Hat ein Wolf eine Hirschkuh bei Hohenfels gerissen?

21.1.2017, 16:00 Uhr

© Foto: Giulia Inannicelli

Gesicherte Erkenntnisse gibt es noch nicht, aber es deutet vieles darauf hin, dass zumindest ein Wolf den Truppenübungsplatz Hohenfels als Jagdrevier entdeckt hat. Vor wenigen Tagen war Peter Lehmeier aus Parsberg in einem abgelegenen Teil des 17.000 Hektar großen Geländes auf eine tote, von einem Raubtier gerissene Hirschkuh gestoßen. Der Waidmann besitzt eine Jagdbegehungserlaubnis für einen Abschnitt des Staatsforstes Hohenfels, um den beamteten Förstern zu helfen, die Abschussquoten zu erfüllen.

Da gerade frischer Schnee gefallen war, konnten um den Riss Pfotenabdrücke gesichert werden, die von einem Wolf stammen können, so Lehmeier; allerdings auch von einem großen Hund. Ein Biologe vom Landesamt für Umwelt in Hof, der zufällig Wölfl heißt, wurde schon hinzu gezogen.

Am Rotwild-Kadaver in Hohenfels sind Proben genommen und eingeschickt worden, um über eine DNA-Analyse feststellen zu können, ob die Hirschkuh von einem Wolf oder einem wildernden Hund getötet und angeschnitten wurde. Das Ergebnis wird jedoch noch einige Tage auf sich warten lassen.

Wie berichtet, war Ende Dezember vermutlich ein Wolf dabei beobachtet worden, wie er die Bundesstraße 299 in Höhe des Steinbruchs bei Laaber überquerte. Möglicherweise handelte es sich um ein und dasselbe Tier.

"Wenn nötig, muss er geschossen werden"

Landwirte sehen die Ausbreitung des Wolfes mit Sorge. So fordert Walter Heidl, der Präsident des Bayerischen Bauernverbandes, dass der Schutzstatus der Tiere aufgeweicht werden solle. "Wenn nötig, muss er geschossen werden", so Heidl. Der Naturschutzverband LBV sieht in möglichen Abschüssen keine Lösung. Stattdessen sei es wichtig, die Tierhalter stärker beim Schutz ihrer Herden, etwa durch spezielle Zäune und Herdenschutzhunde, zu unterstützen und dies ausreichend zu finanzieren.

Johann-Georg Gloßner aus Neumarkt hält etwa 600 Schafe. Er sieht die landwirtschaftliche Viehhaltung vor einschneidenden Veränderungen. Denn Nutz- oder Wildtiere in Gehegen sind leichte Beute für einen Wolf. Das betrifft neben Schafen und Ziegen auch Rinder, Pferde und Rehwild: Die seien ein schmackhaftes Ziel für das Raubtier, im Gehege quasi als Buffet serviert.

Gummigeschosse auf den Pelz

Für ihn ist das wichtigste "eine vernünftige Wolfsbewirtschaftung": Wenn ein Wolf ein Gehege angreift, könne man davon ausgehen, dass bald eine weitere Attacke erfolgt. Dann müsse es erlaubt sein, auf den Wolf anzusitzen und ihm Gummigeschosse auf den Pelz zu brennen - "zur Vergrämung", so Gloßner.

Wenn man sich hier dauerhaft mit dem Wolf einrichten müsse - und das sei eine Frage der Zeit, ist er sich sicher - werde das für Nutztierhalter einige Veränderungen mit sich bringen. Zäune böten bedingt Schutz, wenn sie mit Baustahlmatten, die rund 50 Zentimeter in den Boden eingegraben werden, und oben mit einer Elektrolitze ausgestattet sind.

"Herdenschutzhund kann für Passanten gefährlich werden"

Hunde als Aufpasser für Tiergehege würden zwar den Wolf fernhalten. "Ein Herdenschutzhund, der was taugt, kann aber auch für Passanten gefährlich werden", sagt Gloßner. Denn ein aufmerksamer Hund lege sich auch mit Leuten, die neben dem Gehege spazierengehen, an - das sei nicht angenehm.

Die Halter von Nutztieren müssten ihre Rinder, Pferde, Ziegen, Alpakas oder andere als Schutz vor Wolfsangriffen über Nacht auf eine gesicherte Weide oder in den Stall treiben - eine große Umstellung. Für Schafhalter wünscht er sich, dass alle großen Solarflächen, etwa entlang den Autobahnen, von Schafen beweidet werden sollen: Diese Areale ließen sich einfach schützen mit den beschriebenen Zäunen, dort seien die Schafe sicher. Außerdem würden die Flächen dann ökologisch bearbeitet, dort würden sich mehr Sämereien und dadurch mehr Tierarten wohlfühlen.

Schafhalter in Sorge

Er selbst habe rund 150 Schafe und Lämmer, die jetzt im Stall sind, aber sonst in der Solarfläche bei Mühlhausen weiden können. Sollte ein Wolf sich hier ansiedeln, würde er seine Schafhaltung entweder nur auf diese Tiere - das ist etwa ein Viertel seines jetzigen Bestands - runterfahren oder ganz aufhören, meint er. "Weil ein zerrissenes Schaf, das brauch ich nicht sehen", sagt er. Lieber lässt er die Tierhaltung sein.

Er vergleicht die Rückkehr des Wolfes mit der des Bibers: Am Anfang kamen wenige Exemplare zu uns, erst überwog die Freude über die Erholung einer fast ausgerotteten Art. Dann folgten Schäden, der Biber fühlte sich immer wohler und wurde fast zur Plage. "Inzwischen wird er gefangen und erschossen" sagt Gloßner.

Auch der Biber wurde zur Plage

Auch der Wolf steht unter strengem Schutz. Viel wurde unternommen, um das Überleben der Art zu sichern. Wenn sich die Wölfe stark vermehren, könne ein Raubtier dieser Größe andere Schäden zeitigen als der pflanzenfressende Biber, meint Gloßner. In den vergangenen zehn Jahren sei die Zahl der Wölfe in Deutschland von null auf 400 gestiegen. In zehn Jahren geht Gloßner von mindestens 1200 bis 1400 Exemplaren aus.

Autobahn ist gefährlicher

Einige Experten glauben nicht, dass sich der Wolf in unserer zersiedelten, kleinteiligen Landschaft häuslich einrichten wird. Die Gefahr für den Menschen wird unterschiedlich eingeschätzt. Gloßner hält sie nicht für groß, schätzt den Wolf aber als sehr lernfähiges Tier ein: "Er wird austesten, was er alles tun kann, und wenn ihm nichts passiert, macht er weiter."

Werner Thumann, Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbands und ausgebildeter Förster, hat ebenfalls Respekt vor dem Wolf. Doch auch er meint, eine Fahrt auf der Autobahn sei sicher gefährlicher als ein Waldspaziergang, selbst wenn sich einzelne Wölfe in der Region ansiedeln sollten.

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