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Homeschooling für Flüchtlingskinder in Herzogenaurach: "Es ist alles zu viel"

Sprachhürden, Technikprobleme: Rückkehr in den Wechselunterricht sorgt für Erleichterung - 22.02.2021 11:00 Uhr

Reem Maho, Zehntkässlerin an der Mittelschule in Herzogenaurach, möchte bald ihre Mittlere Reife machen. Sie sitzt im Schneidersitz auf ihrem Bett. Wichtigstes Werkzeug ist das Smartphone.

21.02.2021 © Foto: Edith Kern-Miereisz


Wie ist das Auge aufgebaut? Wie heißen die Regierungsbezirke Bayerns? Schreibe eine Erörterung über "Evolution". Das sind die Schul-Themen, denen die Kinder, je nach Schulart und Jahrgangsstufe begegnen.

"Was ist Plusquamperfekt?", fragt ein Vater einen der Flüchtlingsbetreuer. Dieser kümmert sich zusammen mit seiner Frau um vier Familien mit 18 Personen. Seinen Namen möchte er nicht veröffentlicht haben. Seine Einschätzung jedoch: "Die Schulen sind am Limit, Schule kann nicht mehr leisten."

Arbeitsblätter per Mail aufs Handy

Reem, die älteste Tochter der Familie Maho, besucht die 10. Klasse der Mittelschule in Herzogenaurach. Ihr Bruder Zakaria ist Schüler der vierten Klasse in der Carl-Platz-Schule. Während des Lockdowns erhielten sie Arbeitsblätter der Schule oder Aufgaben per Mail auf ihr Smartphone.

Der Flüchtlingsbetreuer hat bei der sechsköpfigen Familie mit vier Kindern inzwischen den Status einer Vertrauensperson erreicht. Er druckt Arbeitsblätter, ging mit den Kindern zum Schlittenfahren.

Die Eltern, Mahmoud Maho und Amina Ahmad, flüchteten . Vater Mahmoud arbeitet inzwischen als Fahrradmechaniker bei Radsport Nagel. Mutter Amina beschreibt die Lockdown-Phase so: "Alle sind dauernd zuhause. Das ist viel zu anstrengend."

Hausis auf dem Boden - das entspricht ihrer Kultur

Hausaufgaben auch einmal auf dem Boden sitzend zu erledigen, entsprechend ihrer Kultur, ist bei Migranten-Familien nicht ungewöhnlich. Im Umgang mit dem Smartphone sind Schüler, die mit Homeschooling konfrontiert wurden, äußerst versiert.

Tablets oder Laptops werden teilweise von der Schule oder von Privatleuten zur Verfügung gestellt, weiß Konrad Eitel von Leitungskreis der Flüchtlingsbetreuung in Herzogenaurach. Offenbar erhält jedoch nicht jeder Schüler zeitnah die notwendige Ausstattung verweist er auf ein Schreiben der Mittelschule vom 15. Februar 2021. Ferner tue sich oft diese Hürde auf: Welche Programme sind auf dem Laptop installiert? Die Zeiten, als die Flüchtlingsbetreuung noch fast jede Familie kannte, seien vorbei, lässt Eitel außerdem wissen. Die meisten der betreuten Migranten seien inzwischen anerkannt, fanden Wohnungen und Arbeit.

Auch der Vater lernt

Schwierig sind die wachsenden Lücken im Stoff und die fehlende Kommunikation mit den Lehrern.

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Von der Vielfalt von Problemen berichtet der Vater einer sechsköpfigen mit Wurzeln in Nigeria. Die Familie gelangte vor Jahren über die Ukraine nach Franken. Inzwischen hat sie den Status "anerkannt" erreicht.

Der Vater ist zurzeit selbst Schüler, er absolviert eine Pflege-Ausbildung, auch die Mutter ist berufstätig. Die beiden älteren der vier Kinder besuchen die 6. Klasse des Gymnasiums beziehungsweise die 4. Klasse der Carl-Platz-Schule – im Lockdown von zu Hause aus. "Es fühlt sich nicht wie Schule an", fasst der Vater seine Erfahrungen zusammen.

Kein stabiles Internet, Infos der Lehrer oft unverständlich

Die Internet-Verbindung sei nicht stabil, die Ausführungen der Lehrer oft nicht zu verstehen. Auch mit Youtube-Videos sei vieles nicht nachzuholen. Das Interesse seines Sohnes an seinem Lieblingsfach Mathematik sei leider erlahmt.

Durch das Ausdrucken der Menge an Unterrichtsmaterial sei auch der Drucker in die Knie gegangen. Hohe Kosten verursachten die Druckerpatronen. Das Resümee des Vaters: "Es ist alles zu viel."

Auch er selbst habe bei seiner Ausbildung vom Gefühl her ein Jahr verloren und um einjährige Verschiebung seiner Abschlussprüfung als Pfleger gebeten.

Viertklässler Zakaria Maho (l.) - hier mit seinem kleinen Bruder - braucht das Handy für die Hausaufgaben. Er freut sich auf den Präsenzunterricht. 

21.02.2021 © Foto: Edith Kern-Miereisz


Ein Lichtblick sei immerhin der nun beginnende Wechselunterricht. Seine Kinder freuten sich, wieder in die Schule zu gehen, Freunde zu treffen und vor sich einen Lehrer zu haben, der etwas erklärt.

Begegnungen mit antiquiertem Frauenbild

Mit viel Einsatz betreut ein Flüchtlingsbetreuer seit rund zwei Jahren eine Familie mit sechs Kindern aus dem Irak, insbesondere zwei Söhne, die die Mittelschule besuchen. Mit Energie versuchte er, Struktur, Engagement und Initiative bei den Jungen zu erzeugen – erlebte allerdings wenig ermutigende Verhaltensweisen, Passivität und die Begegnung mit einem antiquierten Frauenbild: "Ruckzuck ist man in alle möglichen Alltagsprobleme involviert."

Die kulturelle Anders-Prägung, die Entscheidungen meist auf Traditionen und familiäre Bindungen gründet, sei wohl zu tief, bilanziert der Ehrenamtliche.

Eltern "in jeder Hinsicht überfordert"

Homeschooling und Corona habe diese Situation noch verschärft. Die Eltern seien "in jeder Hinsicht überfordert". Außerordentlich indes seien die Hilfestellungen vor allem auch durch die Lehrer an der Mittelschule: "Sie tun alles in ihrer Macht Stehende. Ich ziehe meinen Hut."

Bedingt durch die Corona-Pandemie gingen auch Kontakte zwischen der Familie und dem Flüchtlingsbetreuer zurück. Seit November 2020 erfolgten persönliche Treffen nur noch anlassbezogen und mit Maske.

Schlüsselkinder sind sich stundenlang selbst überlassen

Was einer der Flüchtlingsbetreuer schließlich zu bedenken gibt, ist dies: Familien könnten immer noch auf das Wissen und Können vieler zurückgreifen. Alleinerziehende Mütter allerdings seien durch die Corona-Pandemie und Homeschooling der Kinder noch wesentlich stärker gefordert und belastet. Schlüsselkinder seien oft viele Stunden des Tages sich selbst überlassen.

Doch dies ist eine weitere Geschichte.

EDITH KERN-MIEREISZ

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