ist Zielscheibe, denn zumindest in den ersten Wochen der Brände habe er sich sehr ungeschickt verhalten. Die Bevölkerung gehe untereinander aber sehr solidarisch miteinander um, und "es geht nun ein gewaltiger politischer Ruck durch das Land", sagt Constance Churchill.

Wann die Brände aufhören, darüber will keiner spekulieren. Regenwolken ziehen derzeit auf, doch es ist erst Sommerbeginn. "Der Alltag ist noch lange nicht zurückgekehrt, und er wird es wohl auch nicht", fürchtet Constance Churchill. "Die Internationale Unterstützung macht Mut", betont Christine Winter und blickt schon voraus: "Wir hoffen, dass die Menschen außerhalb von Australien verstehen, dass wir dennoch ein spannendes, schönes und sicheres Land sind, das Touristen braucht und willkommen heißt."

 

Info

Wer mit einer Spende den Menschen helfen will, die bei den Bränden alles verloren haben, der kann dies tun beim Roten Kreuz, IBAN: DE633702050000050 23307, BIC: BFSWDE33XXX, Stichwort: Australien. Constance Churchill bittet diejenigen, die die Brandbekämpfern unterstützen wollen, um Spenden direkt an die dortigen Wehren. In Victoria: www.vic.gov.au/bushfireappeal; in Neusüdwales: NSV Rural Fire Service, BSB:032-001, account number: 171051

MATTHIAS KRONAU

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