Lebensmittel aus der Region? Franken gehen die Erzeuger aus

André Ammer

Region und Bayern

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29.3.2021, 05:44 Uhr
Viele Landwirte in der Region haben das Problem, dass Betriebe wie Molkereien zur Weiterverarbeitung der Grundprodukte oft weit entfernt liegen. Diese Lücken in den Wertschöpfungsketten will die neue Initiative aus der Fränkischen Schweiz schließen.

Viele Landwirte in der Region haben das Problem, dass Betriebe wie Molkereien zur Weiterverarbeitung der Grundprodukte oft weit entfernt liegen. Diese Lücken in den Wertschöpfungsketten will die neue Initiative aus der Fränkischen Schweiz schließen. © Horst Linke

"Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft Franken" nennt sich der vor Kurzem aus der Taufe gehobene Zusammenschluss, den Dieter Hoch aus dem oberfränkischen Pottenstein ins Leben gerufen hat. Der Initiator hat vor Jahren bereits die Bewegung ökologische Region (BÖR) Fränkische Schweiz gegründet und wurde von dem Kongress "StadtLandBio", der vor einigen Wochen parallel zur BioFach in Nürnberg stattfand, zu seinem neuen Projekt inspiriert.

Bei diesem Online-Kongress, bei dem auch die Metropolregion Nürnberg eingebunden war, ging es unter anderem um das Problem, dass in den vergangenen Jahrzehnten viele kleinteilige Strukturen zur Lagerung und Weiterverarbeitung von landwirtschaftlichen Grundprodukten abgebaut wurden. Das stellt viele Landwirte vor große Probleme.

"Ich kenne zum Beispiel einen Bauern, der etwa 80 Kilometer nach Flossenbürg in der Oberpfalz fahren muss, um dort seinen Dinkel zwischenlagern zu können", erzählt Hoch. Hin und zurück mit dem Traktor und dem Anhänger sei das eine Tagesreise. Ein anderer Landwirt aus seinem Bekanntenkreis müsse seine Bio-Hühner bis nach Augsburg transportieren, damit sie dort in einem entsprechend zertifizierten Betrieb geschlachtet werden können.

Wettbewerbsnachteil gegenüber Lebensmittel-Konzernen

Solche Schwierigkeiten, die zum großen Teil mit der Globalisierung und der Marktmacht der internationalen Lebensmittelkonzerne zusammenhängen, sind für eine ökologisch nachhaltige Produktion und Weiterverarbeitung natürlich kontraproduktiv. Zudem verteuern sie die regionalen Erzeugnisse zusätzlich und sorgen dafür, dass viele kleine Betriebe preislich noch weniger mit industriell erzeugten Lebensmitteln mithalten können.

Dieter Hoch und seine Mitstreiter fordern deshalb, dass ortsnahe Verarbeitungsstrukturen wieder aufgebaut werden und nehmen in diesem Zusammenhang auch die Politik in die Pflicht. Die soll entsprechende Förderprogramme auflegen, wenn es ihr mit der angestrebten Quote von 30 Prozent Biolandbau in Bayern bis 2030 tatsächlich ernst sei.


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"Wenn diese Strukturen weiterhin zerstört werden, verliert unsere Region auch ihr typisches Landschaftsbild, das ja wesentlich von einer kleinteiligen Landwirtschaft geprägt ist", warnt Klaus-Dieter Preis aus Gößweinstein, der sich ebenfalls bei BÖR engagiert. Die neue "Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft Franken" könne außerdem dazu beitragen, dass sich die Menschen wieder mehr mit den Produkten aus ihrer näheren Umgebung identifizieren. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie hätten hier bei manchen Verbrauchern schon zu einem Umdenken geführt. Darauf sollte man aufbauen.


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Vorbild in Schwäbisch Hall

Wie eine funktionierende Erzeugergemeinschaft aussehen könnte, das haben die federführenden Mitglieder von BÖR bei einer Erkundungsfahrt zur Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall erfahren. "Aus nur acht Gründungshöfen im Jahr 1988 ist dort eine Gemeinschaft mit mehr als 1500 landwirtschaftlichen Betrieben erwachsen", erzählt Dieter Hoch. Ein Drittel davon würde ökologisch, der Rest konventionell betrieben; es gebe einen Beratungsdienst, einen eigenen Schlachthof in Schwäbisch Hall, eine Käserei und Verkaufsmärkte, die gute Produktions- und Absatzbedingungen garantieren würden.

Und die Startbedingungen für eine ähnlich umfassende Erzeugergemeinschaft in der Metropolregion Nürnberg sind nach Hochs Ansicht ziemlich gut. So existieren bereits eine ganze Reihe von Öko-Modellregionen (ÖMR) in Nordbayern, etwa die ÖMR Nünberg, Nürnberger Land und Roth, Fränkische Schweiz oder Obermain-Jura. Unterstützung erhoffen sich die Initiatoren auch von der vom bayerischen Landwirtschaftsministerium ins Leben gerufenen Genussakademie in Kulmbach, durch die unverwechselbare regionale Spezialitäten verstärkt in den Fokus der Verbraucher gerückt werden sollen.

Bessere Vernetzung nötig

"Zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktions-, Verarbeitungs- und Vermarktungsbedingungen müssen wir uns vor allem vernetzen und auch in Genossenschaften organisieren", betont Hoch. Wie solche Netzwerke funktionieren können, zeige zum Beispiel die Neumarkter Lammsbräu, die für ihre Bio-Biere und -Erfrischungstränke langfristige Kooperationen mit rund 100 Landwirten aus der Region aufgebaut habe.

Die ersten Kontakte zu möglichen Mitgliedsbetrieben hat die neue Gemeinschaft bereits geknüpft. "Etwa 50 Landwirte haben bisher ihr Interesse signalisiert", berichtet Dieter Hoch. Darüber hinaus wären drei regionale Brauereien bereit, entsprechende Lieferverträge mit Betrieben aus der Umgebung abzuschließen.

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