20°

Freitag, 14.08.2020

|

zum Thema

Huber: "Widerstände gegen dritten Nationalpark zu groß"

Der Umweltminister im Streitgespräch mit Ex-BN-Landeschef Hubert Weigner - 01.05.2018 14:10 Uhr

Eine prächtige Buche im Steigerwald - ein Nationalpark wird das Areal aber auf absehbare Zeit nicht.

© dpa


Herr Huber, Markus Söder hat in seiner ersten Regierungserklärung kaum weniger als paradiesische Verhältnisse im Freistaat angekündigt. Ein dritter Nationalpark hat keinen Platz in diesem Söder’schen Garten Eden. Warum?

Marcel Huber: Gegen einen dritten Nationalpark gibt es zu große Widerstände in der Bevölkerung. Der Plan, ein solches Projekt nur mit den Menschen vor Ort zu verwirklichen, ist derzeit nicht machbar. An seine Stelle setzen wir ein breite Naturoffensive.

Zwei Drittel der Bevölkerung Bayerns sind für einen dritten Nationalpark, den auch Söders Vorgänger Horst Seehofer noch unbedingt haben wollte.

Huber: Das Ergebnis der Umfrage stammt aus einer bayernweiten Erhebung. Je weiter weg man vom Standort eines solchen Schutzgebietes wohnt, desto leichter kann man zustimmen, weil man es nicht direkt zu spüren bekommt.

Wie lange wird das Vorhaben nun beerdigt sein?

Huber: Die Idee wird jetzt zurückgestellt und wir stärken den Naturschutz bayernweit an vielen Stellen.

Herr Weiger, können Sie diesen Kurswechsel innerhalb kürzester Zeit nachvollziehen?

Prof. Hubert Weiger war seit 2002 Vorsitzender des Bundes Naturschutz (BN) in Bayern. Jetzt löst ihn Landesbeauftragter Richard Mergner aus Hersbruck ab.

© F.: Stephanie Pilick/dpa


Hubert Weiger: Es wird niemanden überraschen, dass wir das nicht nachvollziehen können. Der Kabinettsbeschluss vom Sommer 2016 war ein großer Schritt nach vorne, auch wenn er den Geburtsfehler hatte, dass das am besten für einen neuen Nationalpark geeignete Gebiet, nämlich der nördliche Steigerwald, von vorneherein ausgeklammert wurde. Hauptgrund für die Absage Söders war aus unserer Sicht, dass es in der CSU-Landtagsfraktion keine Mehrheit für dieses Vorhaben gab. Deshalb sagen wir: Söders Erklärung gilt jetzt für ein knappes halbes Jahr, denn im Oktober sind ja Landtagswahlen. Dann können sich die politische Verhältnisse ändern, auch in der CSU-Fraktion.

Sie hoffen noch?

Weiger: Die Nationalpark-Diskussion lässt sich nicht mehr aufhalten.

Statt eines solchen Schutzgebietes soll es sogenannte Ersatzinvestitionen in Naturparks oder Umweltbildungszentren geben. Damit geben Sie sich nicht zufrieden?

Weiger: Nationalpark heißt, dass sich auf mindesten 10.000 Hektar Fläche wenigstens ein kleines Stück Natur ohne Nutzung durch den Menschen entwickeln kann. Das kann man nicht ersetzen etwa durch Umweltbildungshäuser, wie sie jetzt geplant sind. Solche Gebäude wären eine Ergänzung, aber sind nie ein Ersatz für einen Nationalpark, auch wenn zusätzliche Umweltbildung immer zu begrüßen ist. Herr Huber ist ja auch kein erklärter Nationalparkgegner...

Huber: ...ganz im Gegenteil...

Weiger: Sie haben sich etwa für die damals heftig umstrittene Erweiterung des Nationalparks Bayerischer Wald mutig eingesetzt. Die Gegner von einst sind heute verstummt oder zu Befürwortern geworden.

Herr Huber, schlägt Ihr Herz für einen Nationalpark, politisch müssen Sie aber Ihrem Herrn und Meister Markus Söder folgen? Sind Sie innerlich in dieser Frage zerrissen?

Huber: Ich bin nicht plötzlich dagegen. Ich hätte gerne mehrere Nationalparks in Bayern, aber sie müssen auch machbar und von den Menschen gewollt sein. Wenn wir bei einem großen 10 000-Hektar-Projekt derzeit nicht weiterkommen, dann schützen wir doch kleinere Einheiten und machen die Naturvermittlung, den Artenschutz, wissenschaftliches Arbeiten und die Umweltbildung zum Schwerpunkt, und zwar nicht an einer Stelle, sondern an vielen Stellen in Bayern. Da geht es um viel mehr als nur um ein paar Gebäude, nämlich um sehr viel praktische Arbeit für den Naturschutz und die Artenvielfalt.

Herr Weiger, Sie haben ein neues Naturschutzgebiet Steigerwald als Gradmesser für Söders Ankündigung bezeichnet, Fortschritte beim Naturschutz zu erzielen. Wie steht es damit?

Weiger: Nach der Aufhebung des sogenannten Geschützten Landschaftsbestandteils bei Ebrach im Steigerwald ist das Gebiet dort gegenwärtig schutzlos. Das heißt, zurzeit gibt es dort keinen Schutz der alten Bäume vor der Motorsäge. Wir haben bei der Regierung von Oberfranken den Antrag gestellt, wenigstens die rund 800 Hektar des ehemals Geschützten Landschaftsbestandteils als Naturschutzgebiet auszuweisen. Das entspricht auch den Forderungen der CSU-geführten Mehrheit im Bamberger Kreistag als Voraussetzung für eine Bewerbung als Weltnaturerbe. Da gibt es keinen Widerstand und kein Argument, dem nicht zu folgen. Das Umweltministerium ist da als oberste Naturschutzbehörde gefragt.

Herr Huber, können Sie diesen Wunsch erfüllen?

Huber: Auf jeden Fall schaue ich mir das genau an. Ich sehe aber grundsätzlich ein Problem, wenn ein solches Waldgebiet gegen die Menschen vor Ort völlig aus der Nutzung genommen werden soll.

Sie haben bei Amtsantritt als Minister angekündigt, in der Diskussion über Umweltthemen und Naturschutz befriedend wirken zu wollen. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Marcel Huber ist seit März Staatsminister für Umwelt und Verbraucherschutz. Nach dem Rücktritt von Christine Haderthauer im Zuge der sogenannten Modellbau-Affäre war Huber zuvor Leiter der Staatskanzlei.

© Foto: Sven Hoppe/dpa


Huber: Es gibt auch im Bereich Lebensmittelproduktion oder Verbraucherschutz eine viel zu starke Polarisierung zwischen Landwirtschaft und Naturschutz. Ich setze auf miteinander statt gegeneinander. 80 Prozent der Landesfläche wird von Land- und Forstwirten bestellt. Diese Gegebenheit trägt maßgeblich etwa dazu bei, ob wir eine hohe oder niedrige Artenvielfalt haben. Negative Entwicklungen, wie bei den Insekten, müssen wir gemeinsam angehen. Andererseits erleben die Landwirte Naturschutz häufig als Einschränkung. Beide Seiten werde ich jetzt aktiv zusammenbringen — und zwar mit der Landwirtschaftsministerin. Naturschützer und Landbewirtschafter sind keine natürlichen Feinde. Vorhandene Gegnerschaften will ich aufbrechen.

Herr Weiger, können Sie dieses Friedensangebot annehmen?

Weiger: Das begrüßen wir sogar. Wir vertreten schon seit Jahrzehnten die Position, dass Naturschutz und Landwirtschaft Partner sind und nicht zu Gegnern werden dürfen. Dazu braucht es aber andere agrarpolitische Rahmensetzungen in Berlin und Brüssel. Wenn weiter auf die Karte ,Wachse und weiche‘ gesetzt wird — auch das Wachstum verhindert im internationalen Wettbewerbsdruck nämlich nicht mehr das Höfesterben —, dann ist da ein Umdenken gefordert. Inzwischen stehen bald nicht mehr nur Tier- und Pflanzenarten der offenen Feldflur auf der Roten Liste, sondern auch standortgebunden wirtschaftende Bauernhöfe. Deshalb begrüßen wir es, wenn es zu einer verstärkten Zusammenarbeit von Naturschutz und Landwirtschaft kommt. Bisher wird Naturschutz eher als Belastung hingestellt, denn als Stütze bäuerlicher Strukturen. Wenn es gelänge, das zu ändern, wären wir weiter.

Gegenwärtig sieht es nicht nach einem großen Friedensschluss aus. Die Landwirtschaft wird mit für den schleichenden Artentod verantwortlich gemacht. Da tun sich eher Konfliktfelder auf. Der BN hat eine Strategie für den Glyphosat-Ausstieg innerhalb von drei Jahren gefordert. Gehen Sie da mit, Herr Minister?

Huber: Wir müssen uns um alles kümmern, was die Artenvielfalt bedroht. Den Hinweisen, dass Glyphosat mit dem Insektensterben zu tun hat, muss man nachgehen. Es muss aber auch klar sein, dass diejenigen, die einen Ausstieg fordern, in der Regel trotzdem hochwertige Nahrungsmittel in großen Mengen zu günstigen Preisen kaufen wollen. Wenn wir den Einsatz von Glyphosat reduzieren, müssen wir das stufenweise tun. Zunächst muss man verbieten, was nicht unbedingt notwendig ist, wie den Einsatz in Privatgärten oder öffentlichen Anlagen. Es wird aber auch immer Ausnahmen für ganz wenige spezielle Einsatzzwecke geben müssen, weil praktikable Alternativen fehlen. Ein sofortiges Komplettverbot würde die Bauern überfordern und sie zwingen, einen vermutlich schlechteren Ersatz zu suchen.

Ein gangbarer Weg für den BN?

Weiger: Man muss anerkennen, dass wir in dieser Diskussion schon erheblich weiter sind als noch vor zwei Jahren. Damals hieß es noch: Geht nicht, unverzichtbar, keine Alternative, die Landwirtschaft bricht zusammen. Deshalb sind wir froh, dass wir über konkrete Ausstiegsszenarien sprechen. Das kann aber nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben werden.

Huber: Klares Ziel ist die Reduzierung. Da sind wir uns einig.

Weiger: Wenn wir von einem Einsatz von Glyphosat auf gegenwärtig 40 Prozent der Ackerfläche grundsätzlich wegkommen, kann man auch über Ausnahmen reden. Es geht generell um eine Minimierungsstrategie beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir das Gegenteil davon erlebt. Vielleicht sind wir der Debatte um das Insektensterben noch einmal dankbar, dass sie uns vor falschen Wegen abgehalten hat, auf dem ein Großteil des Natursystem zusammenbrechen würde. Da haben wir gebotene Grenzen schon überschritten. Wenn die Bauern den Baum oder die Hecke in der Feldflur wieder als Bereicherung betrachten, dann ist das Wort Befriedung angebracht.

Herr Huber, welche Rolle spielt für den Umweltminister in Bayern ein Verband wie der BN mit 230.000 Mitgliedern?

Huber: Natürlich eine wichtige. Zu meinen Aufgaben als Minister gehört es, auf die Naturschätze dieses Landes zu achten. Und diejenigen, die sich hier ganz stark auch ehrenamtlich einbringen, sind dafür unverzichtbar. Dass der BN manche extreme Position vertritt, genauso wie der Bauernverband für seine Überzeugung einsteht, das ist nicht immer bequem, gehört aber zur Verbandsarbeit dazu.

Weiger: Extreme Positionen vertreten wir nicht. Ich bin seit der Gründung des Umweltministeriums in den verschiedensten Funktionen beim BN mit dabei. Das Verhältnis zu diesem Ministerium war über viele Jahre schwer belastet. Das hatte drei Gründe: Die Atomenergie, die alten Pläne für Staustufen an der Donau und die grüne Gentechnik. Alle diese drei Konfliktfelder gibt es nicht mehr...Und einen dritten Nationalpark bekommen wir auch noch.

Interview: Michael Kasperowitsch

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Region