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Über Glück: "Eine Spirale der Unersättlichkeit"

Bei unserer Suche nach dem Hochgefühl sind wir zu gierig, meint der Philosoph Helmut Hof, der kürzlich in Höchstadt war - 12.04.2019 07:00 Uhr

Es sind Momente zum Abheben, nach denen wir auf der Suche nach Glück streben. Aber nur weil wir in einem Urlaub glücklich waren, bedeutet das nicht, dass wir es dort immer wären, meint Helmut Hof.


Herr Hof, mal gleich ganz privat gefragt: Was im Landkreis Erlangen-Höchstadt macht Sie glücklich?

Das ist ganz klar: Ich wandere für mein Leben gern und da gibt es in der Gegend viele tolle Möglichkeiten. In der Natur zu sein, tut der Seele gut.

 

Die Suche nach dem Glück ist eine sehr starke Antriebsfeder im Leben. Wie wird man fündig?

Es klingt vielleicht banal, aber: Glücklich kann nur der werden, der weiß, was ihn glücklich macht.

Ich bin zum Beispiel oft im Urlaub ausgeglichen und froh . . .

Helmut Hof (60) hat in Bamberg Philosophie, Psychologie und Theologie studiert und arbeitet seit 1991 hauptamtlich in der Erwachsenenbildung. Seit zehn Jahren ist er Pädagogischer Leiter und Geschäftsführer der Katholischen Bildungswerke der Landkreise Erlangen-Höchstadt und Forchheim. Er hält Vorträge zu verschiedenen Themenkomplexen, zum Beispiel interreligiöser Dialog, Spiritualität oder Glaubensfragen.


Ja, Ferien stimmen uns natürlich positiver als eine schwere Erkrankung. Aber Untersuchungen haben gezeigt, dass wir vor allem die Dauer unserer Gefühle falsch einschätzen. Das Wohlfühl-Barometer pendelt sich selbst nach der Erfüllung lang gehegter Wünsche schnell wieder auf dem alten Niveau ein. Die Menschen haben offensichtlich so etwas wie ein "psychologisches Immunsystem".

Okay, und wie funktioniert das?

Es ist ein seelischer Schutzmechanismus, der heftigen Emotionen schnell die Wucht nimmt – egal, ob sie positiv oder negativ sind. Das hat auch seinen Sinn, da wir in emotionalen Ausnahmezuständen nur bedingt alltäglich funktionsfähig sind. Hinzu kommt: Wir machen uns oft falsche Vorstellungen über das, was uns auf die Dauer glücklich macht. Wir hängen an einer Vergangenheit, die vorbei ist, und machen uns Vorstellungen von einer Zukunft, die so nie kommt. Die naive Glückstheorie "wünschen, bekommen, glücklich sein" funktioniert nicht.

Aber wie lässt sich Hochgefühl denn in den Alltag integrieren?

Das Glück hat drei Seiten: "Glück haben", "glücklich sein" und "das geglückte Leben". Wem der Zufall Unglück gebracht hat, der versucht sich zu wappnen, indem er alles möglichst vollständig kontrolliert. Er übersieht dabei aber, dass er damit auch das zufallende Glück ausschließt. Weniger das äußere Ereignis an sich ist entscheidend als vielmehr die innere Einstellung, mit der wir es aufnehmen.

Und dann erleben wir Momente höchster Lebendigkeit – Momente, in denen wir ganz bei uns sind?

Genau, damit sind wir beim "glücklich sein". Das wollen wir festhalten. Glücksforscher weisen jedoch darauf hin, dass das Streben nach ständigem Glück illusionär ist. Die Erfahrung des Glückes hat immer etwas Momenthaftes.

Sie meinen, wir sind zu gierig?

Die Vorstellung einer Dauerbefriedigung ohne Genussverschleiß führt zu einer Spirale der Unersättlichkeit, die typisch für unsere Gesellschaft ist. Erreicht wird so aber nicht tiefes Glück, sondern bestenfalls Spaß, der ständig neue, stärkere Reize braucht. Wer ein Glas Wein wirklich genießen kann, der muss keine zwei Flaschen trinken. Es kommt nicht auf die Menge des Erlebten an, sondern auf die Tiefe und Intensität.

 

Wir können das Glück also nicht festhalten oder dauernd wiederholen. Wie können wir es trotzdem erreichen?

Das grundlegende Paradoxon jedes Strebens nach Glück lautet:

Das Glück ist ein Nebenprodukt; es ist nur durch die Hintertür erreichbar. Ich muss achtsam sein im Hier und Jetzt. Jeder Augenblick lädt ein, sich ihm ungeteilt zuzuwenden.

Wo das geschieht, ist es ganz einfach – aber es braucht viel Selbstdisziplin, um dieses Einfache zu entdecken und zu werden. Die Menschen sind am erfülltesten in einem Zustand höchsten Tätigseins, wenn sie sich selbst in etwas ganz vergessen. Das ist die Schlüsselfrage, die jeder nur für sich selbst beantworten kann: was liegt mir wirklich am Herzen? Und dann nehmen Sie sich Zeit dafür und lassen im Gegenzug manch anderes sein. Und keine Sorge: Sie verpassen nichts.

 

Und was ist dann letztlich ein "geglücktes Leben"?

In der Glücksforschung ist ein geglücktes Leben ein intensives Leben, das das gesamte Spektrum in sich birgt. Dazu gehören Erfahrungen momenthaften Glücks genauso wie Erfahrungen von Schmerz, Krankheit, Verlust und Scheitern. Erst die Kontraste bringen die Intensität des Lebens hervor.

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