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Höchstadt: Jeder Siebte hatte die Spanische Grippe

Trotz Todesfällen im Aischstädtchen wurde bei einer Infektionswelle 1918 nicht auf Abstand geachtet - 02.06.2020 06:00 Uhr

Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen im Jahr 1918 in Betten eines Notfallkrankenhauses im Camp Funston der Militärbasis Fort Riley in Kansas (USA). In Höchstadt gab es noch kein Krankenhaus. © Foto: National Museum of Health and Medicine/dpa


Von der ersten Welle der Pandemie im Frühjahr und Sommer 1918 blieb die Stadt noch verschont. Die zweite, deutlich härtere Welle der Pandemie im Herbst 1918 erreichte Höchstadt. Der Erste Weltkrieg war inzwischen in seiner allerletzten Phase angelangt. Mitten in diese Ereignisse fällt am 11. Oktober eine Meldung im "Aischtalboten", die zunächst kaum auffällt: Der Gerichtsassistent Michael Kammrich sei "nach kurzem Krankenlager" verstorben. Auch wenn wir nicht definitiv wissen, ob er tatsächlich einer Grippeinfektion zum Opfer fiel, deuten die folgenden Ereignisse doch stark darauf hin. Am nächsten Tag wird im "Aischtalboten" erstmals explizit auf die Verbreitung der Grippe hingewiesen: In Hamburg hatten sich 200 Menschen infiziert.

Zwei Tage später jedoch starb in Höchstadt der Junge Heinrich Popp "nach kurzem Leiden plötzlich und unerwartet" und "im Blütenalter von 14 Jahren". Erst fünf Tage danach, am 19. Oktober, findet sich eine erste konkrete Meldung zur Gefahrenlage: Es wird darauf hingewiesen, dass die Krankheit durch Tröpfcheninfektion beim Husten und Niesen übertragen werde, dass Krankenbesuche und große Menschenansammlungen vermieden werden sollten und dass bei einer Erkrankung strenge Bettruhe gehalten sowie ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden solle.

Acht Tage geschlossen

Am 22. Oktober schreibt der "Aischtalbote": "Auch in unserer Stadt und in den Orten der Umgegend hat die Grippe sich weiter verbreitet. In manchen Häusern liegt die ganze Familie an dieser Krankheit darnieder. Die Schulen wurden auf acht Tage geschlossen." Diese Maßnahme wurde noch einmal verlängert, jedoch erfolgten von offizieller Seite keine genaueren Handlungsanweisungen oder gar Vorschriften zur Gefahrenabwehr.

Ab jetzt häuften sich die Todesanzeigen, in denen die Formulierung "nach kurzem schweren Leiden plötzlich und unerwartet" gebraucht wurde. Und auch das Alter der Verstorbenen lässt aufhorchen: Der Landwirt Konrad Gugel aus Schwarzenbach war gerade einmal 32 Jahre alt und hinterließ Frau und Kinder. Anna Grau aus Krausenbechhofen war 25 Jahre alt, Josef Dengler aus Höchstadt 30 Jahre. In Schwarzenbach starb am 24. Oktober Lina Fischer. Es war ihr 14. Geburtstag. Zwei Tage später erlag der Vater Friedrich Fischer der Krankheit. Hart traf es auch die Familie Dellermann in Nackendorf. Innerhalb von nur zehn Tagen verloren die Eltern ihre drei Töchter Margareta (15), Maria (22) und Katharina (18). Ebenfalls tragisch ist der Fall des Konrad Förster aus Lonnerstadt. Der 27-jährige Soldat, der vermutlich mehr als vier Jahre im Feld gewesen war, wurde während seines Urlaubs zu Hause von der Grippe befallen und starb. Da der Waffenstillstand unmittelbar bevorstand, hätte er nicht mehr einrücken müssen.

Weitere Katastrophe

Erst am 25. Oktober findet sich im "Aischtalboten" eine Empfehlung des Reichsgesundheitsamtes, sich sorgfältig die Hände zu waschen und mit lauwarmem Wasser zu gurgeln. Weitere Nachrichten zur Grippe betreffen vor allem die Situation in der Schweiz, wo die Infektionszahlen besonders hoch waren. Der Weltkrieg überlagerte alles und dabei blieb nahezu unbemerkt, dass sich mit der Pandemie vor aller Augen eine weitere Katastrophe abspielte, auf die man konsequent hätte reagieren müssen.

Als die Nachrichten von den Revolutionen in München und Berlin durchdrangen, wurden auch in Höchstadt Versammlungen einberufen, um Arbeiter- und Soldatenräte zu gründen. Kaum jemand scheint sich der tödlichen Gefahr bewusst gewesen zu sein, in die er sich damit brachte.

Ein Krankenhaus existierte damals noch nicht in der Stadt. Erst 1921 beschloss der Stadtrat, in den Räumen des früheren Spitalgebäudes ein Stadtkrankenhaus einzurichten.

In der zweiten Novemberhälfte gehen die Todesanzeigen im "Aischtalboten" deutlich zurück, die Seuche hatte offenbar ein Ende gefunden. Sie hatte allein in der Stadt 15 Todesopfer gefordert.

Da man in dieser Phase der Spanischen Grippe von einer Letalität von fünf bis zehn Prozent ausgeht, mussten sich bis zu 300 Personen angesteckt haben. Bei rund 2100 Einwohnern, die Höchstadt damals hatte, also jeder siebte.

CHRISTIAN PLÄTZER

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