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Corona-Tod im Klinikum Neumarkt: Angehörige dürfen keinen Abschied nehmen

Angehörige nach Zurückweisung: "Das hat mit Menschenwürde nichts zu tun" - 04.03.2021 06:09 Uhr

Rund um das Klinikum Neumarkt ist ein „generelles Besuchsverbot“ plakatiert. „In begründeten Einzelfällen“ erlauben die Ärzte nach Angaben des Krankenhauses auch Besuche. In einem Fall konnten die Angehörigen von einem Sterbenden nicht Abschied nehmen.

28.02.2021 © Foto: Stefan Hippel


In den frühen Morgenstunden des 15. Dezember um 1.34 Uhr ist Bernhard S. (Name geändert) im Neumarkter Klinikum gestorben. Der 75-Jährige hatte sich mit Corona infiziert und wurde in dem kommunalen Krankenhaus behandelt, erst auf einer Normalstation und zuletzt auf der Intensivstation. Die Ärzte und das Pflegepersonal konnten dem Senior angesichts der schweren Folgen der Virusinfektion nicht mehr helfen.

"Die Ärzte haben uns keine große Hoffnung gemacht, die Werte wurden immer schlechter", erinnert sich Sabine S. (Name geändert) heute. Sie, ihre vier Geschwister und die Ehefrau durften zweimal täglich im Klinikum anrufen und sich über den Gesundheitszustand informieren.

Nur: Den Sterbenden durften die Angehörigen in den eineinhalb Wochen bis zum Tod nicht mehr besuchen – obwohl die gesamte Familie zuvor schon an Corona erkrankt gewesen war und längst die Quarantäne durchlaufen hatte. Sabine S., ihre Mutter und ihre Geschwister sind heute noch sehr traurig darüber, dass ihnen das Klinikum den Abschied vom Vater verweigert hat.

"Das hat mit Menschenwürde nichts zu tun, der Papa stirbt und man darf nicht hin, um sich würdig zu verabschieden", meint Sabine S. Und schränkt im NN-Gespräch gleich ein: Dem Klinikpersonal wolle sie deswegen keinen Vorwurf machen. Für das Klinikum ist die Pandemie ein Stresstest. 

Klinikum Neumarkt beruft sich auf die Schweigepflicht

Zu dem beschriebenen Einzelfall könne sich das Klinikum "natürlich aus Gründen der Schweigepflicht nicht äußern", erklärte Sprecher Oliver Schwindl auf Anfrage.

Die NN hatten zuvor auf den Umstand hingewiesen, dass ja die Angehörigen selbst die Redaktion umfassend informiert hätten. Der Klinikumssprecher sicherte aber zu, dass man mit den Hinterbliebenen den direkten Kontakt suchen werde.


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Unabhängig von dem Einzelfall sei es "grundsätzlich nicht möglich", dass Covid-19-Patienten am Klinikum Neumarkt besucht werden. Hintergrund sei das zu hohe Infektionsrisiko für die Besucher und die mögliche Weiterverbreitung des Virus. Oliver Schwindl: "Diese Regeln gelten daher bundesweit in den Kliniken."

Manche Krankenhäuser lassen Besuche bei Corona-Patienten zu 

Das trifft so nicht zu. So gibt es verschiedene Krankenhäuser im Bundesgebiet, die zumindest zeitweise solche generellen Besuchsverbote verhängt haben, zum Beispiel die Helios Kliniken und die Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Auch das Klinikum Ingolstadt hat ein Besuchsverbot, lässt aber Ausnahmen zu.

 

Das Klinikum rechts der Isar in München verfährt dagegen nach dem Prinzip 1-1-1: ein Patient, ein Besuch täglich für eine Stunde. Die Berliner Charité vergibt Besuchercodes und das DRK-Krankenhaus Alzey gestattet den Zugang zu Schwerstkranken und Sterbenden.

Die Krankenhäuser haben Hausrecht

Das bayerische Gesundheitsministerium hat per Bekanntmachung Nr. 372 mit Wirkung vom 29. Juni 2020 das allgemeine Besuchsverbot in Krankenhäusern aufgehoben. Gleichzeitig verweist das Fachressort der Staatsregierung auf das "Hausrecht" der Krankenhäuser. Diese könnten Patientenbesuche untersagen, etwa bei einer nachgewiesenen Corona-Erkrankung. Aber: "Die Begleitung Sterbender ist jederzeit zulässig", so das Gesundheitsministerium in der amtlichen Bekanntmachung.


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Die Ärzteschaft des Neumarkter Klinikums pflege ein hohes Maß an Kontakten zu Patienten und den Angehörigen und kommuniziere täglich mit ihnen. Die Besuchsbeschränkungen würden auch für Angehörige gelten, die bereits selbst eine Infektion durchlaufen haben. "Eine Immunisierung tritt dabei nicht ein, so dass die gleichen Hygieneregeln gelten wie für nicht Infizierte", argumentiert Klinikumssprecher Oliver Schwindl.

"Es wäre Zeit gewesen für den Abschied"

In begründeten Einzelfällen ermögliche der behandelnde Arzt einen Besuch, wenn es die Umstände erlauben. "In jedem Fall wird versucht, bei Versterben von Patienten einen Besuch zum Abschiednehmen zu realisieren."


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Das war bei Bernhard S. allerdings nicht der Fall. Den Angehörigen liegt ein Arztbrief vor, aus dem hervorgeht: Es sei am Vortag klar gewesen, dass der 75-Jährige die folgende Nacht nicht überleben wird. Sabine S.: "Es wäre also Zeit gewesen, uns zu informieren."

Ein Neumarkter Mediziner kritisierte einen Tag später die rechtfertigende Aussage des Klinikums-Sprechers.

WOLF-DIETRICH NAHR

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