17°

Montag, 06.07.2020

|

zum Thema

Kulturforum: "Wir sind im Standby-Modus"

Programmchefin Annette Wigger hat ein Konzept, mit dem ein eingeschränkter Betrieb möglich wäre - 29.04.2020 11:00 Uhr

Das Team des Kulturforums (von links): Annette Wigger, Lothar Schrems, Elke Kraus und Norbert Arndt. So wie sie gegenseitig auf Abstand gehen, könnten es auch ihre Gäste nach einer Wiedereröffnung. © Hans-Joachim Winckler


Programmchefin Annette Wigger (60) hofft auf eine klare Ansage aus München und war mit ihrem Team in den vergangenen Wochen alles andere als untätig. Annette Wigger stammt aus Hannover und arbeitete zunächst als Dramaturgin in Jutta Czurdas CZ-Tanztheater. Seit der Wiedereröffnung des runderneuerten Kulturforums 2014 ist sie dort Programmchefin.

 

Sie spielen leidenschaftlich gern Saxofon und sind Mitglied der Fürther Frauenband "Die Schicken Swingschnitten". Üben Sie gerade eher Blues oder Partymucke, Frau Wigger?

Ich gestehe, dass ich seit dem Lockdown nicht ein einziges Mal mein Instrument angefasst habe. Ich kann es einfach nicht. Für mich ist Musizieren ein Miteinander, ich bin kein Solokünstler. Bücher lesen geht dagegen sehr gut. Mich hat zuletzt "Der Apfelbaum" von Christian Berkel sehr gefesselt. Ich bin ja immer skeptisch, wenn Autoren plötzlich singen, Sänger schreiben oder, wie hier, Schauspieler einen Roman verfassen. Dieses Buch aber hat mich sehr gefesselt.

 

"Der Apfelbaum" ist eindeutig eher Blues als Party. Irgendwie passend. Teilen Sie den Eindruck, dass die Kultur in der aktuellen Krise allein gelassen wird?

Ja, voll und ganz. Unser Problem ist: Das Kulturforum ist vorbereitet, wir haben intensiv darüber nachgedacht, wie es hier möglich sein kann, auch für einen kleinen Zuschauerkreis Veranstaltungen zu machen. Wenn aber überhaupt keine Ansage kommt, dann sitzen wir auf dem Trockenen. Natürlich, die Politik diskutiert das Für und Wider der Öffnung von Museen, Bibliotheken und gastronomischen Betrieben. Über Veranstaltungshäuser diskutiert sie nicht, das ist schon bitter. Das Kulturforum schloss ja bereits während des Klezmer Festivals, also noch vor dem offiziellen Lockdown. Die Künstler stehen nun ziemlich allein da, doch funktionieren auch wir ja nur, weil es die Künstler gibt. Zu Großveranstaltungen liegt ein klarer Beschluss vor. Doch wir sind erstens kein Großveranstalter, zweitens hat noch immer niemand definiert, wer und was die Kleinen sind.

Wie könnte denn der Betrieb im Kulturforum in Corona-Zeiten wieder anlaufen?

Bei 1,50 Meter Abstand könnten wir in der Großen Halle 97 Einzelplätze oder 150 Doppelplätze unterbringen. Bei zwei Meter Abstand hätten wir 68 Einzel- oder 140 Doppelplätze. Auf Pausen würden wir verzichten, damit es keinen Hochbetrieb auf den WCs gibt. Vor und nach der Veranstaltung tragen wir dafür Sorge, dass immer nur eine Person aufs WC geht. Und wir hätten zum Kulturforum zwei verschiedene Ein- und Ausgänge.

 

Das klingt nicht völlig utopisch.

Ist und bleibt aber bis auf Weiteres per Gesetz verboten.

 

Das Kulturforum wird immer definiert als Heimstätte für Konzerte und Produktionen jenseits des Mainstreams. Kufo-Künstler in der Krise dürften es doppelt schwer haben. Was können Sie tun außer warme Worte finden?

Nicht viel. Was meine Kollegen seit dem Lockdown tun, ist, massivst an der Abwicklung der Ticketverkäufe zu arbeiten. Aber da muss ich noch um ein bisschen Geduld bitten. Mit den Künstlern stehe ich quasi im Dauerkontakt. Eigentlich sind sie recht entspannt, alle haben ein großes Einsehen, dass gerade nichts läuft. Viele ausgefallene Auftritte versuchen wir nun im Herbst unterzubringen. Ich fürchte allerdings, im Herbst ist das Virus nicht weg. Es wäre daher sicherlich unsere Aufgabe, die Künstler am Leben zu halten. Und wenn das bloß mit 30 Leuten im Kleinen Saal machbar wäre, dann sollten wir das machen.

 

Wie weit sind Sie mit dem Verschiebe- und Ersatztermin-Tetris denn schon gediehen?

Es ist ein ziemliches Roulette, denn auch das Stadttheater hat uns mit seinen Terminen massiv absagen müssen. Wir versuchen aber, uns gegenseitig zu unterstützen, das hat auch in der Vergangenheit schon immer gut geklappt. Für das Kufo-Programm habe ich beschlossen, die nächsten JazzVariationen nicht an vier Tagen geballt zu machen, sondern lieber über die Saison verteilt. Ein Festival zu planen, macht jetzt einfach keinen Sinn. Und keine Frage, am Ende des Jahres wird unser Etat nicht so schön aussehen wie die früheren Etats. Vor allem bei den Vermietungen ist ja alles weggebrochen. Das wird nicht zu kompensieren sein.

 

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass in dieser Saison noch einmal die Lichter angehen?

Gott sei Dank haben wir nicht mehr ganz so viele Veranstaltungen, erfahrungsgemäß gehen die Leute lieber raus, wenn es langsam auf den Sommer zugeht. Der Tanz-Workshop im Juni dürfte schwierig werden. Aber im Mai gibt es noch drei Programmpunkte (das Koschitzki/Pereira Sextett mit "Brazilian Blues" am 15. Mai, 20 Uhr, das Schauspiel "Die Mittelmeer-Monologe" vom Heimathafen Neukölln, am 17. Mai, 18 Uhr, Kleiner Saal, und Franz Hajak & The Blue Lunatics am 22. Mai, 20 Uhr), und wir hoffen sehr, dass wir die mit unserem Konzept und eventuell 50 Leuten im Saal machen können. Mir ist es wichtig, zu zeigen: Kultur gibt es nicht nur via Bildschirm.

 

Kultur gibt es, wenn Herr Söder das will.

Drum hoffen wir, dass, wie angekündigt, zum 3. Mai eine Mitteilung kommt, wie mit der Kultur weiter verfahren wird. Wir sind im Standby-Modus.

 

Die Programmleitung des Kulturforums steht unter den Fittichen des Kulturamtes, der Betrieb kann also nicht wirklich in die Insolvenz schlittern. Aber wissen Sie trotzdem jetzt schon, welche Pläne Sie für 20/21 begraben können?

Nö. Noch bin ich guter Hoffnung, obwohl ich weiß, dass die Stadt uns in freiwilliger Leistung einen Etat zur Verfügung stellt. Zu befürchten ist, dass wir zu den Ersten zählen werden, die von den zu erwartenden Einsparungen betroffen sind.

 

Volker Heißmann sagte neulich, ihm fehle der Applaus, das Publikum, das Lachen. Was fehlt Ihnen?

Mein Credo ist: Ich biete Unterhaltung, aber nicht Unterhaltung als Berieselung, sondern als Kommunikation. Das Kommunizieren fehlt mir. So ein wochenlang leerstehendes Haus ist beklemmend.

 

Mit dem Kulturforum liegt auch das erst kurz vor Weihnachten eröffnete Restaurant auf Eis. Wie groß ist die Hoffnung, dass Sie womöglich zeitgleich wiedereröffnen?

Für "La Scala" ist es ein Albtraum. Da wurde wahnsinnig viel Geld in die Renovierung gesteckt, aber noch war nicht die Zeit, um ein Stammpublikum aufzubauen. Der Pächter kann nicht von Soforthilfen profitieren, denn die gehen nur an schuldenfreie Betriebe. Es gibt ab sofort einen Lieferdienst, immerhin. Aber selbst, wenn im Kufo wieder reduzierter Betrieb sein sollte: Das Lokal kann nicht leben von 50 Zuschauern, von denen drei ein Bier trinken. Ich bin in großer Sorge, doch mehr als mit warmen Worten unterstützen können wir nicht.

 

Viele Einrichtungen erledigen jetzt Dinge nach dem Motto "Was ich schon immer mal machen wollte". Die einen streichen neu, die anderen renovieren die Küche. Was erledigen Sie gerade im Kulturforum?

Dafür hatten wir noch gar keine Zeit, weil wir mit der Rückabwicklung der Tickets beschäftigt waren und unser Öffnungskonzept geschmiedet haben. Die Technik hat nun angefangen mit Reparaturen, und ich blicke täglich auf unser Archiv, das ein wenig Ordnung vertragen könnte.

 

Schlussfrage an die Saxofonistin: Wann treten die Swingschnitten wieder in Erscheinung?

Tja. Wir sind eben auch ein Ensemble der Musikschule Fürth, wo bekanntlich ebenfalls alles geschlossen ist. Als Schülerinnen haben wir normalerweise Unterricht zu sechst in einem kleinen Raum. Es schaut also nicht gut aus. Saxofonspielen und Mundschutz, das ist außerdem echt schwierig.

 

Interview: Matthias Boll

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Fürth