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Wahlbeteiligung sinkt wegen fehlender Wohnort-Identifikation

Unterschiede zwischen Stadt und Land - 18.03.2014 06:00 Uhr

Immer weniger Bayern gehen zur Kommunalwahl. Der Grund: Viele Menschen identifizieren sich nicht mehr mit ihrem Wohnort. © dpa


„Bei uns kennt jeder jeden“, sagt Hermann Reichert. Er war 24 Jahre Bürgermeister der Gemeinde Wittelshofen im Landkreis Ansbach. Der ein oder andere kennt den Ort vielleicht, weil der Limes durch ihn verläuft. Nach der Kommunalwahl 2014 dürfte Wittelshofen für seine hohe Wahlbeteiligung berühmt sein: 87 Prozent der Bürger gingen zur Wahl. Im Vergleich zum landesweiten Wert von 55 Prozent eine Sensation. Bei der Wahl 2008 betrug die bayerische Quote noch 60 Prozent - damals schon ein sehr schlechter Wert.

„Bayern normalisiert sich“

„Bayern normalisiert sich“, sagt Richard Hilmer, Geschäftsführer von Infratest Dimap. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern sei hier die Wahlbeteiligung auf kommunaler Ebene bisher noch auf einem hohen Niveau gewesen: „Die Leute haben sich sehr stark mit der eigenen Gemeinde identifiziert - eine wichtige Voraussetzung für die Teilnahme an der Wahl“, so Hilmer.

Die neuen Daten zeigten, dass sich das ändert. Hauptgrund seien viele Zu- und Wegzüge, eine hohe Fluktuation also, die nicht nur große Städte wie München oder Nürnberg betrifft, sondern zunehmend auch das Land. „Viele haben keinen Bezug zu dem Ort, in dem sie leben oder kennen die Kandidaten gar nicht“, sagt er.

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Jubel und Trauer bei den Wahlpartys in Nürnberg

Zur gemeinsamen Wahlparty hatte sich die Nürnberger SPD im Karl-Bröger-Haus versammelt, die CSU im Bratwurst Röslein. Die zentrale Wahlparty fand im Presseclub am Gewerbemuseumsplatz statt.


Auch für Reinhard Wittenberg ist die gestiegene Mobilität ein wichtiger Grund. „Die Bürger interessieren sich weniger für öffentliche Angelegenheiten“, erklärt der Nürnberger Soziologe. Nur noch Dinge, die einen als Familie oder Freundeskreis unmittelbar betreffen, seien für viele Menschen heute relevant.

Daneben spielen die Familienstrukturen - über 50 Prozent Single-Haushalte in Nürnberg als Beispiel - in den Augen des Sozialforschers eine Rolle. „Man ist oft nur noch für sich und nicht mehr für andere verantwortlich.“ Schließlich würden neue Techniken wie Smartphones immer mehr Zeit beanspruchen.

„Warst du schon wählen?“

Zwar sinkt die Wahlbeteiligung generell, doch die Entwicklung verläuft in Stadt und Land sehr unterschiedlich. In den 19 kreisfreien Städten haben knapp 44 Prozent an der OB-Wahl teilgenommen, in den Gemeinden im Schnitt 54 Prozent; an der Landratswahl 60 Prozent.

„Warst du schon wählen?“ sei auf dem Land eine übliche Frage, sagt Richard Hilmer. Sie zeigt, dass die „soziale Kontrolle“ wie Wittenberg es nennt, in kleinen Ortschaften noch stärker ausgeprägt ist. Die Leute kennen sich und die Kandidaten. „Sie fühlen sich dem Politiker verpflichtet“, sagt Wittenberg. Außerdem gehen sie eher davon aus, dass der Politiker die Probleme der Wähler kennt.

Ein Umstand, der gerade für Menschen mit wenig Geld und niedriger Bildung in Städten immer seltener zutrifft, wie Richard Hilmer weiß. Die Mehrheit der Nichtwähler gibt in seinen Umfragen an, dass sie weder überzeugende Kandidaten noch Wahlprogramme gefunden haben.

„Menschen mit niedriger Bildung oder wenig Einkommen fühlen sich von der Politik nicht vertreten“, sagt er. Die Kommunalwahl bestätigt diesen Trend: In drei Wahlbezirken Nürnbergs ging nicht einmal jeder Vierte zur Wahl; sie alle liegen in strukturschwachen Stadtteilen. Insgesamt sackte die Wahlbeteiligung in der Frankenmetropole auf 44,3 Prozent ab.

Zufriedene Nichtwähler

Aber auch Zufriedenheit kann ein Grund sein, nicht abzustimmen. Auch wenn die meisten aus Frust daheim bleiben: „Es gibt viele, die denken: Es läuft doch gut, warum soll ich wählen?“, so Hilmer.

Der Meinungsforscher hält von der Briefwahl übrigens gar nicht so viel. Zum ersten Mal konnte man heuer auch bei Kommunalwahlen ohne Grund einen Antrag stellen und zu Hause wählen - in Lauf, Pegnitz und Nürnberg wurde so etwa ein Drittel aller Stimme abgegeben. „Dadurch geht der Eventcharakter vom gemeinsamen Wählen verloren“, sagt Hilmer. 

JEAN-PIERRE ZIEGLER

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