Die Ideen des spanischen Stararchitekten

17.11.2013, 09:25 Uhr
Mit seinem Werkbericht begeisterte Enrique Sobejano Laien und Fachleute.

Mit seinem Werkbericht begeisterte Enrique Sobejano Laien und Fachleute. © Daniela Eßmann

„Heute ist ein Herzenswunsch von mir in Erfüllung gegangen“, freute sich Johannes Berschneider, und gab zu: „Ich bin heute so nervös.“ Für seinen Besuch im Neumarkter Maybach-Museum hatte der 57-jährige Spanier Sobejano die Route Berlin-München-Neumarkt-Madrid gewählt – laut Berschneider „genau die richtige Achse“.

Denn mit der aktuellen Eduardo-Chillida-Ausstellung im Museum Lothar Fischer ist das Thema Spanien in Neumarkt derzeit sehr präsent. Wie der Bildhauer Chillida arbeitet der Architekt Sobejano mit ungewöhnlichen Oberflächen und Strukturen, ist quasi ein „Bildhauer für Gebäude“.

Seit 2004 sind Nieto-Sobejano-Architekten mit einem Büro in Berlin vertreten, aktuell hält Enrique Sobejano auch Vorlesungen an der Akademie der Künste in Berlin. In seinem Werkbericht „cultural context“ präsentierte Sobejano, der sich durch Museumsbauten einen Namen gemacht hat, einige seiner außergewöhnlichen Projekte.

Mit einem eigens für die Oberpfalz gelernten „Habe die Ehre“ begrüßte der Spanier die Neumarkter im vollbesetzten Maybach-Museum. Enrique Sobejano hat in der Schule Deutsch gelernt und so konnten die interessierten Zuhörer den Ausführungen des Architekten gut folgen.

Der Titel des Werkberichts ist nicht umsonst „cultural context“, was so viel bedeutet wie kulturelle Verbindung. Denn so versteht Sobejano seine Arbeit als Architekt: Seine Entwürfe sollen mit der Landschaft, dem Licht, dem Material in Einklang stehen. „Als Architekt muss man eine Beziehung zum Bestand bilden und zeitgenössische Architektur mit historischen Gebäuden in Dialog setzen“, sagt der Architekt. Aus dieser Überlegung heraus entstand etwa das Archäologische Museum in Córdoba, das in Anlehnung an die Ruinenstadt großteils unterirdisch angelegt ist. So verschwindet das Gebäude in der Landschaft, natürliches Licht erhält das Museum durch Innenhöfe.

Unterirdisch hat Sobejano auch im österreichischen Graz gearbeitet. Das Besucherzentrum im Joanneumsviertel besteht aus kegelförmigen Gebäuden, die fast komplett unter der Erde liegen. „Wir wollten mit dem neuen Gebäude zurücktreten hinter die historischen Bauwerke, die sich jetzt in den Glasfronten der Kegel spiegeln“, erläuterte Sobejano. Schließlich sei die Stadt Graz Weltkulturerbe, da seien Eingriffe in das Stadtbild generell schwierig.

Kaufhaus im Jugendstil

Das zeigte der Baukünstler auch an einem zweiten Projekt in Graz, das ein Jugendstilkaufhaus aus mehreren Gebäuden unter einem Dach vereint.

Ein neues Dach hat der Spanier für die zerstörten Flügel der historischen Moritzburg in Halle an der Saale entworfen. Eine Inspiration waren ihm dabei die Bilder des Künstlers Lionel Feininger, der einige Zeit in der Moritzburg sein Atelier hatte. Inzwischen hat die „Ruine“ ein neues Aluminiumdach bekommen, das ursprüngliche Mauerwerk konnte erhalten werden.

Mit der Erweiterung des Museo San Telmo in San Sebastián hat sich das Architekturbüro Nieto Sobejano auf internationaler Ebene einen Namen gemacht. Auch diesen Entwurf illustrierte der Architekt in Neumarkt: „Wir hatten ein altes Münster aus dem 16. Jahrhundert, einen Berg, das Meer, die alte Stadt und die neue Stadt – und sehr wenig Platz“.

Die Lösung: ein langgezogenes, schmales Gebäude, das sich optisch an den Berg anpasst. Mit einer Fassade aus 600 handgearbeiteten Platten, die unregelmäßig perforiert und mit moosgrünen Farbklecksen versehen sind. Und obwohl es unregelmäßig aussieht, wiederholen sich Form und Farbe immer wieder. Genau das ist das Prinzip seiner Entwürfe: ein Element, viele Variationen. Egal, ob es um die Fassade, Lichtschächte oder Gebäudeformen geht. „Wir greifen eine markante Form, Strukturen und Farben aus der Umgebung auf und entwickeln sie weiter“, sagt Sobejano. So entsteht bei jedem Projekt eine Verbindung aus neu und alt.

„Schlicht der Wahnsinn“

Am Ende seines Vortrags ließ Sobejano staunende Zuhörer und einen tief beeindruckten Johannes Berschneider zurück. Ein anerkennendes „Habe die Ehre“ war das Erste, was dem Pilsacher Architekten über die Lippen kam. „Ich habe schon überlegt, ob ich jetzt alles hinschmeißen soll“, sagte Berschneider, „Ihre Entwürfe sind schlicht der Wahnsinn“.

Der Entwurf des Spaniers für eine Markthalle in Madrid hat Berschneiders Fantasie sofort angeregt: „Die Idee könnte Neumarkt auch helfen, wir hätten viel freie Fläche“, erklärte er seinem spanischen Kollegen mit hörbarem Enthusiasmus.

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