Sonntag, 11.04.2021

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Klebheim ist weiter gegen Funkmast

Über Standort könnte jetzt eine Klage entscheiden - 19.10.2017 08:58 Uhr

Rege Diskussion mit den Bürgern (v. l.): Horst Rehder, Karin Ehrhardt, Dietmar Reinholdt und Thomas Kurz.

18.10.2017 © Foto: Max Danhauser


Schon seit einiger Zeit ist die Deutsche Funkturm GmbH gewillt, einen Funkmast nahe Klebheim zu errichten. Im Dezember 2013 hatte das Landratsamt den Bauantrag der Gesellschaft abgelehnt, die wiederum klagte, und das Verfahren ruht derzeit. Im Folgenden hatten Gespräche zwischen Kommune und Gesellschaft stattgefunden, ein Kompromiss sollte her. Doch der angebotene Alternativstandort war für die Deutsche Funkturm GmbH nicht realisierbar.

Konkret ginge es um einen Masten mit einer geplanten Höhe von 46 Metern. Auf einer der Gemeinderatssitzungen wurde dann der Wunsch laut, seitens der Gemeinde bei der Entscheidungsfindung, ob das gemeindliche Einvernehmen für die Bauvoranfrage der Funkturm GmbH erteilt werden soll, die Bürger Klebheims mit ins Boot zu holen (wir berichteten). Und dafür gab es eine Informationsveranstaltung am vergangenen Montag im Niederlindacher Sportheim.

Datenvolumen wächst

Karin Ehrhardt, Kommunalbeauftragte Mobilfunk Bayern der Telekom, begründete, wieso ein Funkmast gebraucht wird. Das mobile Datenvolumen steige rapide an. Allein in den letzten acht Jahren habe es sich vervierzigfacht, der Trend soll weiter nach oben gehen. Ausreichend Kapazität wolle man zur Verfügung stellen. Und die sei aus Sicht der Telekom im Gebiet in und um Klebheim nicht gegeben, ein Mast müsse also zwingend im fokussierten Gebiet realisiert werden. Unter anderem von Versorgungslücken war die Rede. Doch genau da setzte der erste Kritikpunkt der Klebheimer an. Die fühlen sich in Sachen Netz nämlich gut versorgt. "Ich habe in Klebheim noch keinen gehört, der schlechten Empfang hat", äußerte sich ein Anwesender. Dass es in Klebheim keine Lücken gäbe, konnten auch die anderen Anwohner bestätigen.

Die Versorgungslücken seien bei Messungen durch Testfahrten festgestellt worden, erklärte Ehrhardt den NN.

Und auch die anwesenden Gemeinderäte interessierten sich für die Thematik und kritisierten so manchen Punkt. Axel Gotthardt (FW) brachte vor, dass der Verdacht aufkäme, das es bei dem Vorhaben wohl um den wirtschaftlichen Ertrag ginge. Dass das ein Aspekt sei, wollten auch die Vertreter der Gesellschaften nicht leugnen.

Als neutraler Sachverständiger war Thomas Kurz anwesend, Mitarbeiter des Landesamtes für Umwelt (LfU). Für die Strahlung (elektromagnetischen Wellen) eines Funkmasten werden bestimmte Grenzwerte festgelegt, die nur in einer bestimmten Nähe (meist 20 Meter) oder einer bestimmten Höhe zum Masten überschritten werden. Die Frage nach der richtigen Entfernung zum Ort gestalte sich also schwierig. Denn trotz zahlreicher Aufzeichnungen von Beschwerden durch Bestrahlung konnte kein Zusammenhang zwischen den Strahlen und dem Leiden nachgewiesen werden. Es hätte nicht bestätigt werden können, dass solche Wellen verantwortlich für schlechten Schlaf, Hirnleistungen oder Kopfschmerzen seien. Auch fehle es an einem Nachweis, ob die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigt sei oder die Strahlung krebserregend wirken könne.

Die Strahl-Leistung eines Funkmastes stellte Kurz also weitgehend als unbedenklich dar. Ein Mobiltelefon habe eine viel höhere Emission als ein Funkmast. Gerade wenn die Entfernung zum Funkmasten steige, steige auch die Emission des Handys enorm. Je weiter weg der Funkturm vom Ort rückt, desto höher also auch die Strahlenbelastung.

Dennoch bekräftigten einige Bürger die individuelle Reaktion Einzelner auf Strahlen.

Kurz sprach daraufhin von elektrosensiblen Probanden. Dass diese Personen tatsächlich Beeinträchtigungen hätten, wollte er nicht bestreiten, wissenschaftlich sei aber kein tatsächlicher Zusammenhang nachweisbar. Für Kurz sei das Phänomen auf den Noceboeffekt (Gegenteil von Placeboeffekt) zurückzuführen.

Je länger die Diskussion dauerte, desto mehr kamen Stimmen aus der Bevölkerung auf, der Funkmast sei eigentlich nur dazu da, die Autobahn besser zu versorgen, um Klebheim gehe es gar nicht.

Der Mast sollte nämlich unter anderem dazu dienen, eine Strecke von gut einem Kilometer auf der Autobahn besser zu versorgen. Und da brachten eben weitere Klebheimer Kritik an. "Was bringt mir der Mast in Klebheim – außer Strahlen?", so eine Anwohnerin.

Immerhin habe man einen Auftrag zur lückenlosen Versorgung, erklärte Ehrhardt gestern auf Nachfrage am Telefon, und dieser Auftrag ergebe sich aus der Lizenzvergabe für Funkfrequenzen. Das schließe die Autobahnversorgung explizit mit ein.

Viele sahen nur Telekom-Kunden als Nutznießer eines womöglich verbesserten Netzes. Es handle sich um eine reine Planung der Telekom, verriet Ehrhardt auf Nachfrage der NN. Zunächst würden also tatsächlich nur Telekom-Kunden von einer Netzverbesserung profitieren. Andere Netzbetreiber könnten aber theoretisch Kapazitäten des Turmes nutzen, sofern entsprechende Verträge geschlossen würden.

Ein Bürger wollte wissen, ob die Telekom denn Angst habe, ihr Marktmonopol zu verlieren. In die Zukunft müsse man denken, hieß es von den Firmenvertretern.

Wald weg, besserer Empfang?

Doch gerade mit dem Blick in die Zukunft sei der Funkmast eben nicht notwendig, brachten Anwohner hervor. Klebheim sei sowohl wirtschaftlich als auch in der Bevölkerungsdichte kein Ballungsraum. Außerdem werde durch den Autobahnausbau einiges an Wald fallen, so könnten dann bestehende Funkmasten auch die Autobahn besser versorgen, erklärten Bürger.

Seit November vergangenen Jahres sind Betreiber über das sogenannte DigiNetz-Gesetz dazu angehalten, vorhandene, passive Netzinfrastruktur wie Masten und Antennenanlagen mitzunutzen. Doch im Umfeld um das zu versorgende Gebiet gäbe es weder von der Telekom noch von einem anderem Betreiber verfügbare Kapazitäten, erläuterte Ehrhardt auf NN-Nachfrage.

"Ob es die richtige Entscheidung war, wird sich herausstellen", so Bürgermeister Horst Rehder. Er und sein Gemeinderatsgremium werden bei der Ablehnung der Bauvoranfrage der Funkturm GmbH bleiben.

Wie es nun weitergeht, wird sich zeigen. Karin Ehrhardt erklärte gegenüber dieser Zeitung, dass wohl im Rahmen eines Klageverfahrens über den Bauantrag zum präferierten Standort entschieden werde.

 

MAX DANHAUSER

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