Donnerstag, 21.11.2019

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Kompetenzchaos bei Erziehern: "Das Ansehen ist ramponiert"

Bildungsexperte Karl-Friedrich Köbler kritisiert Spaltung der Berufswelt - 08.11.2019 15:38 Uhr

Ist es wirklich schon fünf vor zwölf beim Thema „frühkindliche Bildung“? Karl-Friedrich Köbler hält ein gesellschaftliches Umdenken für nötig. © Foto: Daniel Naupold/dpa


Herr Köbler, Sie meinen, der Freistaat versuche, den Fachkräftemangel bei sozialpädagogischem Personal zu kaschieren. Inwiefern?

Durch die Debatte über Quereinsteiger – ich erinnere an die Diskussion nach der Schlecker- und Quelle-Pleite – und durch Billig- und Kurzausbildungen. Statt auf die bewährten Ausbildungen an Fachakademien und Fachhochschulen zu setzen, gibt es immer mehr Ausbildungsgänge auf Berufsfachschullevel oder pseudoakademischer Ebene.

Was ist die Folge?

Ein Kompetenzchaos und eine Spaltung in der Berufswelt. Das Ansehen von Erzieherinnen wird weiter ramponiert. Es kennt sich ja niemand mehr aus, wer in einer Kita oder anderen Arbeitsbereichen welche Kompetenzen besitzt. Das verwirrt Kinder, Eltern und Mitarbeiter. Statt zu zergliedern müssen wir die Ausbildungen synchronisieren, auf die bewährten Standbeine setzen und die Inhalte deutlich verbessern. Natürlich hat die Bürokratisierung stark zugenommen und es ist schwerer geworden, eine Einrichtung zu leiten. Obwohl es viele Erzieherinnen erfolgreich tun. Dem lässt sich aber durch berufsbegleitende Fortbildungen begegnen. Außerdem sollten wir eher mal Bürokratisierung abbauen.

Karl-Friedrich Köbler hat von 1975 bis 2012 als Lehrkraft an der Fachakademie für Sozialpädagogik Höchstadt gearbeitet und diese in der Aufbauphase mitgeprägt. Außerdem hat der 72-Jährige jahrzehntelang an den Positionen der GEW Bayern zur Ausbildung sozialpädagogischer Fachkräfte mitgewirkt und tut dies auch aktuell, indem er im Staatsministerium den Arbeitskreis „Fachkräftegewinnung in der frühkindlichen Bildung“ unterstützt. © Foto: Claudia Freilinger


Sie nennen das Ansehen von Erzieherinnen "ramponiert" – wie lässt sich das aus Ihrer Sicht ändern?

In Sonntagsreden loben Politiker momentan gerne den Berufsstand. Aber das bringt ja nichts. Wir müssen eventuelle Minderwertigkeitsgefühle vermeiden, indem wir es attraktiv machen, Erzieherin zu sein. Das funktioniert, in dem man das Image sowie den sozialen und ökonomischen Status anhebt.

Das kostet natürlich Geld . . .

Genau. Und Bildungspolitik ist bei uns seit Jahren Sparpolitik. Da müssen wir gegensteuern. "Die Kinder sind unser Schatz", heißt es oft. Als Schatz werden sie auch behandelt – und zwar ganz konkret: als ökonomisches Gut. Seit gut 20 Jahren baut die Wirtschaft ihren Einfluss besonders auf die frühkindliche Bildung immer weiter aus, in dem sie zum Beispiel Ausbildungsstätten für Sozialpädagogen betreibt oder Förderprogramme in die Kitas bringt, die primär darauf abzielen, gute Arbeitnehmer für später zu formen.

"Testeritis" im Kindergarten

Was meinen Sie konkret?

Es gibt einen regelrechten Programmierungswahn. Kitas werden zugestopft mit Bildungs- und Förderprogrammen, entwickelt von den großen Stiftungen, hinter denen Wirtschaftskonzerne stehen. Ich nenne mal Bertelsmann, McKinsey oder andere. Deren Chefs sind durch ihren Einfluss inzwischen unsere wahren Bildungsminister. Die Programme lassen sich bei den Eltern gut verkaufen und Erzieherinnen fühlen sich aufgewertet, weil sie wegkommen vom Spieltanten-Image, in dem sie auch ein bisschen Lehrkraft spielen dürfen.

Welche Folgen hat das für die Kinder?

Kurz gesagt: Sie können ihre persönlichen Potenziale nicht entfalten und sich zu starken Persönlichkeiten entwickeln, denn darum geht es gar nicht. Sie sollen ressourcenorientierte Bildung aufnehmen und den Wunsch nach geformten Fachkräften erfüllen. Der bekannte Neurobiologe Gerald Hüther hat gut beschrieben, wie die Bildungssysteme die angeborenen Begabungen unserer Kinder kaputt machen und auch was die Alternativen wären.

Sie meinen, frühkindliche Bildung geht insgesamt in die falsche Richtung?

Die "Testeritis" ist im Kindergarten angekommen. Und mit ihr die Gleichmacherei. Es wird immer weniger Wert gelegt auf die Diversität von Gruppen, in denen Kinder voneinander lernen können, gerade weil sie unterschiedlich alt sind oder aus verschiedenen Kulturen stammen. Damit alle vergleichbar und testbar werden, und damit Auslese stattfinden kann, muss man etwa Gleichaltrige zusammenpacken.

Interview: Claudia Freilinger

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