Samstag, 07.12.2019

|

Schwaiger Pfarrer berichtet aus brennendem Amazonasgebiet

Hans Zeller hat acht Jahre in Brasilien gearbeitet - 07.09.2019 18:53 Uhr

Der Urwald im Amazonasgebiet brennt - und das schon seit Jahrzehnten. Der Schwaiger Pfarrer Hans Zeller hat das miterlebt und berichtet von seinen Fahrten durch Brasilien.


Mit dem VW Käfer fahren wir seit Stunden auf der Erdstraße mit großen Schlaglöchern, die von Osten nach Westen in den Amazonas-Urwald hineinführt. Der Bau der Straße wurde 1970 durch die brasilianische Diktaturregierung initiiert. Es ist einige Fahrkunst notwendig, um nicht mit dem VW aufzustreifen, obwohl es das ideale Auto für diese Straßenverhältnisse ist.

Während der mehrstündigen Fahrt wechselt das Panorama. Mal gehen die Bäume bis an den Straßenrand, dann aber fahren wir, der evangelische Reiseprediger Henrique Krause, der die Siedler seelsorgerlich begleitet und ich, der Schwaiger Pfarrer Hans Zeller, wieder durch Gegenden, die gerodet sind, Links und rechts der Straße soweit das Auge reicht, nur riesige Weiden.

Der Urwald als billiger Grund

Es geht auf und ab, und gegen Abend kommen wir zu einem freien Platz, bei der Stadt Altamira. Dort warten Bauern auf uns. Es sind Familien, die während der Militärregierung aus dem Süden in das Amazonasbecken auf der Suche nach Land gezogen sind. Das Land war billig, sie bekamen für ihren kleinen Besitz im Süden große Flächen im Urwald. Die Regierung machte Werbung für das neue Land, man wollte das Land besiedeln, um ausländische Ansprüche abwehren zu können.

Vier Wochen sind wir unterwegs und besuchen Familien, die zum Teil behelfsmäßig mit schwarzen Planen Zelte aufgebaut haben, um den Urwald zu roden. Tagsüber erscheint die Sonne nur als ein roter Ball, da der Rauch den blauen Himmel verdeckt und meine Augen rötet. Mit der Zeit kratzt es im Hals. Wenn wir die Bauern auf den freien Flächen besuchen, wo von riesigen Urwald-Bäumen nur noch schwarz verkohlte Baumstümpfe übriggeblieben sind, dann ist die Hitze fast unerträglich.

Der Wald brennt seit 25 Jahren

Das war vor 25 Jahren als ich mit Henrique Krause unterwegs war als der Urwald brannte. Wenn ich jetzt die Bilder von Kollegen vom brennenden Urwald übermittelt bekomme, dann sehe ich wieder diese Bilder mit den lodernden Flammen, die verkohlten Baumstümpfe und die vom Rauch verdeckte Sonne im Geiste vor mir und spüre gleich die Hitze, die mir bei dem Gedanken an diese Zeit den Schweiß heraustreibt.

Der Urwald brennt über Jahre hinweg unbemerkt. „Es ist gut, dass die Zerstörung des Urwaldes nun von der Weltöffentlichkeit wahrgenommen wird,“ teilt mir Jandira Keppi mit. Seit 32 Jahren ist sie Expertin für indigene Fragen in den Bundesstaaten Acre und Rondônia, die zum Amazonasbecken gehören und momentan besonders stark von den Brandrodungen betroffen sind.


Länder schließen Pakt zum Schutz des Amazonas


Es macht mich traurig, wenn ich von ihr höre: „Ich bin totunglücklich, dass die Regierung die Großgrundbesitzer und Landspekulanten, die in die Reservate der indigenen Stämme, und in die geschützten Nationalparks eindringen nicht mehr bestraft.“

Ich stelle mir vor, was es mit den Indigenen macht, wenn ihr Präsident Bolsonaro sie mit herablassenden Sprüchen beschimpft: „Die Indianer sind keine Personen, es sind Tiere“. Diese entwürdigenden Aussagen über Personen, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die ich kenne und die ich schätze, lassen mich wütend werden.

„Der Urwald ist der Lebensraum für die indigenen Menschen.Aus ihm beziehen sie ihre Nahrung und das Material für das tägliche Leben bis dahin, dass es ihr spiritueller Raum ist. Bevor ein Baum umgesägt wird, bitten sie mit ihren Ritualen um Verzeihung. Der Wald ist für sie ein Lebewesen, und sie können sich nicht vorstellen, dass man ihn aus Gründen der Geldgier zerstört,“ berichtet mir Jandira.

Land ohne Wert

Aber mir tun auch die Familien leid, die in den 80ern aus dem Süden in das Amazonasbecken auf der Suche nach Land gezogen sind. Das war billig. Die Regierung machte Werbung für das neue Land. Doch nach ertragreichen Ernten in den ersten drei Jahren gingen die Ernteerträge schlagartig zurück.

„Die Kleinlandwirte aus dem Süden wussten nicht, dass der Regenwaldboden, den sie durch Abbrennen der Vegetation freilegten, äußerst arm an Nährstoffen ist,“ betont Valdir Hobus, Pfarrer und Vogelkundler, der in Sinop die Gemeinden betreut. „Die dünne Humusschicht ist schon nach ein bis zwei Ernten verbraucht und der Sandboden darunter taugt nicht für die Landwirtschaft“, berichtet er.

Valdir erklärt: „In dem stets warmen, feuchten Klima wird alles organische Material auf der Stelle zerlegt und zersetzt. Insekten, Würmer, Milben, Pilze und Bakterien - ganze Geschwader dieser Kleinsttiere stürzen sich auf jedes Blatt, jeden Stängel, fressen Aas und zerlegen jeden abgestorbenen Baum in kurzer Zeit. Für die Bildung eines nahrhaften Humus bleibt nichts zurück. Kurzum: Es ist Wald ohne Humus“.

Bilder und Berichte von Freunden

Tagtäglich bekomme ich Nachrichten von Freunden und Kollegen aus der Amazonasregion. Die Personen, die sie mir zusenden hoffen auf die Hilfe von außen, auch wenn der brasilianische Präsident mit großer Heftigkeit auf die Souveränität Brasiliens pocht und klar sagt. „Der Urwald im Amazonasbecken gehört uns Brasilianern und niemand von außen hat uns hier dreinzureden“.

Währenddessen schickt mir mein Kollege Adriel Raach ein Video, das er in dieser Woche aufgenommen hat: Zu sehen ist, wie die Flammen an den Bäumen hochflackern und es laut knistert, während die ersten riesigen Äste auf den Boden krachen. Darunter schreibt er „Kyrie eleison“ – Herr erbarme dich. Das Bewusstsein der Bevölkerung verändert sich, das ist meine Hoffnung. Ein Umdenken kann sich aber nicht nur auf die Landspekulanten, Holzfäller und Landwirte im Urwald beziehen, sondern betrifft auch uns

Hans Peter Miehling

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Schwaig