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Blechlawine: Ausflügler überrennen Dörfer im Nürnberger Land

In manchen Ortschaften war am Wochenende kein Durchkommen mehr - 22.02.2021 09:12 Uhr

Nichts ging mehr am Sonntag in Haimendorf, wie diese Bilder belegen. Ein Bekannter habe 30 Minuten gebraucht, um mit dem Auto zu ihm durchzukommen, erzählt ein Dorfbewohner. 

21.02.2021


Es ist Sonntag, das Wetter ist schön. Zeit für einen Ausflug. Nur: Was macht man, wenn alles geschlossen ist, vom Tiergarten bis zum Freizeitpark? Richtig, man fährt aufs Land, ob zum Wandern oder – bis Anfang dieser Woche – zum Schlittenfahren. Wozu das führt, davon können manche Dörfer im Nürnberger Land ein Lied singen. Im Lockdown werden sie regelrecht überrannt.


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Nummernschilder aus Nürnberg, Fürth, Erlangen, aber auch aus Regensburg oder Hof waren am vorigen Wochenende in Haimendorf zu sehen, dem 630-Einwohner-Ortsteil der Stadt Röthenbach am Fuß des Moritz­bergs. Die Pegnitz-Zeitung hatte einen Ausflug zum Klingenden Wasserfall empfohlen, der wegen der Minustemperaturen von einer dicken Eisschicht überzogen war. Zeitgleich hatten sowohl der Bayerische Rundfunk als auch mehrere Online-Portale vom Wandern rund um den Moritzberg geschwärmt.

Und dann ging nichts mehr. Weder vorwärts noch rückwärts. Die Blechlawine blockierte fast jede Haimendorfer Straße. Ausflügler, die den Schnee genießen wollten, aber partout keine Parkplätze fanden, stellten sich kurzerhand auf Äcker und Wiesen. Sie parkten in Kurven und vor Einfahrten. Einer setzte mit dem Heck seines Mercedes in das Wartehäuschen der Bushaltestelle zurück – und blieb dort stehen.

Jede Menge Strafzettel

Die Polizei rückte an, alarmiert von aufgebrachten Anwohnern. "Die Situation war durchaus prekär, ein Rettungswagen wäre nicht mehr durchgekommen", sagt Oliver Thoma von der Laufer Inspektion. Der Linienbus, der sonst über Haimendorf fährt, musste wieder umdrehen. 20 Verwarnungen für Falschparker habe man ausgesprochen, so Thoma. Auch der Zweckverband Kommunale Verkehrs­überwachung schickte einen Mitarbeiter. Er schrieb binnen einer Stunde 21 weitere Nummernschilder auf, "das dürfte ein Rekord sein", sagt Bürgermeister Klaus Hacker (FW).

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Ähnlich schlimm soll es am vorigen Wochenende in Ottensoos zugegangen sein, wo die zugefrorenen Pegnitzwiesen Schlittschuhläufer anzogen. Auch in Schönberg standen die Autos dicht an dicht. Ein Dauerbrenner ist aus Polizeisicht allerdings die Verkehrssituation im Laufer Ortsteil Tauchersreuth. Dort gibt es einen Schlittenhang mit Aussicht übers Erlanger Oberland, der bei Winterwetter beliebt ist. Und obendrein ist das Dorf über die nahegelegene B 2 gut in Richtung Nürnberg angebunden. Die Zahlen sprechen für sich: Seit Jahresbeginn habe man hier rund 150 Falschparker verwarnt, sagt Thoma.

Weil es im Ort selbst kaum Parkmöglichkeiten gebe, würden sich viele Autofahrer außerorts ins Bankett stellen – und zwar auf beiden Straßenseiten. "Begegnungsverkehr ist dann nicht mehr möglich", so der Polizist. Inzwischen habe die Stadt Halteverbotsschilder aufgestellt, "aber teilweise wird direkt unter diesen Schildern geparkt. Das ist Unvernunft pur."

"Dann hat man mich blöd angeredet"

Für die Haimendorfer wäre das Verkehrschaos nur halb so schlimm, wären da nicht die Diskussionen mit den Städtern, die zwar Erholung wollen, aber dann doch von der Parkplatzsuche gestresst sind: "Ich habe am Sonntag viermal jemanden von meiner Einfahrt verscheuchen müssen", sagt Heico Pazdernik, der an einer der Hauptrouten für Spaziergänger und Schlittenfahrer in Richtung Moritzberg wohnt, "dabei bin ich dann angepflaumt worden." Ortssprecher Helmut Schmidt berichtet: "Die Leute sind quer über meinen Acker gelaufen und bei uns ums Haus, obwohl wir ein Schild ‚Privat‘ aufgestellt haben. Dann hat man mich blöd angeredet, als ich etwas gesagt habe."

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Dabei sind die Dorfbewohner eigentlich gewohnt, dass es am Wochenende voll bei ihnen wird. "Es war schon immer viel", sagt Pazdernik, "aber zuletzt war es extrem". Er und Ortssprecher Schmidt führen das eindeutig auf den Lockdown zurück. Schmidt: "Das alles ging im Herbst los." Als im Januar in Nürnberg zeitweise die 15-Kilometer-Regel galt, war Haimendorf weiterhin ein legal zu erreichendes Ziel. Schmidt: "Die Leute wollen halt einfach mal aus der Stadt raus, wenn es sonst schon nichts gibt. Ich habe dafür eigentlich viel Verständnis."

"Die haben alle das Wandern für sich entdeckt"

Ähnliche Beobachtungen hat auch Maximilian Reiß gemacht, der Ortssprecher von Tauchersreuth und Beerbach. Inzwischen herrsche auch unter der Woche Betrieb, "und da sind alle Altersgruppen vertreten". Er meint aber: Unterwegs sind auch die Einheimischen selbst, nicht nur Ausflügler aus der Stadt, "die haben alle das Wandern für sich entdeckt". Reiß glaubt, dass das auch nach der Pandemie so bleiben wird, "es ist ja auch schön zum Laufen bei uns".

Erst vorgestern hat die Stadt aufgerüstet: Schilder unter anderem im Wacholder- und im Schwandweg sowie in der Friedrich-von-Fürer-Straße verkünden jetzt ein eingeschränktes Halteverbot von Freitag um 12 Uhr bis Sonntag um 18 Uhr.

Platz für den Rettungswagen

"Es geht darum, zu gewährleisten, dass wenigstens der Bus, der Rettungsdienst und die Feuerwehr durchkommen", sagt Bürgermeister Hacker, "die Schilder geben uns dafür eine Handhabe". Die Frage, wo die ganzen Ausflügler stattdessen parken werden, können aber weder er noch der Ortssprecher beantworten. Vielleicht auch außerorts, so wie in Tauchersreuth?

Eigentlich, sagt Hacker halb im Scherz, sei die Sache doch ganz einfach. Es müsse sich bloß ein Landwirt finden, der seine Wiese zum temporären Parkplatz umfunktioniere. Damit sei sogar Geld zu verdienen.

Andreas Sichelstiel

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