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Züchterin aus Adelsdorf: Corona macht "gierig nach Welpen"

Sabine Karl-Krauß berichtet von kriminellen Machenschaften und den Folgen für die Tiere - 01.02.2021 15:25 Uhr

Hier ist es offensichtlich: Amerikanische Bulldoggen spielen im Leben von Züchterin Sabine Karl-Krauß eine große Rolle. In Adelsdorf betreibt sie ein Hundezentrum und hat nach dem ersten Lockdown einige Probleme beobachtet, die „Corona-Welpen“ für den Rest ihres Lebens begleiten werden.

21.01.2021 © Foto: Jürgen Flachs


Frau Karl-Kraus, momentan dürfen Sie leider coronabedingt in Ihrer Hundeschule Training mehr anbieten. Wie war es nach dem ersten Lockdown – sind Ihnen viele "Corona-Welpen" begegnet?

Sabine Karl-Kraus: Es ist tatsächlich so: Wir hatten im Jahr 2020 so viele Welpen wie noch nie zuvor. Ich würde sagen, es waren etwa ein Drittel mehr als sonst. Und es ist wirklich ein großes Problem, denn sie sind in der Zeit des ersten Lockdowns in die Familien gekommen und deshalb oft sehr unsichere Hunde geblieben.

"Jeder Welpe ist ein kleiner Rassist"

Wie kommt das?

Sabine Karl-Kraus: Bei jungen Hunden findet bis zur 16. Lebenswoche eine wichtige Phase der Sozialisierung auf Umwelt statt. Was das Tier in dieser Zeit mit seinen Sinnen wahrnimmt, akzeptiert er als normal. Sie müssen wissen: Jeder Welpe ist ein kleiner Rassist.

Ein Dackel mag Dackel, andere Arten sind ihm fremd – weil sie oft auch anders kommunizieren. Begegnet der Hund am Anfang nur wenigen anderen Hunden und Menschen, denkt er später schnell bei allem Neuen: Bleib mir vom Leib. Aus dieser Unsicherheit heraus, könnte dann schnell aggressives Verhalten entstehen - der Hund knurrt, bellt und zieht an der Leine – was dann beim Hund und Halter zu einem großen Leidensdruck führt.

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Was können Hundebesitzer tun, damit das nicht passiert?

Sabine Karl-Kraus: Ich rate momentan dazu, dass sie versuchen mit anderen Familien in Kontakt zu kommen, die einen Welpen oder auch gerne souveränen, erwachsenen Hund haben. Das können gerne andere Hundetypen und Rassen sein – aber vielleicht sollten nicht gerade Dackelwelpe und Labradorwelpe miteinander spielen, das könnte ohne professionelle Begleitung schwierig werden.

Aber ist die Zeit nicht tatsächlich sehr günstig, um sich einen Hund neu anzuschaffen? Schließlich sind alle gerade viel daheim…

Sabine Karl-Kraus: Ein Welpe ist anstrengend. Er braucht ganz viel Zeit. Das läuft nicht einfach so nebenbei im Homeoffice. Es ist eher wie bei einem Baby: Man weiß nie, wann schläft das Tier, wann hat es vielleicht Bauchweh oder muss dringend raus. Da ist es vielleicht einfacher, sich einen erwachsenen Hund aus zweiter Hand zu holen. Die sind dann schon stubenrein und etwas einfacher zu handhaben.

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Sie selbst züchten auch. Wie sieht es mit der Nachfrage nach Ihren amerikanischen Bulldoggen aus?

Sabine Karl-Kraus: Bei mir läuft alles ganz normal. Ich denke, die seriösen Züchter sind momentan sogar eher zurückhaltend. Sie können die Interessenten ja nicht kennenlernen und das ist mir zum Beispiel sehr wichtig. Außerdem haben wir immer nur einen Wurf im Jahr und da sind die Welpen meist schon monatelang vorher reserviert.

Die Preise sind völlig überzogen

Aber die Menschen wollen sicher nicht warten, oder? So ein Lockdown kann ja auch schnell wieder vorbei sein…

Sabine Karl-Kraus: Genauso ist es und ich beobachte immer häufiger, dass sich Privatleute dafür entscheiden, ihre Hündin decken zu lassen, um Würfe zu produzieren, die sie dann teuer verkaufen können. Die Leute sind richtig gierig momentan. Viele sind bereit, völlig überzogene Preise zu zahlen. 3000 Euro für einen kleinen Mischling zum Beispiel. Auch kriminelle Machenschaften nehmen zu. Tiere werden viel zu jung, aus "Welpenfabriken" aus dem Ausland geschmuggelt – meist ohne Impfungen – und hier teuer verkauft. Oft sind diese Hundebabys dann körperlich und geistig schwer krank und überleben die ersten Wochen nicht.

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Wie geht es den Welpen die diese Tortour überleben?

Sabine Karl-Kraus: Die leiden ein Leben lang darunter. Das sind teils richtige kleine Kaspar Hauser, denn sie kommen viel zu früh von ihrer Mutter weg, oft mit fünf Wochen schon. Da findet natürlich keine ausreichende, qualitativ gute Sozialisation statt. Wie auch?

Für die Entwicklung eines Welpen sind die ersten 16 Lebenswochen entscheidend. Hier wird der Grundstein dafür gelegt, dass sich der Welpe zu einem ausgeglichenen und freundlichen Familienmitglied entwickelt.

Gab es noch andere auffällige Veränderungen bei den Hunden nach dem ersten Lockdown?

Sabine Karl-Kraus: Als die Tiere plötzlich wieder alleine zuhause bleiben sollten, gab es viele, die damit jetzt ein wirkliches Problem hatten. Und damit natürlich ihre Halter ebenso.

INTERVIEW: CLAUDIA FREILINGER

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