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Montag, 14.10.2019

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Gericht verhandelte Hieb auf die Nase

Kneipenstreit endete mit der Einstellung des Verfahrens - 13.06.2019 09:17 Uhr


Das Opfer, ein Handwerker von robuster Statur, will von hinten einen Schlag mit einem Gegenstand abbekommen haben, die einzige Zeugin hatte gerade im Fernsehen einen Video-Clip gesehen und sah nur die Folgen.

Tatort am 18. November letzten Jahres um 19 Uhr war eine Kneipe in Neumarkt. Dort habe er als Bedienung ausgeholfen, weil der Wirt kurzzeitig weg musste, erzählte der Angeklagte.

Ziemlich besoffener Gast

Einer der Gäste sei der 50-Jährige gewesen, den er schon seit der Kindheit kennt. Der sei wie meist, wenn er ein Wirtshaus aufsucht, ziemlich besoffen gewesen. Etliche Biere und Schnäpse hätten ihn streitlustig gemacht. Zunächst habe er sich mit seiner Begleiterin angelegt, sie übel beleidigt und dann habe er ihn ins Visier genommen.

Der Angeklagte stammt aus einer kinderreichen und zu ihrer Zeit ziemlich berüchtigten Neumarkter Familie. Es seien einige unschöne Worte über seine bereits verstorbenen Brüder gefallen. Das habe ihn geärgert, gab er zu.

Einige Tage zuvor habe er den 50-Jährigen aus einer anderen Kneipe vor die Tür gesetzt, angeblich weil er im Suff die Kontrolle über seinen Darm verloren hatte. Das sei ihm eingefallen und da sei ihm wohl ein Ausdruck rausgerutscht. Vermutlich habe das beim Gegenüber die Sicherungen durchbrennen lassen.

Nasenbein gebrochen

"Ich binde mir bloß noch die Schuhe zu, dann geht’s los", habe der gesagt und Anstalten gemacht, auf ihn loszugehen. Den vermuteten Angriff habe er mit der Faust gestoppt. Dabei ging das Nasenbein zu Bruch und auf dem Riechorgan entstand ein blutender Riss.

In der Folge, so der Angeklagte, habe er sich aber um den 50-Jährigen gekümmert und ihm das Blut aus dem Gesicht gewischt. Bevor der dann von seiner Freundin ins Klinikum gebracht wurde, habe er zu ihm gesagt: "Und dann brauchst du mich bloß noch anzuzeigen." Das werde er nicht machen, versicherte der mit der dicken Nase, "weil an dem Abend ich das Arschloch gewesen bin". Zur Anzeige kam es dann doch.

"Disput unter alten Bekannten"

Wenig erstaunlich, dass der 50-Jährige, den der Hieb gefällt hatte, einen anderen Hergang in Erinnerung hat. Es habe sich lediglich um einen Disput unter alten Bekannten gehandelt. Das wisse er trotz der über zwei Promille im Blut noch sehr gut. Möglicherweise hätte er sich etwas zurücknehmen müssen. Doch plötzlich sei von hinten eine Faust mit einem Gegenstand, eventuell einem Feuerzeug, auf seiner Nase gelandet. Den Schlag habe er nicht kommen sehen und auch nicht den Täter. Aber es könne nur sein Bekannter gewesen sein.

Dieser Überzeugung war auch die Zeugin, die ebenfalls nicht zu knapp dem Alkohol zugesprochen hatte. Für Staatsanwältin Eckner war es schwierig, aus dem Wortschwall der Aussage etwas Konkretes heraus zu filtern. Sie versuchte, die sehr nervöse Frau zu beruhigen: "Sehen Sie, wir waren nicht dabei, darum müssen wir manchmal dumme Fragen stellen. Sehen Sie es uns nach."

Rechtsgespräch geführt

Der Bitte von Verteidiger Markus Meier um ein Rechtsgespräch kamen Richter Rainer Würth und die Staatsanwältin gerne nach. Das Ergebnis war die Einstellung des Verfahrens ohne Auflagen. Die Kosten übernimmt die Staatskasse, die eigenen Auslagen muss der Angeklagte selbst tragen.

Mit den Ausschlag gab, dass der 55-Jährige früher mal, wie seine Brüder, ein schlimmer Finger war. Aber seit vielen Jahren hat er sich nichts mehr zu Schulden kommen lassen bis eben auf diesen Faustschlag.

Er hoffe, sagte Würth, dass der Vater von fünf Kindern aus seiner turbulenten Vergangenheit gelernt habe.

Zumindest gutes Benehmen vor Gericht hat er noch aus seiner wilden Zeit gerettet: Um seine Aussage gebeten, stand er kerzengerade auf, wie er es aus zahlreichen Verhandlungen gewohnt war. "Brauchts es heute nicht mehr, bleiben´s ruhig sitzen", ließ ihn Richter Würth wissen.

CHRISTIAN BIERSACK

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