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Kommunalwahl 2020: Das ist die jüngste Kandidatin Bayerns

Julia Klöhn aus dem mittelfränkischen Großenseebach ist erst 17 Jahre alt - 16.02.2020 10:08 Uhr

Einen Tag nach ihrem 18. Geburtstag möchte Julia Klöhn am 15. März als jüngste Kandidatin in ganz Bayern in den Gemeinderat gewählt werden. © Matthias Kronau


Ein Smartphone hat Julia Klöhn auch, natürlich. Und sie findet die Klima-Proteste wichtig. Die 17-Jährige will aber einen anderen Weg einschlagen: Sie tritt bei den bayerischen Kommunalwahlen im März an – als jüngste Kandidatin im ganzen Freistaat.

"Was, so was machst du?" Diesen Satz hat Julia Klöhn in Variationen in den vergangenen Wochen schon öfter von ihren Altersgenossen gehört. "Kandidatin für den Gemeinderat, was ist das überhaupt?" Bei der jungen Frau mit den freundlichen, wachen Augen hinter der großen Brille ist das nur noch mehr Ansporn für das, was sie vorhat: Mit 18 – einen Tag nach ihrem Geburtstag am 14. März – will sie in den Gemeinderat von Großenseebach gewählt werden.

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Und sie hat gute Chancen in dem Ort, der zwischen Erlangen, Herzogenaurach und Höchstadt liegt. Denn sie steht auf Platz vier der neu formierten Liste MfG – Miteinander für Großenseebach, die sich aus Mitgliedern der bisherigen SPD-Fraktion und Politneulingen zusammensetzt. Bislang waren die Freien Wähler mit sechs Sitzen die stärkste Kraft in dem Gremium, CSU und SPD kamen auf jeweils vier.

"Man muss sich auch engagieren"

Ziel von Klöhn und der neuen Liste ist es, ihren Kandidaten Jürgen Jäkel zum Bürgermeister zu machen und den Amtsinhaber von den Freien Wählern abzulösen. Und vor allem – wie der Name der Liste bereits verrät – das Miteinander in dem Ort zu stärken. Das liegt der 17-Jährigen sehr am Herzen: "Man kann sich doch nicht immer nur darüber beschweren, dass etwas falsch läuft. Man muss sich auch engagieren", betont die junge Frau, die in Großenseebach den Leichtathletik-Nachwuchs trainiert. Dabei will sie nicht länger "auf andere warten", sondern selbst anpacken und "dort ansetzen, wo man wirklich mitentscheiden kann". 

Selbstbestimmt auf eigenen Füßen zu stehen, ist auch Julias privates Bestreben. Sie steckt bereits in den Vorbereitungen für ihr Fachabitur, will danach noch ein Jahr bis zum Abitur dranhängen und dann möglichst schnell ihr eigenes Geld verdienen: "Studieren kann ich dann immer noch", sagt die gebürtige Großenseebacherin, die bereits bei einem Praktikum beim CSU-Bundestagsabgeordneten Stefan Müller erste Politerfahrungen sammeln konnte: "Da hatte ich das Gefühl, dass wirklich was passiert. Der hat sich echt gekümmert."

Dass sie sich selbst politisch etwas links von der Mitte einsortiert, war dabei kein Problem. "Ich will immer auch die Standpunkte von anderen verstehen und ernst nehmen."

Kluft zwischen Jung und Alt

Statt wie die Fridays-for-Future-Demonstranten das ganz große Rad zu drehen, will sie vor Ort ansetzen. Auch weil sie festgestellt hat, dass die Menschen immer weniger miteinander reden. Dabei polarisiere sich die Gesellschaft nicht nur politisch, sondern auch die Kluft zwischen Jung und Alt wachse. Der jungen Gemeinderatskandidatin schwebt beispielsweise ein Nachmittag vor, an dem die Jungen den Älteren bei Smartphone- oder Computerproblemen helfen. Im Gegenzug könnten die Älteren "die kaputten Jeans der Jungen flicken".

Ein Bürgerhaus "natürlich mit freiem WLAN" oder wenigstens eine "schön gestaltete Dorfmitte" als Begegnungs- und Veranstaltungsort sieht die Fachoberschülerin dabei nur als Mittel zum Zweck. "Wichtig ist, dass die Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Denn eigentlich wollen doch alle nur dasselbe – in Frieden und mit möglichst wenigen Problemen leben."

 

 

 

Den Spielraum, etwas zu verbessern, hätte die Gemeinde. Laut Landesamt für Statistik ist Großenseebach fast schuldenfrei. Danach entfielen auf jeden Bürger 2018 gerade einmal sechs Euro Verbindlichkeiten. Das Dorf ist alles andere als ein Hotspot der großen Probleme.

Hohes Zuzugstempo

Die Arbeitslosigkeit liegt quasi bei null, die Zahl der Sozialhilfeempfänger bei rund einem Dutzend. Stattdessen zeigt die Einkommensstruktur, dass viele hier überdurchschnittlich verdienen – auch eine Folge des starken Zuzugs aus den Einkommens-Hochburgen Erlangen und Herzogenaurach. So wohnten in dem Dorf vor 50 Jahren gerade einmal 529 Menschen in rund 100 Häusern. Heute sind es knapp 2500 in rund 800 Häusern. Vielleicht ist der Erfolg auch das Problem der Gemeinde: Dörfliche Strukturen, in denen das Miteinander gepflegt wird, können oft nur schwer mit einem hohen Zuzugstempo mithalten.

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Die Jungpolitikerin ist sich sicher, dass sie als Gemeinderatsmitglied ihren Teil dazu beitragen kann, das zu ändern und den Zusammenhalt zu stärken. Optimistisch, dass die Wähler das genauso sehen, hat sie den Partykeller in ihrem Haus schon Mal für eine ganze Woche reserviert. Schließlich werde man nur einmal volljährig und nur einmal als jüngste Kandidatin Bayerns in einen Gemeinderat gewählt. Und sollte es wider Erwarten doch nicht klappen: "Gefeiert wird auf jeden Fall."

Uschi Assfalg

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