Montag, 17.02.2020

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Über Allergien, Ernährungstrends und Tütensparen

Ernährung bekommt eine neue Bedeutung:Zwischen Superfood und Fasten - 04.03.2015 07:55 Uhr

Die Betreiberin des Reformhauses, Ursula Dorweiler. Glutenfreie Nahrungsmittel sind zurzeit ebenso ein Verkaufserfolg wie Matchatee und Maqui-Beeren. © Foto: Ralf Rödel


Burgstall in Tirol, Firmensitz von „Dr. Schär“, war vor 20 Jahren ein Insidertipp für Menschen, die auf Gluten allergisch reagierten. Einen Werksverkauf gab es dort nicht. Inzwischen gibt es „Schär“-Produkte – Nudeln, Brot, Kuchen, Pizzen – im Drogeriemarkt.

Die Aufnahme gekochter Lebensmittel gilt manchen Menschen bereits als schädlich. Andere schwören auf die Kost aus fernen Ländern: Indien oder Japan. Nicht wenige nehmen Ergänzungsmittel zur Selbstoptimierung zu sich.

Ursula Dorweiler betreibt in Herzogenaurach ein 2014 preisgekröntes Reformhaus. Als Ernährungs- und Allergieberaterin ist ihr Angst ihrer Kunden vor bestimmten Stoffen in der Nahrung vertraut. Auf die Frage, ob Kunden das Thema teils schon hysterisch behandeln, wiegt sie den Kopf.

Zwischen Allergien und Unverträglichkeiten einerseits, bewusstem, selbstgewähltem Vermeiden von Nahrungsmitteln wie Schweinefleisch, Milch oder Weizen, sei zu unterscheiden. Einerseits würden Menschen in der Tat über prompte Beschwerden wie Blähungen, Kopfschmerz, Hautausschlag bei der Aufnahme gewisser Lebensmittel klagen.

Welle von Unverträglichkeit

Andererseits sei festzuhalten, dass seit drei bis fünf Jahren eine schiere Welle von Unverträglichkeiten – Lactose, Fructose, Histamin – über das Land hinwegrollt.

Frauenärzte, Kinderärzte, Heilpraktiker – alle möglichen Adressen würden mittlerweile Blut- oder Atemtests anbieten, oft für hohe Summen.

Oft nach weiteren Recherchen, „teils wie wahnsinnig im Internet“, so die Beobachtung von Ursula Dorweiler, würden viele Betroffene, sehr häufig seien es Frauen, ins Reformhaus gelangen mit der Quintessenz: „Ich darf alles nicht mehr, ich brauche etwas zu essen.“ Doch solcherart Leidgeplagte sollten vielleicht einen Arzt aufsuchen.

Die Mitarbeiter des Reformhauses sind selbst bis zu einem gewissen Grad verunsichert. Es gibt „Unmengen Leute, die wirklich leiden“, beobachtet Ursula Dorweiler.

Bei anderen könne man sich des Eindrucks nicht erwehren, „dass sie zu viel in sich hineinhorchen“.

Selbstverständlich seien auch viele sensibilisiert durch die Vielzahl der Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre: Hackfleisch, Analogkäse, Hormone und Antibiotika im Fleisch, Glykol im Wein, verseuchte Tierfuttermittel. Angesichts der Nachfragen nach gesundem und bei Abwehrreaktionen des Körpers verträglichem Essen hat das Reformhaus im Herbst auch eine Diätassistentin eingestellt, die Kunden beraten kann. Denn die Selbstdiagnose könne gutgehen, aber auch nicht.

Ein anderes Klientel das neuerdings das Reformhaus aufsucht, das als beratungskompetent gilt, ist die Zielgruppe der gesundheitsbewussten Selbstoptimierer, oftmals Singles.

Sie lassen sich ansprechen vom Antioxidantiencheck, der den augenblicklichen „Widerstandswert“ des Körpers misst, von Superfood mit Matchatee, vom aktuellen Mega-Trend Kokosöl, Ginseng oder den Maqui-Beeren mit dem „hohem Antioxidantien-Wert“. Ursula Dorweiler rät ein Stück weit zu Bodenhaftung, in vielerlei Hinsicht. „Die Leute wollen immer wieder etwas Neues und der Markt bietet es den Verbrauchern an.“

Ihr Beispiel, wie Moden konterkariert werden: „Pommes vom Schnellrestaurant sind auch vegan.“ Man sollte sich nicht aus einer Haltung heraus „krankessen“. Und man sollte Frische, Regionalität, Qualität kaufen. Qualität vor allem bei den Rohstoffen, die habe eben aber auch ihren Preis und „Geiz ist geil“ die entsprechenden Folgen: „Man kann nicht alles erwarten.“

Heuer zum ersten Mal bietet sie mit der Weisendorfer Apothekerin Sabine Gerharz zusammen eine Heilfastenwoche an. Bei ihrer Tochter, die in Berlin lebt, habe Fasten wie eine Art „Reset“ gewirkt. Plötzlich rebellierte der Körper nicht mehr auf ein Milchprodukt.

Auch eine andere Fasten-Schiene wird im Reformhaus heuer erstmals ausprobiert: „Plastikfasten“. Es gibt nur noch schwarze Pfand-Stofftüten für 15 Cent, die man zurückbringen kann: „Bei den Kunden kommt das toll an.“

Edith Kern-Miereisz

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