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Smartphone ab der 5. Klasse? Ein klares Nein von Eltern aus Höchstadt

Erziehungsberechtigte haben sich hier vernetzt, weil ihr Kind noch kein Gerät bekommen soll - 22.02.2021 05:21 Uhr

Sollten Zwölf- oder 13-Jährige schon eigene Smartphones haben? Eine Höchstadter Elterninitiative sagt „Nein“ und hat sich Strategien überlegt, wie Motivation und Inspiration bei Schulkindern auch ohne „Wischkästla“ funktionieren kann.

19.02.2021 © Symbolfoto: imago images/Westend61


Landschaftsarchitektin Katrin Nißlein ist dabei. Sie hält sich an das Motto: "Wir warten gemeinsam". Im Interview erklärt sie, warum.

Frau Nißlein, was steckt hinter Ihrer Initiative?

Wir sind fünf Familien mit Kindern im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren. Beim Übertritt in die weiterführende Schule, also mit 11 oder 12, wird das Thema Smartphone sehr akut. Weil wir uns aber – wie übrigens auch viele IT-Spitzenmanager im Silicon Valley in den USA – entschieden haben, unsere Kinder nicht unbegleitet mit einem solchen Gerät umgehen zu lassen, haben wir uns vernetzt. Es gibt ja Basistelefone als Alternative – sie sind frei von den Gefahren der Smartphones.

Welche Gefahren sehen Sie?

Die Beteiligten innerhalb unserer Gruppe haben unterschiedliche Gründe zu warten. Da sind zum Beispiel die körperlichen Auswirkungen – nicht nur auf die Gehirnentwicklung, auch auf Fingergelenke oder Genick. Für mich ist der Suchtfaktor ein sehr wichtiger Punkt. Ich habe erlebt, wie die beiden acht- und elfjährigen Söhne meines Lebensgefährten im Auto saßen und geweint haben, weil der Handyakku leer war und sie nicht zocken konnten. Das hat mich sehr erschreckt.

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Da liefern Sie ein gutes Beispiel. Was können Eltern tun, deren Kinder bereits über ein Smartphone verfügen, die aber zunehmend das Gefühl bekommen, dass die Sache aus dem Ruder läuft?

Sie dürfen ihre Meinung ändern. Es ist aber wichtig, dass sie mit den Kindern darüber sprechen und ihnen die Gründe erklären. Wir haben Beispiele genannt. Wenn wir gemeinsam Dinge unternehmen, einen Hasenstall bauen oder Schlitten fahren, dann stört es, wenn die Jungs immer am Handy hängen. Dann haben wir die Regel eingeführt, dass alle ihre Smartphone morgens und abends eine halbe Stunde nutzen dürfen – sonst kommen sie weg. Und wenn ich alle sage, meine ich alle. Auch die Erwachsenen. Inzwischen ist das ganz normal geworden.

Sie haben ebenfalls eine elfjährige Tochter. Wie findet sie das Warten?

Meine Große besucht die fünfte Klasse am Gymnasium Höchstadt und ist tatsächlich ein der wenigen, die noch kein Smartphone haben. Aus pubertären Gründen hat sie am Anfang jede Woche gefragt, wann sie eins bekommt. Mittlerweile ist das kein Thema mehr, dann sie hat ein eigenes Tablet, das sie nutzen darf – beim Homeschooling oder zum Chatten mit den Klassenkameraden.

In ihrem Berufsalltag muss sie permanent erreichbar sein: Katrin Nißlein leitet ein Planungsbüro für Landschaftsarchitektur und Stadtplanung. Sie lebt mit ihren zwei sechs- und elfjährigen Töchtern in Höchstadt. In ihrer Freizeit reduziert die 42-Jährige daher ihre persönlichen Telefonate auf ein Minimum. Mit ihr gemeinsam dürfen ihre KinderSmartphone und Tablet benutzen.

19.02.2021


Okay, ein Tablet ist erlaubt. Was macht den Unterschied?

Das ist ganz klar. Ein Tablet verschwindet nicht in der Tasche. Ich kann es nicht überall mit hinnehmen, sondern es bleibt zu Hause auf dem Schreibtisch. Damit ist der Umgang auch automatisch in einem kontrollierten Rahmen. Bei der Nutzung setze ich übrigens nicht für blinde Verbote, sondern auf Aufklärung. Denn die Kinder und Jugendlichen sind da im Zweifel sowieso schlauer als wir.

Das bringt uns zum Stichwort "digital natives" und zu einem klassischen Argument für eine frühe Smartphone-Nutzung: Die junge Generation wächst mit der Digitalisierung auf, die Corona-Pandmie wirkt zurzeit als zusätzlicher Katalysator. Droht nicht die Gefahr, dass diejenigen abgehängt werden, die zu lange warten?

Natürlich gibt es Gegenrede, schließlich ist es auch bequem, wenn ich meinem Kind einfach mein altes Smartphone gebe und dann ist es beschäftigt. Wenn es darum geht, ausgeschlossen zu sein, sagen wir oft: Wenn mehr Leute warten, könnte es auch umgekehrt sein. Wir verteufeln ja auch nicht alle Medien. Mit einem Smartphone bin ich aber ständig auf Empfang und das bedeutet Stress. Das merken wir Erwachsenen ja schon, wenn es darum geht, konzentriert zu arbeiten, obwohl überall etwas aufblinkt. Darauf sollte man Kinder nicht ungefiltert loslassen.

Corona hat Ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie hatten eigentlich noch viele Aktionen und Vorträge geplant. Welche?

Wir wollten zum Beispiel einen Smartphone-Führerschein anbieten und wir hatten schon einen Termin mit dem bekannten Hirnforscher Manfred Spitzer, der als Zugpferd zu einer Informationsveranstaltung nach Höchstadt gekommen wäre. Die Pläne liegen jetzt erstmal auf Eis. Aber wir haben eine informative Homepage aufgebaut, die viele Argumente liefert. Wir freuen uns auch über jeden, der bei unserer Initiative mitmachen möchte.

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INTERVIEW: CLAUDIA FREILINGER

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