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Kopf an Kopf: Spannende Stichwahlen in der Region

Nicht nur in Großstädten kam es zu Überraschungen - 30.03.2020 16:27 Uhr

Zwölf Jahre lang war Benedikt Bisping Bürgermeister in Lauf, nun wird er abgelöst. Doch nicht nur dort gab es bei den Stichwahlen Überraschungen. © Daniel Karmann, NN


Im Jahr 2008 hieß der Bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein. Dass es ein evangelischer Franke an die Spitze der Staatsregierung geschafft hatte, war durchaus eine Überraschung. Denn mit seinen Vorgängern Franz Josef Strauß, Max Streibl oder Edmund Stoiber hatte der CSU-Politiker nur wenig gemein. Das altbayerische Lederhosen-Gefühl konnte und wollte der Reihenhaus-Bewohner aus Nürnberg-Langwasser nicht bedienen. Ein Stück weit war Beckstein in der Rolle als Landesvater somit ein echter Exot.

So wurde auch Benedikt Bisping oft genannt, unter anderem von Beckstein. Wenig Jahre nach der Jahrtausendwende galten der Fraktionssprecher der Grünen im Laufer Stadtrat und seine Kollegen in den Reihen der Christsozialen noch als eine Ausnahmeerscheinung. Und als der gebürtige Münsteraner vor zwölf Jahren in Lauf an der Pegnitz zum 1. Bürgermeister gewählt wurde, kam das einem Paukenschlag gleich. Wenn er daran zurückdenkt, "muss ich mich immer noch kneifen", sagte Bisping kurz vor den diesjährigen Kommunalwahlen.

Überraschung bei der Stichwahl

Dass der 52-Jährige nach zwei Amtsperioden in einer Stichwahl mit 48,15 Prozent dem Herausforderer Thomas Lang von den Freien Wähler unterliegt, der es am Ende auf 51,85 Prozent der Stimmen brachte, war da kaum vorstellbar. Rein rational, sagte Lang am Tag nach der Stichwahl, habe er schon realisiert, was da gestern passiert sei, "aber emotional dauert es noch etwas". Gestartet war er schließlich nur vom zweiten Platz. Knapp über 29 Prozent stimmten am 15. März für Lang. Bis­ping ging mit 46 Prozent in die nächste Runde. Lang, der bereits 2014 für das Amt kandidiert hatte, ist nun "den Menschen hinter dem Ergebnis" dankbar, nennt als erstes seine Familie und den FW-Ortsverband. Aber natürlich wurde seine Wahl erst durch die Unterstützung von CSU, FDP und Bunter Liste möglich. Auch Teile der SPD hatten dazu aufgerufen, in der Stichwahl für Lang zu stimmen, obwohl das intern umstritten war. Vor allem die Jusos waren dagegen.

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Bisping erklärt nach der überraschend verlorenen Wahl, dass er jetzt nicht in ein Loch fallen werde. Er habe "tolle zwölf Jahre" als Bürgermeister hinter sich, und jetzt sei erst einmal Durchschnaufen angesagt. Wobei: Die Bahnreise nach Sizilien, die er und seine Frau für die Zeit nach der Stichwahl geplant hatten, muss in der Corona-Krise ausfallen. Ob er die Möglichkeit einer Niederlage durchgespielt hat? "Ich habe mich der Aufgabe gestellt, die jetzt Priorität hat: Krisenmanagement", sagt der 52-Jährige. Seinem Nachfolger, der im Mai sein Amt antreten wird, wünscht Bisping angesichts der Krise vor allem Kraft und Gesundheit. "Ich hatte das Glück, einen der besten Zeitabschnitte der Laufer Stadt­entwicklung mitprägen zu können." Sein Stadtratsmandat will der noch amtierende Bürgermeister trotz der Niederlage annehmen. Wie es beruflich für ihn weitergeht, ließ er im Gespräch offen. Er sei "beglückt mit Ideen und Tatendrang" und mache sich deshalb zum jetzigen Zeitpunkt keinen großen Kopf.

Zwischen Krise und Enttäuschung

Doch Lauf ist nicht die einzige Kommune, in der die Stichwahl am Ende ein Ergebnis brachte, dass so im Vorfeld nicht absehbar war. So wird Schwabach künftig mit Peter Reiß wieder einen sozialdemokratischen Oberbürgermeister haben. 63 Jahre stellte die SPD den OB in der Goldschlägerstadt. Hartwig Reimann brachte es alleine auf 38 Jahre im Amt und damit zum dienstältesten Oberbürgermeister Deutschlands. Als er 2008 nicht mehr antreten durfte, war es mit der SPD-Führung allerdings vorbei und mit Matthias Thürauf übernahm ein Christsozialer den Chefsessel im Rathaus. Wer bei der Nominierung des 30-jährigen Regierungsrats Peter Reiß vor einem Jahr vorausgesagt hätte, dass er Oberbürgermeister wird, wäre wohl milde belächelt worden. Gegen den über die Parteigrenzen hinweg geschätzten Thürauf galt er als chancenlos.


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Doch dessen überraschender Verzicht auf eine erneute Kandidatur wurde für Reiß zur großen Chance. Mit einem engagierten Wahlkampf legte er den Zungenschlag auf soziale Themen wie bezahlbares Wohnen und punktete mit einem sachlichen und gleichzeitig sympatischen Auftreten. "Ich freue mich riesig über diesen Vertrauensbeweis und werde alles tun, um dieses Vertrauen mit Leben zu erfüllen", sagte Reiß nach der Stichwahl. Von "Stolz" wollte er aber nicht sprechen. "Das ist das falsche Wort. Ich sehe das als Verantwortung und Herausforderung. Aber auch als SPD-Vorsitzender bin ich froh, dass diese Wahl ein schönes Signal ist." Die erste und wichtigste Aufgabe sieht Reiß jetzt in der Bewältigung der Corona-Krise. "Da werde ich als Krisenmanager massiv gefordert sein."

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Der Nürnberger Wirtschaftsreferent und CSU-Mann Michael Fraas, der Thürauf beerben wollte, mit dem viele Schwabacher in den letzten Monaten aber nicht so recht warm geworden sind, machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl. "Natürlich müsste ich lügen, wenn ich sagte, dass ich nicht enttäuscht wäre." Aber Reiß sei es "vor der Stichwahl gelungen, mehr Wähler zu mobilisieren, das muss ich einfach anerkennen", sagte Fraas. "Ich werde in Zukunft als Wirtschaftsreferent mit Peter Reiß als OB für die Metropolregion und damit auch für Schwabach gut zusammenarbeiten, da gibt es keinerlei Problem." Im ersten Wahlgang war Fraas mit 37,5 Prozent noch vorne gelegen, Reiß mit 34,8 Prozent nur knapp dahinter. Der zweite Platz im ersten Durchgang mit nur 2,7 Prozentpunkte Rückstand hat ihm zusätzlich Auftrieb gegeben. Bei knapp 20 Prozent Grün-Wählern durfte er optimistisch sein.

Neuanfang auch in Bad Windsheim

Weit weniger überraschend ist hingegen der Wechsel im Ansbacher Rathaus und der Abgang der parteilosen Carda Seidel, die zwölf Jahre lang an der Spitze der Stadt stand. Am Ende holte ihr CSU-Konkurrent Thomas Deffner 62,3 Prozent der Stimmen und siegte damit klar gegen Seidel, die nur auf 37,7 Prozent kam. Vor sechs Jahren gab es das gleiche Duell schon einmal. Damals konnte Seidel noch 41 Prozent holen, Deffner als CSU-Bürgermeister und Konkurrent kam nur auf gut 25 Prozent. Diesmal konnte er auch von den Wahlempfehlungen der anderen OB-Kandidaten profitieren, die sich unabhängig von der Parteizugehörigkeit gegen ein "weiter so" ausgesprochen hatten.

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Einen Neuanfang wird es am 1. Mai auch in der Kurstadt Bad Windsheim geben. Dort ist Jürgen Heckel der ganz große Wurf gelungen. Er hat mit 56,0 Prozent bei der Stichwahl Amtsinhaber Bernhard Kisch (CSU) deutlich besiegt. Der Frontmann der Initiative "Windsheimer und Ortsteilbürger ins Rathaus" (WiR) kam auf 56 Prozent der Stimmen, Kisch hingegen nur auf 44 Prozent. Heckel erklärte, bedingt durch die Corona-Krise und deren unabsehbare Folgen werde man in manchem anders agieren müssen, die großen Projekte wohl "erst mal ein bisschen flacher legen". An der Landesgartenschau werde man aber "natürlich festhalten". "Wir sollten nun gemeinsam und in aller Ruhe, in entspannter Weise mit neun neuen Stadträten die Dinge angehen." Kisch hingegen sprach nach sechs Jahren als scheidender Amtsinhaber von einem "einschneidenden Ereignis", das er erst einmal "verdauen" müsse.

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