Donnerstag, 27.02.2020

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"Ich küsse Dich von Kopf bis Fuß": Heute ist Valentinstag

Warum der Liebesbrief auch im digitalen Zeitalter unverzichtbar ist: Autorin Tessa Korber über perfekte Liebesbekundungen, kostbare Erinnerungen und Dating-Apps. - 14.02.2020 06:00 Uhr

Diese beliebten Aufkleber zieren bundesweit die Briefkästen, so auch in Nürnberg – etwa an der Marienstraße, Sulzbacher Straße und Rothenburger Straße. © Foto: Jan Woitas/dpa


Ich glaube nicht, dass Leute auf dem Sterbebett bedauern, dass sie zu oft "Ich liebe Dich’ gesagt haben" – umgekehrt aber sicher. Mit diesen Worten eröffnet die Schriftstellerin Tessa Korber das Gespräch, bei dem es vor allem um eines gehen soll: Liebesbriefe.

 

Frau Korber, wann haben Sie zuletzt einen Liebesbrief bekommen?

Das ist erst wenige Wochen her. Mein Partner und ich, wir sind beide Schriftsteller, fassen unsere Gefühle gerne in Worte. Ich habe auch einen Liebesbrief immer dabei – in meinem Notizbuch.

 

Warum das?

Es ist ein ganz besonderer Brief. Einer der Ersten in unserer Beziehung, in dem große Dinge stehen. Ich lese ihn immer wieder gerne, und er ist für mich auch eine Art Glücksbringer. Wenn man es geschafft hat, Dinge richtig auszudrücken, ist das sehr kostbar.

 

Es geht ja auch digital. Warum ist ein Liebesbrief schöner als eine WhatsApp-Nachricht?

Er ist länger und man gibt sich mehr Mühe. WhatsApp-Nachrichten sind spontan – zwischendurch rasch getippt. Sie haben natürlich auch ihren Reiz und zeigen, dass einer an einen denkt, aber sie haben eben auch eine andere Qualität. Bei einem Brief setzt man sich hin und macht sich Gedanken: Was will ich dem anderen sagen? Solch ein Brief ist ein großes Geschenk an Zeit, Offenheit, Intensität und Ehrlichkeit.

 

Und was ist mit einer E-Mail?

Sie würde ich als Brief gelten lassen, private E-Mails können auch sehr lang und ehrlich sein . . . Aber ein handschriftlicher Brief ist schöner, auch mit Blick auf die Gestaltung – ein Gesamtkunstwerk halt.

 

Was halten Sie von Emojis?

Sie sind unerlässlich bei WhatsApp & Co., weil sie eine nonverbale Kommunikation abbilden. Chatten geht schnell – ohne dass wir unser Gegenüber sehen. So können leicht Missverständnisse entstehen, Emojis beugen da vor, weil sie Stimmungen und Gefühle vermitteln.

 

Es gibt auch jede Menge Liebe-Emojis . . .

Wie schon gesagt: Kleine, spontane Liebesbotschaften haben auch ihren Reiz, aber bitte wohldosiert und mit Abwechslung. So ist es ja auch beim Texten: Man soll originell sein und sich nicht wiederholen.

 

In Zeiten von Tinder, Lovoo & Co. – spielen da Liebesbriefe noch eine Rolle?

Die Schriftstellerin Tessa Korber (Jahrgang 1966) ist in Grünstadt in der Pfalz geboren und in Forchheim aufgewachsen. Heute lebt die zweifache Mutter in Nürnberg. Sie ist eine leidenschaftliche Liebesbriefschreiberin und hat im Vorjahr einen BZ-Kurs zum Thema geleitet. © Foto: Michael Matejka


Liebesbeziehungen beginnen oft mit dem geschriebenen Wort . . . Heute lernen sich viele übers Internet und soziale Netzwerke kennen. Man stellt sich vor und nähert sich über Text an und versucht, den anderen zu beeinflussen – eine zeitgenössische Art von Briefkontakt. Die Vorgehensweise variiert, auch überzogene Selbstdarstellungen und irgendwelchen Anmach-Sprüche à la "So schmilzt sie garantiert" fehlen nicht. Letztendlich steht am Schluss die Entscheidung, ob man sich in natura kennenlernen möchte oder nicht. Aber auch hier verliert der Liebesbrief nicht an Bedeutung. Er ist eine Institution und gehört zu den Ritualen – und das rettet ihn auch.

 

Stimmt. Im Internet gibt es viele Ratgeber und Muster für Liebestexte. Wenn man "Liebesbrief schreiben" googelt, erhält man 1 600 000 Treffer, bei "Liebeserklärung WhatsApp" dagegen nur 215 000.

Da schließe ich mal auf einen großen Bedarf, ansonsten würde es diese Seiten im Netz nicht geben. Die Kehrseite: Wir haben heutzutage immer mehr Singlehaushalte. Umso wichtiger ist es, solche Instrumente einzusehen. Ein Liebesbrief ist eine schöne Tat in der Beziehung. Im besten Fall entsteht ein lebenslanger Dialog, den man mit viel Offenheit beginnt.

 

Wenn jemand gar kein Schreibtalent hat – sollte sie/er auf derartige Vorlagen zurückgreifen?

Nein, solche Muster sind furchtbar und durchschaubar. Bevor man so etwas nutzt, sollte man lieber in sich hineinhorchen und sich fragen: Was ist es, was ich jemandem sagen möchte, und was fühle ich? Hilfreich ist es dabei, auf eine konkrete Situation einzugehen, einen Moment zu beschreiben. Lieber kleiner und ehrlicher als Floskeln.

 

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Deine Augen sind wie Sterne – das funktioniert nicht. Besser ist es, sich konkret auf ein Erlebnis zu beziehen. Also: Du hast spontan gelacht, als ich Dir das Bild auf meinem Smartphone gezeigt habe. Ich mag die Art, wie Du lachst . . . Es geht letztendlich weniger darum, originell zu sein, als ehrlich zu zeigen, dass man den anderen sieht und schätzt. Noch ein Tipp: Manche Dinge sollte man eher andeuten als alles auszuschreiben. Nicht zuletzt, um der Fantasie des Empfängers ein wenig Raum zu lassen.

 

Und wenn die Schreibblockade schon bei der Anrede anfängt?

Man sollte die Latte nicht so hoch hängen und nicht krampfhaft versuchen, geistreich zu sein. Im Zweifelsfall hat der oder die Angebetete ja auch einen Vornamen.

 

Wie romantisch darf es denn sein?

Je nachdem, auf welcher Temperatur man köchelt. Ich glaube, da findet jeder seinen Stil. So schrieb Karl Marx auf seine ganz eigene Art an Jenny von Westphalen, seine spätere Ehefrau: "Ich küsse Dich von Kopf bis Fuß, nicht Liebe für das Proletariat sondern die Liebe für Dich macht einen Mann wieder zum Mann." Früher legte man gerne dem Liebesbrief ein Gedicht bei. Ein schöner Zug mit der Botschaft: Diese Zeilen haben mich berührt.

 

Zu guter Letzt: Wie viele Liebesbriefe haben Sie in Ihrem Leben geschrieben?

Da muss ich schätzen: Diese Zahl liegt sicher noch im dreistelligen Bereich – irgendetwas unter 1000.

 

Auch speziell zum Valentinstag?

Nein. Ist er jedoch der erste Anlass, sollte man diesen Tag dafür nutzen, aber sich bitte nicht darauf beschränken. Blicke sind schön, aber manchmal braucht es eben das Wort, um zu wissen, wie es gemeint ist.

INTERVIEW: CLAUDIA BEYER

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