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Lärm und Ärger: Wie Kanufahrer in Franken gebremst werden

Auf der Isar ist Kanufahren stark eingeschränkt worden – aber nicht nur dort - 22.04.2019 05:36 Uhr

Auf der Pegnitz, hier bei Artelshofen, gelten Leitlinien zur Nutzung des Flusses – auch für Kanufahrer.


Stefan Schmidt, Leiter des Ressorts Umwelt und Gewässer beim Bayerischen Kanu-Verband (BKV), klingt nicht nur frustriert, er ist es auch. Wenn es die Gesellschaft nicht schaffe, mehr Achtung vor der Natur umzusetzen, werde das in der bayerischen Verfassung garantierte freie Betretungsrecht der Natur bald nur noch auf dem Papier stehen, klagt Schmidt.

Der knapp 14.000 Mitglieder zählende Bayerische Kanu-Verband sieht sich zunehmend unverschuldet in der Defensive. Allerorten an den bayerischen Flüssen und Seen nehmen Reglementierungen bis hin zu kompletten Fahrverboten für Kanufahrer zu, weil die Landratsämter als untere Naturschutzbehörden mit einer bestimmten Gruppe von schmutzenden und lärmenden Naturbenutzern anders nicht fertig zu werden glauben. Eskaliert ist der Konflikt zwischen Naturschutz und exzessiver Naherholung jetzt an der Isar oberhalb von München. Das Landratsamt Bad-Tölz-Wolfratshausen hat tief in die Verordnungskiste gegriffen und das Bootfahren auf der Isar zwischen dem 15. Oktober und dem 1. Juni komplett untersagt. Die organisierten Kanufahrer empfinden das als Schlag ins Gesicht.

Aber auch an nahezu allen Gewässern des Freistaats, auf denen der Freizeitsport sich ausgebreitet hat, greifen Ge- und Verbote um sich. Die meisten Freizeitsportler, die Rücksicht auf die Natur nähmen, zahlten die Zeche für diejenigen, denen "die Natur wurscht ist", ärgert sich Stefan Schmidt vom Kanu-Verband. Die Folge: Befahrungsverbote weiten sich aus, die der Umweltressortleiter des BKV nicht immer für sachdienlich hält. Solche Verbote mit laichenden Fischen zu begründen, sei aus der Luft gegriffen: "Es gibt keinerlei Hinweise auf Laichschäden durch Bootsbetrieb."

Auch in der Region Nürnberg bemängeln vor allem Umweltschützer immer wieder, dass auf Pegnitz, Wiesent und Altmühl zu viele Freizeitpaddler unterwegs seien. So wurde Anfang April bekannt, dass der Bund Naturschutz gegen eine Genehmigung des Forchheimer Landratsamtes gerichtlich vorgeht, welche die Befahrung der Wiesent im Sommer regeln soll. Nach Auffassung der Forchheimer BN-Kreisgruppe ist die Wiesent "übernutzt", das Vogelschutzgebiet in Gefahr. Bis zu 28 000 Paddler pro Saison wollen die Umweltschützer zuletzt gezählt haben.

Bei der Altmühl einigte man sich zuletzt darauf, den Fluss weiterhin für Kanus und Kajaks befahrbar zu halten — allerdings sollen keine weiteren Anbieter von Kanutouren mehr hinzukommen. Auch größeren Booten sowie sogenannten Standup-Paddlern erteilte der Naturpark Altmühltal eine Absage.

Gut angenommen wurde im vergangenen Jahr die Ampelregelung auf der Pegnitz, die die Nutzung des Flusses zwischen Neuhaus und Hersbruck im Nürnberger Land regelt. Wegen niedriger Pegelstände war die Pegnitz einen Großteil der Saison zwischen Neuhaus und Artelshofen nicht befahrbar. Im Gegenzug wurde das Kanugebiet am unteren Pegnitzlauf bis nach Hersbruck ausgeweitet.

Die Folgen der Vorschriften treffen die Fluss-Nutzer je nach Mentalität unterschiedlich: Die sich daran halten, verzichteten eben ganz oder teilweise auf Kanu-Ausflüge, sagt Schmidt. Und die anderen hielten sich sowieso nicht daran und würden so gut wie nie belangt. Wie an heißen Sommerwochenenden maximal zwölf Isar-Ranger "ohne Polizeibefugnis" zwischen Sylvensteinspeicher und dem Münchener Süden dafür sorgen sollten, dass zum Beispiel der Alkoholpegel unter 0,5 Promille bleibt, Kinder bis zu zwölf Jahren Schwimmwesten tragen, keine "Beiboote" mit Bierkisten auf den Fluss mitgenommen werden und ein "Nachtfahrverbot" eingehalten wird, sei ihm sowieso ein Rätsel. Verboten ist auch das Anlanden an Kiesinseln und das Übernachten im Freien.

Die Kommunalpolitik sitzt zwischen den Stühlen. Während die Tourismusförderung der Landratsämter nach Kräften die örtlichen Gewässer als Besuchermagneten unterstützt und spezielle Bootsfahr-Gastronomie und Wasserwander-Anbieter fördert, möchten die Naturschutzabteilungen in denselben Ämtern aus Rücksicht auf Tiere und Pflanzen am liebsten umfassende Betretungsverbote verhängen, beobachtet man beim Kanu-Verband. "Die Isar leidet, wenn zu viele an ihr zerren", meinte der Tölzer Landrat Josef Niedermaier, und ähnlich sieht man das auch bei den behördlichen Naturschützern, die von der Fränkischen Saale bis zur Loisach dafür zuständig sind.

Die "Verordnung über die Regelung des Gemeingebrauchs an der Fränkischen Saale" im Landkreis Bad Kissingen zum Beispiel verbietet auch in den Sommermonaten das Befahren des Flusses nach 18 Uhr und begrenzt die Größe der Boote auf sechs Meter Länge und vier Plätze. Das gefürchtete Zusammenkoppeln schwimmender "Flöße" zu Partyzwecken ist ebenfalls untersagt und wird mit Ordnungsgeld bis zu 5000 Euro geahndet – jedenfalls theoretisch. Ähnlich detaillierte Vorgaben für Befahrungsverbote, Bootsgrößen und Mindestwasserspiegel finden sich inzwischen für fast alle bei Wassersportlern beliebten Wasserwege im Freistaat.

Sind Kontigente die Lösung?

Bei einer bestimmten Klientel verpuffen freilich die oft mit viel Liebe zum bürokratischen Detail entworfenen Verhaltensregeln, weiß Umweltexperte Schmidt. Wenn der Druck auf die naturnahen Naherholungsgebiete besonders im Umfeld der Ballungsräume weiter zunehme, werde man um Kontingentierungen nicht herumkommen, wie man das zum Beispiel in den USA und anderen Ländern schon praktiziere.

Wenn es um das Geschäft mit Touristen geht, scheinen freilich etwas andere Regeln zu gelten. Traditionell starten im Sommer an den Wochenenden Dutzende von Flößen in Wolfratshausen zu biergeschwängerten Touren nach München zu Preisen um die 150 Euro pro Person. Meistens an Bord: Lautstarke Live-Musikkappellen, während laute Musik für die individuellen Isar-Benutzer nach der neuen Verordnung verboten ist. Und nach Promillegrenzen wird die feuchtfröhlichen Flößer wohl auch in Zukunft niemand fragen. 

Ralf Müller und Sebastian Linstädt

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