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Höchstadt: Begegnungsgruppe für Alkoholkranke

Projekt will Wege aus der Sucht zeigen - Forum richtet sich auch an "trockene Alkoholiker" - 16.01.2016 17:37 Uhr

Wenn Menschen beginnen, heimlich zu trinken, zum Beispiel Hochprozentiges in „unauffällige“ Trinkgefäße umfüllen, ist das ein Alarmzeichen. Zwei bis drei Prozent der Deutschen gelten als alkoholkrank. © Foto: dpa


Der Schritt, zum ersten Mal in eine Selbsthilfegruppe zu gehen, kostet Überwindung. Daran erinnert sich Norbert Weigand-Schönnagel aus eigener Erfahrung. Aber es ist ein Schritt, der sich lohnen kann. Weil man dort auf Menschen trifft, die wissen, von was man spricht und die dasselbe Problem haben. Die nachvollziehen können, wie schwer der Kampf gegen den Alkohol sein kann, wenn man erst einmal abhängig ist.

Bis zur Abhängigkeit ist es bei Erwachsenen allerdings ein langer Weg. „Zehn bis zwölf Jahre“ dauere das, während Jugendliche schon nach sechs Monaten der Sucht erliegen können. Und wie erkenne ich überhaupt, dass ich alkoholkrank bin? „Die Gedanken kreisen immerzu um den Alkohol“, sagt Weigand-Schönnagel. „Man überlegt, ob man genug zu trinken daheim hat, um übers Wochenende zu kommen.“ Indiz ist auch, dass der Betroffene Vorräte anlegt, heimlich trinkt. Auf Nachfrage sein Trinkverhalten verharmlost. Im Job Ausfälle zeigt.

Er leitet die neue Begegnungsgruppe: Norbert Weigand-Schönnagel.


Eines ist Norbert Weigand-Schönnagel aber wichtig: „Ich würde nie jemandem auf den Kopf zusagen, dass er ein Problem hat.“ Zu dieser Einsicht müssten die Kranken selbst kommen. „Denn sonst kann man auch nicht aufhören.“ Jemand anderem zuliebe auf den übermäßigen Konsum von Bier, Wein und Schnaps zu verzichten, sei wenig vielversprechend. „Man macht das für sich selbst“, weiß der Leiter der neuen Begegnungsgruppe. Dass es auch in der Familie wieder besser klappe, sei ein positiver Nebeneffekt.

Die Begegnungsgruppe richtet sich sowohl an trockene Alkoholiker als auch an die, die der Droge noch verfallen sind. „Denn wir wollen niemanden ausgrenzen“, sagt Weigand-Schönnagel. Dass jemand volltrunken zur Gruppe erscheine, gehe mit Rücksicht auf die anderen Teilnehmer aber freilich nicht.

Eine Zielgruppe dürfte es auch in Höchstadt geben: Schätzungen gehen davon aus, dass zwei bis drei Prozent der Bevölkerung in Deutschland alkoholkrank sind und weitere zehn Millionen Menschen einen riskanten Umgang mit Alkohol pflegen.

Geben wird es in der Gruppe Gespräche, wie es den Teilnehmern gerade geht, wo ihnen der Schuh drückt. „Wir zwingen dabei aber niemanden zum Reden“, betont der Gruppenleiter. Es öffne sich nur, wer das wirklich wolle. Darüber hinaus gibt es Fachvorträge, in denen zum Beispiel die verschiedenen Alkoholikertypen erklärt werden – also dass es neben den Spiegeltrinkern, die immer einen gewissen Pegel brauchen, auch die Quartalstrinker gebe, die teils monatelange Trockenphasen haben können, sich dann aber wieder bis zum körperlichen Zusammenbruch betrinken. Und die Problemtrinker, die den Alkohol zum Abschalten brauchen.

Ein Patentrezept, wie man sich aus der Abhängigkeit befreie, gebe es übrigens nicht. „Wir können in der Gruppe lediglich Wege aufzeigen, wie es funktionieren kann, mehr nicht“, so Weigand-Schönnagel. So könne man beispielsweise eine stationäre oder ambulante Therapie machen – allerdings erst nach der Entgiftung. „Bei Therapiebeginn sollte man schon körperlich weg sein vom Alkohol“, sagt der Gruppenleiter.

Doch wie geht das, Entgiftung? „Ja nicht zuhause“, sagt Weigand-Schönnagel. Denn wer seinen regelmäßigen Alkoholpegel von drei Promille auf null zurückfahre, müsse mit ernst zu nehmenden körperlichen Folgen rechnen. Manch einer sei infolge von Krampfanfällen bei einer Entgiftung zuhause sogar schon gestorben. „In der Klinik hingegen lindern Tabletten die Entzugserscheinungen.“ Tabletten, die aber nicht für den Hausgebrauch verschrieben werden.

Hinter dem neuen Höchstadter Angebot steht übrigens das Blaue Kreuz, ein Selbsthilfeverband, dessen bundesweit etwa 1000 Gruppen sich selbst organisieren. Besonderheit: Das Blaue Kreuz richtet sich nur an die Betroffenen selbst, sondern kümmert sich auch um die Angehörigen. Auch in Höchstadt, soll es, wenn sich genügend Angehörige melden, ein separates Angebot geben. Denn Weigand-Schönnagel weiß: „Deren Probleme sind anders gelagert.“ Einen Rat kann er Ehepartnern oder Kindern von Alkoholkranken aber schon jetzt geben: „Sie müssen ihr eigenes Leben weiterleben und dürfen sich nicht nur nach dem Kranken richten.“

Die Begegnungsgruppe trifft sich alle 14 Tage. Zum nächsten Mal am Montag, 25. Januar, ab 19.30 Uhr in den Räumen der WAB Kosbach in der Kapuzinerstraße 7a in Höchstadt. Mehr Informationen bei Norbert Weigand-Schönnagel unter (0 91 63) 99 71 01.

KATRIN BAYER

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