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In Nürnberg: Provenienz-Krimi um eine Geige

Wem gehörte diese Guarneri? - 31.01.2014 21:22 Uhr

Das Foto vom 31.01. zeigt eine von Giuseppe Guarneri im Jahr 1706 gebaute Geige in Nürnberg. Eine Nürnberger Stiftung sucht die Vorbesitzer der wertvollen Geige, um den Raubkunstverdacht auszuräumen.

31.01.2014 © dpa


Nach dem heftigen medialen Furor und dem Kommunikationsdesaster im Fall Gurlitt scheint das Problem der Provenienz mittlerweile auch den musikalischen Sektor zu berühren. So soll sich einem internationalen Händler zufolge fast jede zweite historische Geige irgendwann auch in jüdischem Besitz befunden haben.

Nur sei es eben bei Instrumenten nie üblich gewesen, die Provenienz zu dokumentieren, erklärt Fabian Kern, der Vorstandsvorsitzende der an der Nürnberger Musikhochschule 2005 gegründeten und ansässigen „Franz Hofmann und Sophie Hagemann Stiftung“, in einem Gespräch mit der NZ.

Und gerade diese öffentlich-rechtlich anerkannte Institution wird mit dem Problem der Provenienz auf besondere Weise konfrontiert. Gilt es doch, die Herkunft einer Geige, ein von Giuseppe Giovanni Baptista Guarneri gebautes Instrument (Labelangaben Josephus Guarnerius filius Andreae) aus dem Jahr 1706, zu klären, das Frau Sophie Hagemann l974 im deutschen Geigenhandel erworben hatte. Expertisen der Geigenbauer William E. Hill & Sons, London, und Fridolin Hamma & Co., Stuttgart, bestätigen die Echtheit der Geige.

Leider ist das im Eigentum der Stiftung befindliche Instrument erheblich durch Risse in der Decke, also der Oberseite des Geigenkorpus, beschädigt worden, was wegen mangelnder Tragfähigkeit eine Restauration erforderlich macht. Dafür sei ein Betrag in mittlerer fünfstelliger Höhe zu veranschlagen, so Kern. Erst nach einer vom Stiftungsvorstand zu beschließenden Instandsetzung soll die Geige dann dem „Fachbereich Streichinstrumente“ der Musikhochschule Nürnberg „zur Versöhnung und Erinnerung“ für Ausbildungszwecke zur Verfügung gestellt werden. Soweit die Ausgangslage.

1938 verliert sich die Spur des Instruments vorerst

Erschwerend kommt hinzu, so war am Freitag in einem Pressegespräch der Musikhochschule in Anwesenheit von Vorständen der Stiftung zu erfahren, dass die Herkunft der Geige ungeklärt ist. Erst ab l974 sei die Provenienz wieder eindeutig nachweisbar. Das Instrument wurde wahrscheinlich im Januar l938 von dem angesehenen jüdischen Musikalienhändler Felix Hildesheimer aus Speyer erworben, dessen Geschäft bereits l937 zwangsverpachtet und zwangsverkauft wurde.

So sieht die Guarneri heute aus.

31.01.2014 © Musikhochschule Nbg.


„Wir gehen davon aus, dass Felix Hildesheimer diese Geige als Privatmann und nicht als Händler erwarb“, und zwar vom Stuttgarter Geigenhändler Fridolin Hamma, so Fabian Kern. Doch in wessen Hände gelangte das Instrument danach? Felix Hildesheimer nahm sich l939 das Leben, während seine Kinder, Martha Lore (verheiratete Strauss) und Elsbeth (verheiratete Locke), in die USA und nach Australien emigrieren konnten. Weiter ist bekannt, dass Hildesheimers Frau Hedwig l941 ins französische Sammellager Gurs deportiert wurde, von dort aus gelang ihr auf wunderbare Weise die Ausreise in die USA. Das Haus von Hildesheimer eigneten sich die Nazis an. Eine Entschädigung erfolgte im Rahmen der Wiedergutmachung nach Kriegsende.

Eigenartigerweise war aber die Geige nicht Gegenstand in diesem Verfahren. Aus welchen Quellen hat der deutsche Geigenhandel das Instrument zum Weiterverkauf an Frau Sophie Hagemann bezogen? Datenquellen belegen, dass Frau Hagemann die Geige nach Testspielen bei Ludwig Höfler in Köln erworben hat. Doch der Name des Vorbesitzers wurde in den Papieren „geschwärzt“, was nach damaligen wie auch heutigen Gepflogenheiten üblich sei und nicht damit in Verbindung stehe, etwaige Restitutionsansprüche zu verschleiern.

Um die Provenienzlücken von l938 bis l974 zu schließen, ließ der Stiftungsvorstand die Guarneri in die vom Bund und den Ländern getragene Internet-Datenbank „lostart“ durch Fundmeldung einstellen. Trotz intensivster Bemühungen gelang es selbst unter Einschaltung von Institutionen wie Zentralrat der Juden und Jewish Claims nicht, mit den Nachfahren von Felix Hildesheimer in Verbindung zu treten. Eine Tochter Hildesheimers ist verstorben, von Martha Lore Strauss existiert zwar ein Interview von 2012 aus den USA. Es ist aber zu vermuten, dass sie 2013 verstarb.

Ungelöst – so erscheint der „Fall Guarneri“ im Augenblick. Daniel Gaede, Professor für Violine der Musikhochschule, brachte mit erwärmendem Timbre die Geige mit der „Meditation“ aus der Oper Thais von Jules Massenet zum Klingen.

Bleibt nur zu hoffen, dass der Gang an die Öffentlichkeit nicht ohne Resonanz bleiben wird, was die Herkunft der Guaneri betrifft. Für den Präsidenten der Hochschule, Martin Ullrich, wäre es ein Traum, wenn ein Meisterschüler zum Karrierestart auf dem Instrument musizieren könnte – für die Hochschule ein imageträchtiger Wert.

Egon Bezold (Nürnberger Zeitung)

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