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Kriegsende in Fürth: Weiße Fahnen auf dem Rathausturm

So verlief die Kapitulation der Kleeblattstadt - 19.04.2020 10:00 Uhr

19. April 1945: Beobachtet von Fürtherinnen und Fürthern rücken amerikanische Soldaten durch die Gustavstraße vor. Rechts ist der Gasthof Grüner Baum zu sehen. Im Rathaus unterschreibt der Kommissarische Oberbürgermeister Karl Häupler die Kapitulaitionsurkunde. © Stadtarchiv Fürth


Am Morgen des 19. April 1945 steht Fürth vor einer Katastrophe. Die Amerikaner drohen damit, die Stadt unter weiteren Artilleriebeschuss zu nehmen und Fliegerunterstützung anzufordern, falls die Kapitulationsurkunde nicht unterzeichnet werde. Trotzdem zögert der kommissarische Oberbürgermeister Karl Häupler, die Unterschrift zu geben und weiße Fahnen zu hissen.

Er fürchtet, dass sich die Nationalsozialisten an seiner Familie rächen könnten, die sich im noch nicht befreiten Allgäu aufhält. Schließlich greift Häupler doch zum Stift – nicht zuletzt, weil ein besonnener Fürther auf ihn einwirkt.

Ein Blick zurück: Anfang März haben die Amerikaner in Remagen den Rhein überschritten. In Nordbayern rückt die 42. US-Infanteriedivision vor. Sie nimmt Anfang April nacheinander Wertheim, Würzburg und Schweinfurt ein. Für Nazi-Deutschland ist der Krieg längst verloren, dennoch leisten einige Fanatiker weiter Widerstand. In der Cadolzburg nistet sich die SS ein. Bei den Kämpfen am 17. April werden zahlreiche Häuser zerstört. Auch die Burg geht an diesem Tag in Flammen auf.

In Fürth herrscht absolute Ungewissheit. Niemand weiß, ob die Stadt zum Schlachtfeld wird. Während der Geschützlärm aus der Ferne lauter wird, gehen Gerüchte um. Mal hört man, Fürth werde überhaupt nicht verteidigt, dann wieder heißt es, dass die Verteidigungslinie viel weiter im Westen liegen müsse. Heraus kommt man aus der Stadt ohnehin nicht mehr: Der Bahnverkehr ist am 13. April eingestellt worden.

Am Folgetag lässt das Ernährungsamt noch Gefrierfleisch und Butter verteilen. Allerdings ist die Aktion so schlecht organisiert, dass nur ein Teil der Bevölkerung an die Lebensmittel gelangt. Der "Reichsverteidigungskommissar" für Franken, Karl Holz, mobilisiert den Volkssturm und fordert die bedingungslose Verteidigung. In erster Linie geht es ihm um Nürnberg, die Stadt der Reichsparteitage. Holz: "Jeder Verräter oder jede Verräterin, die weiße Fahnen hissen, verfallen unweigerlich dem Tode und werden aufgehängt."

Deutsche Soldaten, soeben in Fürth in Gefangenschaft geraten, überqueren mit erhobenen Händen die schwer beschädigte Maxbrücke. © Foto: Stadtarchiv Fürth


In Fürth sind rund 2500 Mann unter Major Georg Flierl zusammengezogen, überwiegend junge Burschen, schlecht ausgerüstet und ausgebildet. Zwischen dem 12. und 17. April lässt Flierl die Brücken im Stadtgebiet sprengen, darunter die Dambacher Brücke, Karlsteg, Engelhardtsteg, Friedhofsteg, Hardsteg und Käppnersteg sowie Teile der Max- und Ludwigbrücke und einen Bogen der Siebenbogenbrücke. Sogar der Turm der Alten Veste wird am 17. April noch in die Luft gejagt, damit ihn der Feind nicht als Aussichtsposten nutzen kann. Im Vestner Wald fällen Volkssturmmänner Bäume, um primitive Panzersperren zu errichten. Sämtliche Maßnahmen erweisen sich später als völlig nutzlos, den Vormarsch aufzuhalten.

Am 17. April erreichen amerikanische Verbände die Stadtgrenzen. Von Westen aus richten sie ihre Artilleriegeschütze auf Fürth – offenbar auch, weil Major Flierl zuvor einen ebenso sinn- wie nutzlosen letzten Gegenangriff befohlen hatte. Eine Nacht lang liegt die Stadt unter heftigem Beschuss. Währenddessen räumt die NS-Kreisleitung, die sich in der Sahlmannvilla und im Bunker am Bahnhofplatz einquartiert hat, ihre Stellung und flieht aus Fürth.

Die meisten Verteidiger um Major Flierl ziehen ebenfalls ab und geraten in Schweinau in amerikanische Gefangenschaft. Ein Teil der US-Truppen rückt über Oberfürberg und die Hardhöhe vor, andere kommen von Norden in die Stadt. Das einzige deutsche Panzerabwehrgeschütz, es steht an der Ludwigbrücke, feuert keinen Schuss ab.

Während US-Truppen bereits in der Königstraße stehen, tagt Oberbürgermeister Häupler mit seinen Referenten im Rathaus, um die Übergabe vorzubereiten. Hunderte Fürther haben sich zu diesem Zeitpunkt in den Straßen versammelt, um die Entwicklung zu beobachten.

Unter ihnen ist der Rentner Friedrich Froschauer. Ihm drückt ein amerikanischer Major einen Zettel in die Hand, den er dem Oberbürgermeister der Stadt vorlegen soll. Froschauer findet den Rathauschef im Sitzungssaal, Häupler begleitet den Boten schließlich zum US-Offizier in Richtung Maxbrücke.

Die Kapitulationsurkunde hatten die Amerikaner in nicht ganz einwandfreiem Deutsch vorformuliert. Der Oberbürgermeister musste nur noch unterschreiben. © Foto: Stadtarchiv Fürth


Der Inhalt der Kapitulationsurkunde, ein von den Amerikanern vorformulierter Zettel, der heute im Stadtarchiv aufbewahrt wird, lautet wörtlich: "Ich, Dr. Karl Häupler, als Bürgermeister der Stadt Fürth, im Namen der Einwohner, ergebe hiermit vollkommen und unbedingt die Stadt zu dem 3. Battailon des 222. Infanterie Regiments der 42. Division. Der Bedingungen des Oberbefehlshabers der Alliierten Armee Gen. Eisenhower gemäsz. Burgermeister, City of Fürth." Häupler muss nur noch seinen Namen daruntersetzen.

Dass er es tatsächlich tut, ist auch Dr. Fritz Gastreich zu verdanken. Der Arzt leitet damals die Kriegslazarette in Fürth und hat mit seinem Verbündeten Josef Gleixner und anderen Gleichgesinnten wochenlang darauf hingearbeitet, die Stadt widerstandslos übergeben zu können.

Der Obsthändler Gleixner soll nicht nur in großer Zahl Kapitulationsfahnen genäht, sondern auch die Telefonverbindung der Kampfkommandantur nach Nürnberg unterbrochen haben, wodurch keine neuen Durchhaltebefehle zu Major Flierl nach Fürth dringen konnten.

Zu dem Übergabegespräch zwischen OB Häupler und dem US-Offizier kommt Gastreich laut seinen eigenen Aufzeichnungen gerade hinzu, als die Verhandlungen ins Stocken geraten sind. Der in Fürth durchaus einflussreiche Mediziner beruhigt den OB. Dem US-Kommandanten sagt er, er solle ihm das Hissen der weißen Fahnen überlassen. Gastreich weiß, dass Gleixner die Fahne für das Rathaus vorbereitet hat.

Häupler unterschreibt schließlich. Es wird vereinbart, dass städtische Referenten im offenen Wagen mit den Amerikanern durch die Stadt fahren, um der Bevölkerung die Bedingungen der Kapitulation zu verkünden. Gastreich übernimmt diese Aufgabe für den Bereich zwischen Rathaus und östlicher Stadtgrenze.

Die Anordnungen an die Bürger liegen heute im Original ebenfalls im Archiv. Unter anderem sollen binnen weniger Stunden an allen Häusern, öffentlichen Gebäuden und Kirchen weiße Fahnen gehisst, alle Schuss- und Stichwaffen sowie Uniformen im Rathaus abgeliefert werden.

Häupler und alle, die eine Uniform tragen, werden verhaftet. Der Zweite Weltkrieg findet für die Stadt Fürth ein Ende.

In den 90er Jahren hat sich der Historiker Manfred Mümmler mit dem Kriegsende in Fürth beschäftigt. Zur Person Fritz Gastreich hat der Hobby-Historiker Peter Frank geforscht. Viele Informationen zu den letzten Kriegstagen finden sich auf der Seite der Onlineenzyklopädie www.fuerthwiki.de.
In der kommenden Woche veröffentlichen wir Erinnerungen ans Kriegsende, die uns unsere Leser geschickt haben.

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