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Lockdown: Viele Thermen in der Region kämpfen um Existenz

Corona sorgt bei Bädern für verwaiste Becken und leere Kassen - 24.11.2020 05:46 Uhr

Gähnende Leere im Palm Beach in Stein. Trotz eines aufwendigen Hygienekonzepts musste auch das beliebte Erlebnisbad im Kreis Fürth wieder schließen – und ein Großteil der Kosten läuft einfach weiter.

23.11.2020 © Foto: Hans-Joachim Winckler


Vor allem die privaten Betreiber, die nicht auf einen Ausgleich der Verluste aus kommunalen Mitteln hoffen können, stecken tief in den roten Zahlen. Das erste Unternehmen ist wirtschaftlich bereits in die Knie gegangen. Die Stuttgarter Interspa-Gruppe, die sechs Spaß- und Erlebnisbäder in Deutschland betreibt, hat vor Kurzem einen Insolvenzantrag in sogenannter Eigenverantwortung gestellt. Das bedeutet, dass der Schuldner zum Insolvenzverwalter in eigener Sache wird.

Bei einer Einrichtung der Interspa-Gruppe in Bayern, dem Wonnemar-Erlebnisbad in Ingolstadt, ist die Situation noch kritischer. Dort hat die örtliche Betreibergesellschaft ein Regelinsolvenzverfahren beantragt, denn eine finanziell aus dem Ruder gelaufene Sanierung hat die Lage zusätzlich verschärft.


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Weitere Betriebsschließungen werden wohl folgen, wenn der zweite Lockdown noch länger anhält. So sieht der Bayerische Heilbäder-Verband (BHV) am Ende des Corona-Jahres existenzielle Not auf seine Mitglieder zukommen und fordert von der Staatsregierung einen Rettungsfonds.

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Die Zwangsschließungen hätten für die Heilbäder und Kurorte dramatische finanzielle Folgen, warnte Vorsitzender Alois Brundobler beim Bayerischen Heilbädertag, der vergangene Woche in Bad Füssing stattfand. "Alleine bei den Kur- und Fremdenverkehrsbeiträgen haben wir bisher ein Minus von mindestens 10,4 Millionen Euro. Da sind die Folgen des zweiten Lockdowns noch gar nicht mit eingerechnet", sagte Brundobler.

Viele zahlen noch Kredite ab

Die Mitglieder hätten in den vergangenen Jahren kräftig investiert, die Abzahlung der Kredite werde lange dauern, erklärte der BHV-Vorsitzende. "Wir warnen vor einer Zahlungsunfähigkeit." Der Freistaat stellt Kurorten und Heilbädern deshalb zehn Millionen Euro aus dem Kommunalen Finanzausgleich für einen pauschalen Ausgleich von Mindereinnahmen zur Verfügung.

Auch Klaus Batz, Geschäftsführer der European Waterpark Association (EWA), fürchtet eine Pleitewelle, wenn der Badebetrieb noch längere Zeit nicht möglich sein wird. "Bei einer internen Umfrage gaben sechs Prozent unserer Mitglieder an, dass sie akut von der Insolvenz bedroht seien. Und das war Ende September, also noch vor dem zweiten Lockdown", erklärt Batz.


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Dabei hatte das Jahr hervorragend begonnen für die Mitglieder der in Nürnberg sitzenden EWA, die die Interessen von rund 300 Freizeitbädern, Thermen und Wasserparks in Europa vertritt. Der Großteil der Einrichtungen meldete für Januar und Februar Besucherzuwächse im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Im zweiten Quartal 2020 verzeichneten die Betriebe angesichts des ersten Corona-Lockdowns jedoch 94 Prozent weniger Gäste als im Vorjahr.

Kosten im siebenstelligen Bereich

"Aber die Kosten liefen zu fast 100 Prozent weiter", berichtet Klaus Batz und spielt damit auf ein grundsätzliches Problem seiner Branche an: Über zwei Drittel der laufenden Kosten eines Freizeitbades, unter anderem die Ausgaben für Strom, Heizung und Wasser, sind völlig unabhängig von der Zahl der Besucher. "Und diese monatlichen Kosten gehen bei großen Einrichtungen oft in den siebenstelligen Bereich. Da gerät man bei Einnahmeausfällen schnell in eine finanzielle Schieflage", erklärt der EWA-Geschäftsführer.

Die Maschinerie muss auch bei einem Lockdown in Gang bleiben, sonst drohen teure Schäden. In der Franken-Therme in Bad Windsheim etwa laufen alle Attraktionen dreimal täglich, unter anderem damit die Leitungen regelmäßig durchgespült werden. Ansonsten könnten schnell Rückstände die aufwendige Technik beeinträchtigen, und es bestünde die Gefahr, dass sich Legionellen bilden.

Nach wie vor sind auch alle Becken der Franken-Therme gefüllt, denn wenn das Gewicht des Wassers fehle, würde es aufgrund der Spannung Fließen absprengen, wie Themen-Technikchef Oliver Fink erklärt. Auch die Temperatur des Wassers und der Raumluft kann man in Bädern und Thermen mit ihren großen Glasfronten und ihrer komplexen Statik nicht so einfach absenken. "In der Hülle ist massiv Bewegung drin", gibt Fink zu bedenken.

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Die Zeit für Reparaturen nutzen

Viele Einrichtungen nutzen den Lockdown zu Wartungs- und Reparaturarbeiten, bei einigen Bädern in der Region stehen zudem Sanierungen und Erweiterungsbauten auf dem Programm. Im Fürthermare etwa entstehen eine neue Eventsauna und zwei Ruhegebäude, die mit Wasserbetten und offenen Feuerstellen besondere Erholung bringen sollen.

Zur Weihnachtszeit hätte die Sauna fertig sein sollen, die Entspannungshäuschen sollten wenig später folgen. Doch noch stehen nur die Rohbauten der gemauerten Häuser. Grund für die Verzögerung: Corona. Besser gesagt, die Reisebeschränkungen, die es den Fachkräften vom Balkan nicht möglich machten, die Grenzen zu passieren.

"Unsere Mitglieder haben zurzeit null Planungssicherheit. Wir können nur auf Sicht fahren, und das in einer nebligen Landschaft", klagt Klaus Batz. Wenn keiner wisse, wie lange der Lockdown noch dauert, könne man auch nicht kalkulieren, ob das teilweise Runterfahren der Technik betriebswirtschaftlich sinnvoll sei oder nicht. In der Luft hängt zum Beispiel die finanziell ohnehin kriselnde Fackelmann-Therme in Hersbruck, deren Betreiber schon vor der zweiten Zwangsschließung überlegt hatten, das Angebot und damit auch die Betriebskosten zu reduzieren.

Probleme mit der Versicherung

Viele Unternehmen haben Betriebsunterbrechungsversicherungen abgeschlossen, doch in einigen Fällen würden die Versicherer laut Batz die Auszahlung wegen angeblicher Ausschlussklauseln verweigern. "Da laufen schon die ersten Rechtsstreitigkeiten", weiß der EWA-Geschäftsführer.

Und die sogenannte November-Hilfe – eine aktuelle Überbrückungsmaßnahme des Staates, bei der Betrieben bis zu 75 Prozent des Umsatzes vom November 2019 erstattet werden – kann die drohende Zahlungsunfähigkeit von manchen Einrichtungen höchstens ein wenig aufschieben. Auch Überbrückungskredite helfen den in Not geratenen Freizeitbädern nicht wirklich weiter, erklärt Klaus Batz. "Im schlimmsten Fall droht den Verantwortlichen zusätzlich ein Verfahren wegen des Verdachts auf Insolvenzverschleppung."

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André Ammer Region und Bayern E-Mail

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