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Mittwoch, 27.05.2020

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Therapeuten in ERH in der Klemme

Physio-Praxen dürfen nur noch sehr eingeschränkt arbeiten - 28.03.2020 06:57 Uhr

Physiotherapie-Praxen dürfen zurzeit nur Notfälle behandeln, alle anderen Patienten müssen auf das Ende der Ausgangsbeschränkungen warten. © Foto: Highwaystarz-Photography/iStock.com


Schon vor der Ausgangssperre, als die Welt noch weitgehend im Normalbetrieb lief, leerte sich der Behandlungskalender von Mielewski und ihren vier angestellten Therapeuten spürbar. "Die einen hatten Angst vor einer Infektion und haben deshalb gleich für die nächsten Wochen bis Monate ihre Termine abgesagt, andere kamen aus dem Skiurlaub zurück und standen deshalb unter Quarantäne", erzählt Mielewski.

Zudem hätten viele Ärzte keine Behandlungsrezepte mehr ausgestellt, weil "sie der Meinung waren, dass es in diesen Zeiten zu gefährlich wäre, in eine Physiopraxis zu gehen". Auch wenn so ein Vorgehen rechtlich gar nicht haltbar sei, da die Patienten ein Recht auf Behandlung hätten. Ungewohnte Ruhe in der Praxis.

Dazu kam das Problem, dass die Therapeuten auch zu dieser Zeit schon mit Schutzausrüstung arbeiten mussten. "Wir hatten als Auflage, mit Maske zu behandeln, haben auf dem Markt aber keine mehr bekommen." Eine Hausarztpraxis, mit der sie zusammenarbeite, habe ausgeholfen.

Mittlerweile ist die Therapiepraxis geschlossen. Zwar dürfte zumindest der Physio-Teil auch nach dem Erlass der bayernweiten Ausgangsbeschränkungen noch Patienten behandeln, aber nur Notfälle. Also Menschen, die nach Operationen auf Lymphdrainage angewiesen sind. Frisch Herztransplantierte. Patienten mit Mukoviszidose. "Wir haben derzeit aber keine Notfallpatienten", sagt Mielewski. Ihre Telefonnummer hat sie für etwaige dringende Fälle hinterlegt.

Nun hat sie also Zeit für Online-Fortbildungen. "Sonst wird man ja verrückt, wenn man zu Hause sitzt und nichts zu tun hat", sagt die junge Frau.

Die ganze Sache noch schlimmer machen die wirtschaftlichen Ängste, die viele Therapeuten gerade haben. "Vom Staat erhält man leider nicht viel Hilfe", so Mielewski. Und das, obwohl die Gesundheitsberufe doch auch systemrelevant seien. Sie hat nun einen Antrag auf Kurzarbeit für ihr kleines Unternehmen gestellt: "Es ist ja wichtig, die Stellen zu sichern." Umso mehr, weil es so schwer sei, Fachkräfte zu finden.

Darüber hinaus hofft sie auf 5000 Euro staatliche Soforthilfe. Ihren tatsächlichen Ausfall deckt das natürlich nicht. "Den bekämen wir nur erstattet, wenn das Infektionsschutzgesetz greifen würde", sagt Mieleswki. Will heißen: Wenn in ihrer Praxis ein Corona-Infizierter behandelt worden wäre und diese deshalb hätte geschlossen werden müssen.

Eine theoretische Möglichkeit, die finanzielle Durststrecke zu überbrücken, wäre Teletherapie. "Wir dürften die Patienten jetzt via Bildschirm behandeln", so die Therapeutin.

"Aber ganz ehrlich: Wie soll das gehen mit einem bettlägerigen Menschen, der sich nicht allein bewegen kann und den ich mobilisieren muss?" Physiotherapeuten müssten nun mal "ran an den Menschen". Helfe beispielsweise statt der Fachkraft ein Angehöriger bei der Ausführung der Übungen, bestehe die Gefahr, dass die Bewegungen eben doch nicht genau die richtigen seien – und die Schmerzen danach schlimmer als vorher.

Der Spitzenverband der Heilmittelverbände fordert finanzielle Soforthilfen der gesetzlichen Krankenversicherung in Form von Ausgleichszahlungen. Denn: Wenn die Therapeuten keine Leistung erbringen können, entstehen den Krankenkassen keine Kosten. "Die sparen sich gerade ein Heidengeld, weil die Kassen für die vielen Dauerrezepte ja Rückstellungen haben", sagt auch Mielewski. Die Ausgaben wären bereits eingeplant gewesen.

Der Verband argumentiert, dass den Kassen durch die Zahlungen keine Zusatzkosten entstünden, den Heilmittelerbringern aber die Existenz gerettet würde. Denn etwaige Rücklagen seien bei den meisten – "wegen der ohnehin sehr geringen Vergütungssätze", so der Verband – schnell aufgebraucht. Müssten Praxen jedoch aus finanziellen Gründen schließen, verursache das auf Dauer Versorgungsprobleme.

Sonja Mielewski hofft nun einfach, dass sich die Lage möglichst bald wieder entspannt. "Aber selbst nach dem Ende der Ausgangsbeschränkungen wird es noch einige Wochen dauern, bis der Betrieb wieder so läuft wie vorher und der Kalender wieder voll ist", schätzt sie.

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