35 Jahre Tschernobyl: In Neumarkt knatterte der Geigerzähler bedrohlich

DATUM: 03.08.2016..RESSORT: Lokales Politik..FOTO: Horst Linke ..MOTIV: NN-Mitarbeiter - NN-Frühstück..Nicolas Damm..Mitarbeiterportraits..
Nicolas Damm

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26.4.2021, 05:56 Uhr
Genau 35 Jahre ist es her, dass im Atomkraftwerk Tschernobyl ein Block explodierte. Hochgefährlich wurde es in dem Gebiet erneut im Herbst 2020 (unser Bild), als Waldbrände rund um das Kraftwerk loderten. Hätten die Flammen das verseuchte Gebiet erreicht, hätte das zu einem weiteren Super-GAU geführt.

Genau 35 Jahre ist es her, dass im Atomkraftwerk Tschernobyl ein Block explodierte. Hochgefährlich wurde es in dem Gebiet erneut im Herbst 2020 (unser Bild), als Waldbrände rund um das Kraftwerk loderten. Hätten die Flammen das verseuchte Gebiet erreicht, hätte das zu einem weiteren Super-GAU geführt. © Foto: Olaf Schumann

Auch der Geigerzähler von Apotheker Erich Dorfner schlug bedrohlich aus: "Die Werte waren weit schlimmer als die offiziellen", sagte Manfred Ritter im Gespräch mit den NN zum 25. Jahrestag des Unglücks. Er war damals mit Dorfner unterwegs. Die gefürchteten erhöhten Werte ließen nicht lange auf sich warten, als die radioaktive Wolke auch Teile Mitteleuropas erreichte. "Am 1. Mai setzte ein leichter Regen ein", wusste Ritter noch ganz genau.

Am 7. Mai ging außerdem ein heftiger Gewitterschauer über Neumarkt nieder. Die Stadt ließ in der Folge vorsorglich den Sand aus sämtlichen Sandkästen der Spielplätze austauschen. Die Landwirte wurden aufgefordert, die Tiere im Stall zu lassen und weiter mit Winterfutter zu versorgen. Kindergartenkinder mussten auch bei Sonnenschein drinnen bleiben. Die örtlichen Gemüsehändler blieben auf ihrer Ware sitzen.

Verstrahlte Wildschweine

Mitte Mai war die erste große Aufregung vorüber. Wissenschaftlich fundierte Messungen ergaben, dass die Kontamination in Neumarkt bei weitem nicht so hoch war wie in Regensburg oder Cham. In diesen Bereichen werden heute noch ab und an Wildschweine geschossen, die deutlich über dem zulässigen Grenzwert verstrahlt sind. Wenn sie in Bereichen unterwegs waren, wo es vor 35 Jahren geregnet hat.

Denn: Jod 131, das zu Schilddrüsenkrebs führen kann, zerfällt nach wenigen Monaten. Die Halbwertszeit des in hohen Dosen ebenso gesundheitsschädlichen Isotops Cäsium 137 liegt aber bei 30 Jahren. Bis heute sind damit nur gut 50 Prozent der seinerzeit abgeregneten Atomkerne zerfallen. Und von den verbliebenen sind in weiteren 30 Jahren noch die Hälfte übrig.

Der Kreisverband der Grünen wird heute nicht, wie sonst am Jahrestag üblich, vor dem Rathaus in Neumarkt vor den Gefahren der Atomkraft warnen und der Opfer der Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima – der Reaktor dort kollabierte nach einem Tsunami am 11. März 2011 – gedenken. Der im Landkreis weiter ansteigende Corona-Inzidenzwert verbiete das, sagt Grünen-Kreissprecherin Gabriele Bayer.

Radioaktiver Niederschlag: Die Folgen der Reaktorkatastrophe waren auch in Neumarkt konkret spürbar. Nach Regen und Gewittern wurden die Sandkästen an den Spielplätzen geleert.

Radioaktiver Niederschlag: Die Folgen der Reaktorkatastrophe waren auch in Neumarkt konkret spürbar. Nach Regen und Gewittern wurden die Sandkästen an den Spielplätzen geleert. © Foto: Horst Linke

In einer Stellungnahme weisen die Grünen aber auf das Leid hin, das auf die beiden Katastrophen folgte: 40 Prozent der Gesamtfläche Europas seien mit Cäsium 137 kontaminiert worden. Der Fallout nach Tschernobyl führte dazu, dass eine Fläche von 200 000 Quadratkilometern verseucht wurde.

Direkt nach der Havarie mussten 116 000 Bewohner aus der unmittelbaren Umgebung des Reaktors evakuiert werden. In den Folgejahren weitere 220 000. Zur Zahl der Toten gibt es keine offizielle Statistik. Die Spanne reicht von unter 50 in direkter Verbindung mit dem Unfall stehenden Toten, so die IAEA in ihrem Bericht 2005, über 8930 und 60 000 bis hin zu 1,44 Millionen Toten weltweit. Unstrittig sei eine Zunahme von zahllosen Krankheiten in der Folge.

Großflächig kontaminiert

Die Dreifach-Katastrophe in Japan schreckte 2011 die Welt auf: Einem Erdbeben in nie dagewesener Stärke folgte eine verheerende Flutwelle, die über 15 000 Menschen das Leben kostete. Es folgte die Nuklearkatastrophe von Fukushima, die mehr als 100 000 Mensch zwang, ihr Heim zu verlassen und zu großflächigen Kontaminationen von Böden, Wäldern und Gewässern führte.

Kaum ein Jahrzehnt nach Fukushima drohen erneut Vergessenheit und Verharmlosung, warnen die Grünen. Die Ukraine habe das Sperrgebiet um Tschernobyl in ein Ziel für Katastrophentourismus verwandelt. Auch in Japan werde mit dem Krisengebiet rund um den Reaktor geworben.

Vor diesem Hintergrund müsse erneut gemahnt werden, sagt Gabriele Bayer. Die Folgen einer Atomkatastrophe seien langlebig. In Fukushima sei noch lange keine Normalität eingekehrt und Tschernobyl bleibe für immer ein Notstandsgebiet.

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