Eine satte Portion Hörgenuss

11.2.2014, 09:00 Uhr

Gee Hye Lee, Bassist Markus Bodenseh und Schlagzeuger Sebastian Merk spielten wunderbaren Jazz. © Groh

Die Zeiten ändern sich. Jazz ist heute etwas anderes als vor 40 Jahren. Man geht heute nicht mehr in Kellerlokale, um mit Gleichgesinnten zusammen die Musik der Freiheit als Lebenseinstellung zu zelebrieren. Und die Musiker müssen heute längst nicht mehr entweder um ihre Bürgerrechte oder um ihre Anerkennung als Künstler kämpfen.

Gee Hye Lee schon gar nicht. Die klassisch ausgebildete 36-Jährige hat 2012 in ihrer Wahlheimat Stuttgart den Jazzpreis Baden-Württemberg erhalten. Bassist Markus Bodenseh arbeitet genreübergreifend mit Musikern vieler Richtungen, unter anderem den Fantastischen Vier. Und Schlagzeuger Sebastian Merk hat mit 37 eine ordentliche Professur an der Dresdner Musikhochschule „Carl Maria von Weber“.

Für Geist und Gehör

Solche Könner spielen logischerweise Jazzmusik ähnlich wie ein gutes klassisches Streichquartett Mozart. Das ist wunderbar. Die Altvorderen, die aus den Kellerlokalen, freuen sich, dass dies endlich erreicht worden ist. Aber die subversive Kraft, das Packende der Jazzmusik, ist erlahmt. Es bleibt der Genuss für Geist und Gehör eines geneigten Fachpublikums.

Das war auch am Freitagabend so. Doch hat das Fachpublikum im Höchstadter Schlossgewölbe eine satte Portion Hörgenuss abbekommen. Das Trio um Gee Hye Lee interpretiert die unverwüstliche Konstellation Klavier – Bass – Schlagzeug auf der Höhe der Zeit: Keins der drei Instrumente ist untergeordnet, keins nur „Begleitung“. Gleichberechtigt erheben sie ihre Stimmen, und das, was früher die „Rhythmusgruppe“ direkt eingebracht hat, Groove oder das Urphänomen des Jazz, Swing, entsteht irgendwo zwischen ihnen – beziehungsweise im Ohr des Hörers. Das erfordert vom Publikum Konzentration, ist aber auch extrem spannend.

Die Musik ist dynamisch, die Soli differenziert. Vor allem Bodenseh glänzt mit Einfällen und einem fast gitarrenmäßigen Bassspiel, greift auch zum Bogen, wie in dem von Monks „Round Midnight“ hörbar beeinflussten Gee-Hye-Lee-Stück „Midnight Walk“.

Am von der Neustadter Firma Meinl ausgeliehenen Drumset — Sebastian Merk war nur mit seinen herrlich klingenden alten türkischen Cymbals angereist — agiert der Schlagzeuger mehr klangverliebt als rhythmusgebunden, benutzt schon mal den Stimmschlüssel als Schlägel-Ersatz, lässt ein Spieluhrenwerk auf dem Trommelfell klingen.

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Mit Drive

Trotzdem: Die drei verbreiten nicht nur Klangmalerei, sondern auch Drive. Und immerhin haben sie sogar zwei Swingnummern dabei: „Autumn Song“ und im zweiten Set „Everything I love“. Da schleppt die Pianistin wie eine gute Sängerin etwas hinter dem Beat, während das Schlagzeug etwas vorauseilt — alles wie es sein muss.

Die Chefin an den Tasten lässt die Männer in der Combo durchaus am langen Zügel. Gee Hye Lee lockt Bass und Schlagzeug mit sparsamen Akkorden aus der Reserve, lässt sie sich musikalisch „austoben“ und hat doch das Heft in der Hand.

Ob das der weibliche Zugang zum Jazz ist? Nicht unbedingt: Eine ähnliche Spielweise kennt der Verfasser von dem amerikanischen Piano-Minimalisten Mal Waldron. Den hat er vor 35 Jahren mal live gehört. In einem Kellerlokal.