Mann drohte, Fahrgast zu töten

Nach Mordversuch im Reisebus auf der A9: Zeugen kommen nicht zum Prozess

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Ulrike Löw

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25.4.2022, 11:49 Uhr
Am 21. September soll dieser 30-Jährige in einem Reisebus im Wahn einen schlafenden Fahrgast zu Boden geschlagen und brutal getreten haben.

© Daniel Karmann, dpa Am 21. September soll dieser 30-Jährige in einem Reisebus im Wahn einen schlafenden Fahrgast zu Boden geschlagen und brutal getreten haben.

Gegen 17 Uhr schlug Ivo K. plötzlich zu: Der Serbe war am 21. September 2021 auf der A9 in einem Reisebus mit insgesamt 14 Gästen von Frankfurt nach Belgrad unterwegs, plötzlich griff er einen Fahrgast mit Faustschlägen an. Warum er das getan hat? K. will sich zum Prozessauftakt vor der 19. Strafkammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth nicht äußern.

Seine Attacke sorgte damals für einen Großeinsatz der Polizei: Heute beschreiben Beamte im Zeugenstand mehrere Notrufe, abgesetzt von Fahrgästen aus dem Bus. Ivo K. (Name geändert) hatte plötzlich einen Mann malträtiert – dieser Mann, er soll zehn Jahre jünger sein, saß nur eine Reihe vor K. und schlief gerade.

Ivo K. wollte diesen Mitreisenden umbringen, davon ist Staatsanwalt Simon Kroier überzeugt: Er wirft K. versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung vor, doch für schuldfähig hält er Ivo K. nicht.

K., so der Ankläger, hegte damals die Wahnvorstellung, dass der schlafende Mann seinerseits geplant hatte, ihn zu töten. Diesem Angriff wollte K. zuvorkommen. Deshalb habe er heimtückisch auf diesen hilflosen Mann eingeschlagen, bis dieser aus seinem Sitz fiel. Als der Geschädigte, überrumpelt von dem Angriff, auf den Boden des Reisebusses rutschte, habe K. mit dem Fuß noch mehrfach brutal nachgetreten. Die Rede ist von mindestens zehn wuchtigen Stampf- und Kicktritten - gegen den Kopf, in Tötungsabsicht. Der federführende Ermittler berichtet im Zeugenstand von der Vermutung, dass eine Kombizange als eine Art Schlagwerkzeug benutzt wurde - doch konkrete Hinweise auf diesen Verdacht hätten sich nicht ergeben.

Zeugen wollen nicht aus Serbien anreisen

Ivo K. lässt zu Prozessbeginn über seinen Verteidiger erklären, sich zu den Vorwürfen vorerst nicht äußern zu wollen. Auch einige Zeugen aus dem Bus haben bereits vor mehreren Wochen in Briefen und E-Mails an das Landgericht angekündigt, nicht eigens aus Serbien zu dem Prozess nach Nürnberg reisen zu wollen, sie alle verweisen auf ihre früheren Vernehmungen.

Die Frauen und Männer wurden damals von Polizeibeamten in der Polizeiinspektion Feucht mit Hilfe von Dolmetschern bis spät in die Nacht nach den Szenen im Bus befragt. Die Richter der Strafkammer, so kommentiert der Vorsitzende Markus Bader, werden diese Protokolle in der Beweisaufnahme verlesen. Eine juristische Handhabe, die Serbinnen und Serben dazu zu zwingen, eigenes nach Nürnberg zu kommen, gebe es nicht.

Schläge auch für eine Frau, die helfen wollte

Der hilflose Fahrgast soll damals, als er auf dem Boden des Reisebusses lag, versucht haben, seinen Kopf mit seinen Händen vor weiteren Tritten zu schützen - als eine Frau eingriff, um ihm zu helfen, soll K. auch ihr ins Gesicht geschlagen haben. Auch zwei Ersatzbusfahrer eilten hinzu, um K. von seinem Opfer weg zu ziehen.

Der Angriff löste damals einen Großeinsatz der Polizei und eine Vollsperrung der A9 bei Hilpoltstein in Mittelfranken aus. Beamte eines Spezialeinsatzkommandos nahmen den 30-Jährigen fest. Er fiel schon damals als verwirrt auf, und wurde vorläufig in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht.

Ein Polizeibeamter erinnerte sich im Zeugenstand an einen Beschuldigten, der sich kooperativ verhielt und ohne Widerstand festnehmen ließ. Ivo K. hatte keinen Alkohol im Blut und auch ein Drogentest verlief negativ.

Anfang Oktober 2021 beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft einen Brief, den Ivo K. aus dem Krankenhaus an seinen Vater nach Serbien schicken wollte. Das Original wurde weitergeleitet, eine Kopie des Schreibens übersetzt. Ivo K. teilt seiner Familie mit, dass er in der Psychiatrie sei und es ihm gut gehe. Er räumt ein, dass er versucht habe, einen anderen Menschen zu töten.

Staatsanwalt Simon Kroier geht davon aus, dass Ivo K. zum Zeitpunkt des Angriffs unter einer schizophrenen Psychose litt. Sollte die Beweisaufnahme belegen, dass sich Ivo K. damals nicht steuern konnte, kann er im Sinn des Strafgesetzbuches auch nicht bestraft werden. Gleichzeitig sieht die Anklagebehörde in Ivo K. - bliebe er ohne Behandlung - eine Gefahr für die Allgemeinheit und zielt deshalb auf die dauerhafte gerichtliche Einweisung des Mannes in eine forensische Psychiatrie ab.

Rechtsmediziner und Psychiater als Gutachter gefragt

Um all dies zu belegen, sind als Zeugen auch Gutachter gefragt: Psychiater Michael Wörthmüller, Chefarzt der forensischen Psychiatrie Erlangen, wird über den Geisteszustand des Beschuldigten sprechen. Professor Peter Betz, Chef des Instituts für Rechtsmedizin an der Universität Erlangen, wird zu den Verletzungen Auskunft geben.

Der angegriffene Fahrgast erlitt damals eine Gehirnerschütterung, Prellungen im Gesicht und an der linken Schulter, mehrere Hämatome und Prellmarken im Bereich des Schädels. Die Strafkammer rechnet mit Verhandlungsterminen bis 27. Juni.

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