Seelsorge in Höchstadt in Zeiten von Corona

Katrin Bayer
Katrin Bayer

Nordbayerische Nachrichten Herzogenaurach/Höchstadt

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20.3.2020, 06:57 Uhr
Die St.-Georgs-Kirche bleibt für Menschen, die sich im stillen Gebet zurückziehen wollen, geöffnet. Von Samstag auf Sonntag sogar die ganze Nacht.

Die St.-Georgs-Kirche bleibt für Menschen, die sich im stillen Gebet zurückziehen wollen, geöffnet. Von Samstag auf Sonntag sogar die ganze Nacht. © Foto: Edgar Pfrogner

Gottesdienste? Finden auf Weisung von Politik und Erzbistum aus Infektionsschutzgründen bis auf Weiteres nicht mehr statt. Religionsunterricht am Gymnasium, den der Chef der St.-Georgs-Pfarrei sonst hält entfällt? Die Schulen haben bis zum Ende der Osterferien geschlossen. Auch sonst muss Seelsorge in Zeiten der Corona-Krise, um die Ansteckungsgefahr für alle zu minimieren, anders erfolgen als sonst.

"Der Pfarrer und sein Mitarbeiterstab haben aber keinen Urlaub und schlafen nicht aus", betont Kemmer. Man versuche, die Krise geistlich zu bewältigen. "Ich bete für alle", so der Priester. Genau darum werde er von den Menschen, die er teilweise tief verunsichert erlebt, vielfach gebeten. Auch von den Ärzten, die ihn deshalb anrufen.

Überhaupt: anrufen. Telefonisch stehe er für Sorgen und Nöte selbstverständlich zur Verfügung, sagt der Pfarrer. Auch wenn ein Patient im Höchstadter Krankenhaus Beistand wünsche, würden er oder der Krankenhaushausseelsorger der Pfarrei kommen – trotz des dort seit Mittwoch herrschenden Besuchsverbots. "Ich verkleide mich dann eben wie ein Astronaut", erklärt Kemmer. Sicherheit gehe vor, für alle Beteiligten. Auch Menschen außerhalb des Krankenhauses bekämen auf Wunsch Besuch, ebenfalls mit den nötigen Schutzvorkehrungen.

Die St.-Georgs-Kirche steht für Menschen, die sich zum stillen Gebet dorthin zurückziehen wollen, offen. "Supermärkte und Schalterhallen von Banken bleiben ja ebenfalls offen, also schließen wir unsere Kirche auch nicht ab", so der Pfarrer. Dies sei nötig, denn die Menschen seien in diesen Tagen massiv auf der Suche nach Halt und Orientierung: "Ich stelle fest, dass sie ein wahnsinniges Bedürfnis haben, das Ganze religiös zu reflektieren." Gerade wer ohnehin Sorgen habe, beispielsweise familiäre, werde durch die aktuell erforderliche soziale Isolation noch bedrückter.

An diesem Wochenende, in der Nacht von Samstag auf Sonntag, sei St. Georg "als Fluchtpunkt" sogar die ganze Nacht für Betende geöffnet – "unter strikter Beachtung aller Auflagen", wie Kemmer versichert.

Einige regelmäßige seelsorgerische Angebote gebe es aber weiterhin: Jeden Sonntag stünden die Seelsorger der Pfarrei von 9 bis 10.30 Uhr für Gespräche zur Verfügung. Und jeden Abend um 18 Uhr zündet Kemmer an der Lourdesgrotte eine Kerze an und betet "um Schutz und Gesundheit für die Stadt und für alle Menschen". Überhaupt sei die Grotte an der Kleinen Bauerngasse, da unter freiem Himmel, derzeit ein Anziehungspunkt. Was die nächsten Wochen angeht, laufen in der Pfarrei die Planungen. Eine Osternacht wird es nach momentanem Stand in St. Georg nicht geben, derzeit wird überlegt, ob eine Übertragung per Live-Stream denkbar ist.

Eine Woche nach Ostern stünde eigentlich der Weiße Sonntag an. "Auch hier überlegen wir", sagt Kemmer. Denn keiner wisse derzeit, ob der coronabedingte Stillstand nicht länger dauern werde als bis zum avisierten 19. April. "Vielleicht wäre es eine klarere Ansage, wenn wir die Erstkommunion gleich verschieben." Auch, weil sich am Weißen Sonntag an den Gottesdienst weltliche Feiern anschließen. "Wenn da immer noch die Sicherheitsauflagen in den Gaststätten gelten, haben diese begrenzte Kapazitäten und es wird schwierig", meint Kemmer. Noch sei aber nichts entschieden.

Eine Hochzeit sei in St. Georg bislang nicht gefährdet, die erste des Jahres sei Mitte Mai geplant. Taufen könnten auch derzeit stattfinden, aber eben nur mit Täufling, Eltern und Paten. Beerdigungen sowieso, mit gebührendem Abstand zwischen den Trauergästen. "Das ist entspannter, weil das unter freiem Himmel stattfindet", sagt Kemmer.

Und was kommt nach Corona? "Die Natur lehrt uns gerade Demut", sagt der Stadtpfarrer. In einer Zeit, in der die Menschen dank Internet sonst alles selbst regeln würden, würden sie merken, wie abhängig und hilfsbedürftig man eigentlich sei. "Es wäre gut, wenn diese Einsicht etwas nachwirken würde." Zudem erlebe die Welt momentan eine Politik, "die endlich mal wieder was entscheidet". Diese Entscheidungsfreude wünscht sich Kemmer künftig auch in ökologischen Fragen. Denn sonst steuere die Welt geradewegs auf das nächste Problem zu.

Info: Der Pfarrgemeinderat hat eine Hilfsaktion für Menschen initiiert, die wegen der Corona-Krise beispielsweise nicht mehr selbst einkaufen gehen können. Vermittlung über das Pfarramt, Telefon (0 91 93) 83 92.