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Alte Fotos und Filme leben digital weiter

DIG:ED in Woffenbach ist Marktführer für die Digitalisierung analoger Medien - 18.10.2014 11:00 Uhr

Wer alte Videos digitalisieren will, braucht dazu alte Recorder. Hansjörg Meyers DIG:ED in Woffenbach arbeitet mit den altertümlichen Geräten am Fließband.

17.10.2014 © Foto: Hubert Bösl


Residiert ist eigentlich falsch, denn auf der Fahrt zu Meyer in der Woffenbacher Schloßstraße ist man schnell an der Firma vorbeigerauscht. Nur ein verschämter Aufsteller neben dem Gehsteig verweist auf das Unternehmen in den Räumen einer ehemaligen Schreinerei. Mehr braucht es eigentlich auch nicht, denn DIG:ED hat keine Laufkundschaft, keinen Publikumsverkehr: „Business to business“ bedeutet, dass Meyer und seine 15 Mitarbeiter für kommerzielle Auftraggeber aktiv werden.

Mit Foto-Quelle fing es 2003 an. Später kamen so klangvolle und voluminöse Adressen wie Media Markt, Galeria-Kaufhof, Elektronik Conrad, der norddeutsche Medimax, die europaweit vertretene Ringfoto-Gruppe und Media Markt/Saturn in Österreich dazu. Jahr für Jahr schwillt die Kundenkartei um bis zu 30 000 Adressen an. Etwa 400 000 Einzelkunden haben die Dienstleistungen der Woffenbacher schon in Anspruch genommen. Viele kommen immer wieder.

Hansjörg Meyer greift am Schreibtisch hinter sich und zieht aus einem großen, braunen Umschlag einen ungeordneten Stapel von Farbfotos, vergilbt und abgegriffen, Frisuren und Hosenmode deuten auf Material aus den 70er Jahren hin. „Alles Analoge hat ein Ende“, sagt Meyer bündig. Auch wenn ganz real entwickelte Negative und Fotos eine durchaus lange Lebensdauer haben: Jedes Bild ist irgendwann abgegriffen und eingerissen und siecht dahin. Auch an „echten“ Filmen im Format Super 8, Normal 8 oder 16 Millimeter nagt der Zahn der Zeit: Mechanische Beschädigungen können die Perforation und die Filmschicht lädieren und die Streifen unbrauchbar machen.

DIG:ED erledigt die Dienstleistung für die großen Ketten in Deutschland und Österreich: Fotos, Dias, Filme, Videokassetten werden in Woffenbach digitalisiert und auf DVD oder Blueray abgespeichert. „Die Leute wollen ihre Erinnerungen bewahren“, so Hansjörg Meyer.

Recorder und Projektoren

Die eigentlichen „Produktionsräume“ im Keller der früheren Schreinerei sehen ziemlich nostalgisch aus: In Regalen bis zur Decke sind altertümliche Videorecorder für alle möglichen Formate gestapelt. 40 solche Geräte nudeln die Kundenkassetten durch und liefern die Daten für die Digitalversion. Zehn Scan-Straßen für Dias hat die Firma eingerichtet. Das sind Positivfilmstücke, die man mit einem Projektor an die Wand werfen kann.

Gleich daneben stehen fünf Filmprojektoren, Geräte mit großen Spulen für die Kunststoff- und Zelluloidstreifen mit einem Projektionsobjektiv vorne dran. Amateure benutzten sie früher, um analoge Filme vorzuführen. In den Apparaten laufen die cineastischen Kunstwerke aus Privatbesitz dann vielleicht zum letzten Mal, bevor sie digital weiterleben.

Das bundesdeutsche Digitalisierungsgeschäft ist stark wetter- und saisonabhängig. Die genauen meteorologischen Gesetzmäßigkeiten haben Hansjörg Meyer und sein Team noch nicht so richtig durchschaut. Sicher ist, dass die Woffenbacher vor Weihnachten besonders viel zu tun haben. Einmal hat sich DIG:ED auf eine Weihnachtsaktion für Dias eingelassen: 4,5 Millionen Dias in drei Wochen digitalisieren. „Das war Drei-Schicht-Betrieb rund um die Uhr mit zusätzlichen Scan-Stationen, das möchte ich nicht mehr erleben“, meint Meyer.

Analoges in digitaler Form, ein Auslaufmodell? „Es lässt prozentual langsam nach, aber wir dürften noch für zehn Jahre Arbeit haben — und in zehn Jahren werde ich das Gleiche sagen“, meint Hansjörg Meyer.

Neuer Massenmarkt

Längst hat DIG:ED neue Geschäftsfelder aufgetan: Cloud-Computing beispielsweise oder dreidimensionalen Druck für einen Massenmarkt. Demnächst können Kunden einer großen Elektronikkette kleine Büsten oder Ganzkörper-Statuen in verschiedenen Größen von sich anfertigen lassen, nachdem sie mit einer ausgeklügelten Software gescannt worden sind. Der 3 D-Druck erfolgt in einem Zweigbetrieb in Fürth. Hansjörg Meyer schwärmt: „Das wird ein gigantisch großer Markt werden — so wie bei den ersten Laserdruckern.“

WOLF-DIETRICH NAHR

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