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Ein einzelner, scheuer Wolf ist für Herden noch kein Problem

Zuchtberater Andreas Kosel kennt die Sorgen der Weidetierhalter im Landkreis Neumarkt - 29.01.2021 19:12 Uhr

Andreas Kosel ist Fachberater für Schafe, Ziegen, Damwild am Fachzentrum Kleintierzucht und -haltung mit Dienstsitz am AELF Schwandorf. Er selbst züchtet Schafe in Schwarzmühle bei Hohenburg.

29.01.2021 © Foto: Anton Karg


Dort hat sich 2020, wie vor kurzem berichtet, der Wolf "GW1416m" (Grauwolf Nummer 1416 in Deutschland männlich) vielleicht auf Dauer eingerichtet. Was bei den vielen Weidetierhaltern rund um das Militärsperrgebiet für Unruhe sorgt. Auch wenn der Wolf seit einigen Monaten in der Region nicht mehr gesichtet wurde.

Herr Kosel, von Neumarkt aus gesehen leben Sie direkt hinter dem Truppenübungsplatz. Sind Sie oder eines Ihrer Tiere dem Hohenfelser Wolf schon einmal begegnet?

Nein, ich noch nicht, aber die Berichte über Sichtungen werden mehr. In der nächsten Zeit werden wir mit diesem Wolf kein großes Problem bekommen, schätze ich. Denn in freier Natur ist der Tisch für ihn reich gedeckt, da fehlt ihm nichts, da braucht er sich nicht mit Menschen und Zäunen herumzuärgern. Sollten es mehr Wölfe werden oder er es lernen, Zäune zu überwinden, schaut die Sache aber schon ganz anders aus. Deshalb müssen wir uns schon jetzt möglichst schnell über zukünftige Reibungspunkte Gedanken machen,die Situation kann sich jederzeit ändern.

Bisher gibt es noch keine Hinweise auf ein Rudel in Hohenfels, nicht einmal auf ein Weibchen. Hingegen haben sich in der nördlichen Oberpfalz schon erste Rudel und Pärchen etabliert. Größere Probleme gab es dort bisher aber noch nicht.

Man muss bedenken, dass es im Raum Grafenwöhr, am Manteler und am Veldensteiner Forst nur wenige Schafhalter gibt. Das ist hier im Südwesten der Oberpfalz ganz anders. Der Landkreis Neumarkt gehört zu den schafreichsten Kreisen in ganz Bayern. Hier gibt es 450 bis 500 Schafhalter. Und vor allem diejenigen mit größere Herden machen sich berechtigterweise Sorgen.

Der Freistaat baut eine "Förderkulisse" in den Wolfsgebieten auf: Nutztierhalter bekommen dort neben den obligatorischen Entschädigungen nach Rissen auch Unterstützung bei der Anschaffung von Zäunen und Herdenschutzhunden. Warum läuft diese Förderung in den Anrainer-Gemeinden des Truppenübungsplatzes schon Ende 2021 aus?

Dies ist eine Frage, die mir in letzter Zeit oft gestellt wird. Wird ein neues Wolfsgebiet ausgewiesen, dann haben die Tierhalter generell ein Jahr Zeit, um den, im Aktionsplan Wolf definierten, Mindestschutz zu errichten um im Falle eines Wolfsübergriffes auch eine Entschädigung zu erhalten. Die Zeit müsste eigentlich reichen. Die Zaunförderung wird aller Voraussicht nach auch nach dem 31.12.2021 noch weiterlaufen. Der Aufwand lohnt sich auch, denn derzeit gibt es 100 Prozent der Anschaffungskosten: sowohl für einen elektrifizierten Zaun als auch für die Hunde.

Geld gibt es für einen 90 Zentimeter hohen Weidezaun mit vier leitfähigen Litzen. Schreckt das einen Wolf wirklich ab?

Er wird einen Schmerz spüren und den wird er sich merken. Erfahrungen aus Sachsen haben gezeigt, dass ein Stromzaun für den Wolf noch immer das größte Hemmnis ist. Sollte er aber lernen, ihn zu überwinden, dann hilft auch ein höherer nichts mehr. Die geförderten Zäune sind außerdem von einer höheren Qualität als die herkömmlichen. Deshalb wird das Programm bei uns rege in Anspruch genommen, vor allem von Mutterkuh-Haltern. Auch Halter von Kleinpferden können die Förderung beantragen.

Und die "hundsteuren" Herdenschutzhunde?

Von denen lassen viele lieber noch die Finger. Einerseits gibt es bei Haltung, Fütterung und Sicherheit noch einige rechtliche Fragen zu klären. Die Handhabung dieser Hunde ist auch komplett anders als bei unseren "normalen" Hunden. Zum anderen gibt es nur Geld für die Anschaffung; für die Haltungskosten muss der Hundebesitzer selbst aufkommen, vom enormen zeitlichen Mehraufwand ganz zu schweigen. Und wenn der viele Herden hat, braucht er auch viele Schutzhunde.

Wir haben ja auch noch Wanderschäfer in unserem Landkreis.

Für die ist der Wolf ein noch größeres Problem, denn die Chancen, ihm zu begegnen, sind bei stetigem Ortswechsel höher. Platz für Nachtpferche gibt es eh schon sehr wenig. Werden die Schafe in dem relativ kleinen Areal aufgeschreckt, dann ist das Risiko groß, dass sie mangels Ausweichmöglichkeiten den ganzen Pferch einreißen, und der Angreifer hat leichtes Spiel.

Es heißt, dass Wölfe auf Beutezug in einer Herde wie die Berserker wüten und weit mehr Tiere töten, als sie dann tatsächlich fressen. Und dass schon allein deswegen viele Herdenhalter in Wolfsgebieten ans Aufhören denken – denn den Anblick wiege auch eine Entschädigung nicht auf.

Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Als Schafzüchter sind meine Schafe mir genauso ans Herz gewachsen, wie Ihren Lesern ihre Hunde, Katzen und Hamster. In Sachsen und Brandenburg stehen besonders die kleinen Schafhalter schon mit dem Rücken zur Wand. Die Sache mit dem "Blutrausch" hat meiner Meinung nach einen bestimmten Grund: Wir Schäfer haben die Schafe ja darauf getrimmt, dass sie sich zusammenrotten und keiner ausschert, wenn der Schäferhund kommt. Doch auch den Wolf halten sie für einen Hund – und ballen sich zusammen, anstatt in alle Richtungen davonzulaufen, wie es Wildtiere bei Angriffen tun würden. Das ist dann auch ein Problem für den Wolf, denn ein rennendes Schaf in seiner unmittelbaren Umgebung löst bei ihm immer wieder von Neuem den Beutefangreflex aus. Er kann sich somit gar nicht aufs Fressen konzentrieren und schnappt nach allem um sich herum.

 

INTERVIEW: NICOLAS DAMM

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