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Mobile Ställe: Sind das Frankens glücklichste Ostereier?

In der Region setzen immer mehr Direktvermarkter auf artgerechte Tierhaltung - 21.04.2019 11:12 Uhr

Fütterungszeit: Stephen Wertsch und seine Tochter Marlene mit den über 200 Hennen und Hähnen, die auf der großen Freifläche vor dem mobilen Hühnerstall nach Herzenslust laufen und picken können.


Auch in der Metropolregion setzt inzwischen eine ganze Reihe von Direktvermarktern auf glückliche Hühner, die artgerecht in der freien Natur gehalten werden und Eier in Bio-Qualität liefern. Stephen Wertsch zum Beispiel hat in der Nähe von Schwarzenbruck (Landkreis Nürnberger Land) etwa 220 Hühner in einem auf Rädern stehenden Stall untergebracht, der im Frühling und Sommer etwa alle drei Wochen an einen neuen Standort transportiert wird.

Immer frisches Gras

"Das schont die Grasnarbe, die Hühner haben immer frisches Gras zum Fressen, und die Bodenbelastung durch den Hühnerkot hält sich auch in Grenzen. Der Auslauf bleibt sauber und hygienisch", sagt der 38-Jährige, während er Biogetreide in einen Futtereimer füllt und mit einigen Rufen die aufgeregte Hühnerschar anlockt. Neben den Legehennen, die praktischerweise alle Molly heißen, tummeln sich noch fünf Hähne und drei Zwergschafe auf dem Areal, das Wertsch von einem Nachbarn gepachtet hat.

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Die Schafe namens Lili, Lala und Lolo sind quasi die "Wachhunde" des eifrig nach den Futterkörnern pickenden Kleinviehs. Mit seinen nicht vorhersehbaren Bewegungen soll das Trio den Habicht von Attacken auf die Mollys abhalten, erklärt Wertsch, der 2016 sein Projekt namens "Hennen-Glück" gestartet hat. Schon immer habe er davon geträumt, einen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb zu haben, erzählt der gelernte Agrar-Betriebswirt für Ökolandbau, der hauptberuflich biologische Tierarznei- und Futtermittel verkauft.

Seinen mobilen Hühnerstall betreibt Wertsch im Nebenerwerb zusammen mit seiner Frau Katharina, die Agrarwirtschaft studiert hat. Inzwischen haben sich die beiden einen ziemlich großen Kundenstamm aufgebaut. Unter anderem stehen aktuell rund 120 Hühnerpaten in der Kundendatei von "Hennen-Glück". Für Preise zwischen 163 und 189 Euro ist der Pate ein Jahr lang Besitzer eines Huhns und erhält fünf frische Eier pro Woche.

"Unsere Kunden ermöglichen damit einem Huhn und dem Bruder des Huhns ein glückliches Leben", erklärt Wertsch. Aus ethischen und tierschutzrechtlichen Gründen hat sich "Hennen-Glück" nämlich dem Projekt "Stolzer Gockel" angeschlossen, das sich gegen die millionenfache Tötung von männlichen Eintagesküken richtet.

"Alles wird verwertet"

Bei diesem Projekt werden die Bruderhähne 18 Wochen lang aufgezogen und dann zu Produkten wie Lyoner, Sauce Bolognese oder Gockelfrikassee verarbeitet. Die Eier, die Legehenne, die der Pate am Ende des Jahres als Suppenhuhn erhält, und der Bruderhahn – all das gehört zum Gesamtpaket. "Nichts bleibt übrig, alles wird optimal verwertet", sagt Wertsch, der in den Landkreisen Nürnberger Land und Neumarkt mehrere Depots eingerichtet hat, in denen die Hühnerpaten ihre Eier abholen können.

Auch wenn das Interesse an Bio-Eiern aus mobilen Hühnerställen vor allem nach dem Fipronil-Skandal vor zwei Jahren merklich zugenommen hat, ist "Hennen-Glück" nur ein kleines Zubrot für die Familie Wertsch – und das, obwohl die Eier ihrer Mollys mit 50 Cent pro Stück ein Mehrfaches von Eiern aus industrieller Massentierhaltung kosten.

"Für die Hühner ist unsere Form der Haltung die beste, für den Landwirt die schlechteste", sagt Stephen Wertsch und lacht. Seinen Stundenlohn dürfe er sich nicht ausrechnen, "aber wir machen das ja in erster Linie, weil wir was verändern wollen". Deshalb kaufe er seine Hühner und das Futter für sie ausschließlich von zertifizierten Bio-Betrieben, obwohl er eigentlich fünf Prozent Futter aus konventionellem Anbau verwenden dürfe.

"Aber wir sagen im Schwäbischen: ,A bissle schwanger geht nicht‘", meint der aus Schorndorf nahe Stuttgart stammende Wahl-Franke. Entweder man mache es richtig, oder man lasse es bleiben. Deswegen wirtschaftet "Hennen-Glück" zu 100 Prozent nach den Vorgaben der EU-Ökoverordnung.

Rangkämpfe vermeiden

Gerne würde der dreifache Familienvater zusammen mit seiner Frau einen Bio-Bauernhof im Haupterwerb betreiben. Für Kinder gebe es doch nichts Schöneres, als zusammen mit Tieren aufzuwachsen, sagt Wertsch, während Tochter Marlene die Zwergziegen knuddelt und eine der 220 Mollys auf dem Arm herumträgt.

Ihren mobilen Hühnerstall allerdings will die Familie trotz der guten Kundenresonanz nicht mehr wesentlich vergrößern. Zwar dürften im Ökolandbau theoretisch bis zu 3000 Tiere in einer Herde sein, bei einer so hohen Anzahl kommt es aber regelmäßig zu Rangkämpfen. "Da gibt es keine klare Hierarchie mehr unter den Hühnern", erklärt Stephen Wertsch. Auf dem Auslaufgelände bei Schwarzenbruck jedoch kennt jede Molly die andere. 

André Ammer

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