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Industrie 4.0: Eine Revolution erfasst die Wirtschaft

Beispiel Spangler: Automatisierungsspezialist vernetzt die eigene Produktion und verbessert die Leistungen für die Kunden - 19.02.2016 20:24 Uhr

Auch die eigene Produktion von Spangler in Töging ist längst extrem datengetrieben. Die Erfahrungswerte schlagen auf die Produkte für die Kundschaft durch. © Foto: privat


Bettina F. (Name von der Redaktion geändert) stand früher in der Produktionshalle von Spangler Automation am Schaltkasten und hat im Blaumann neue Steuerungen eigenhändig verdrahtet. Vergangenheit: Bettina F. muss heute kein Kabel, kein Messgerät mehr anfassen. Sie sitzt an einem Bildschirmarbeitsplatz für Computer Aided Design (CAD) und verlegt die Leitungen „virtuell“ mit Hilfe von Software. Die Elektrotechnikerin musste sich für den neuen Job kräftig weiterbilden. Dafür verdient sie heute auch etliche Euro mehr. „Die Tätigkeiten haben sich deutlich verlagert vom Produktiven zum Administrativen“, beschreibt Spangler-Vertriebschef Christian Brandmüller den Wandlungsprozess.

Spangler Automation überrascht den Besucher am Rand eines Wohngebiets in Töging mit eleganter, postmoderner Gewerbearchitektur — und hinter der Fassade aus Glas und Metall überrascht das Unternehmen mit hochmodernen Inhalten. Der eigentümergeführte Familienbetrieb mit 130 Mitarbeitern ist gleichzeitig Objekt und Akteur bei der Einführung des hochkomplexen Megatrends Industrie 4.0.

Hochautomatisierte Prozesse

Spangler als Objekt: „Wir lassen uns selber darauf ein“, versichert Christian Brandmüller. Die Töginger erstellen beispielsweise für Autozuliefer, für Umwelttechnikhersteller und die Lebensmittelindustrie Automationen für Maschinen und Anlagen. Die Wertschöpfung besteht in der Planung, Programmierung und Konfiguration von Automatisierungen. Ganz ohne Hardware geht es nicht: Teil der Aufträge ist die Fertigung von Schaltanlagen.

Christian Brandmüller: „Wir schneiden im Wettbewerb besser ab.“ © F.: privat


In den Werkshallen und Büros hat Spangler nach eigenen Angaben schon heute mögliche Industrie-Vier-Null-Ansätze zu etwa 70 Prozent verwirklicht: Vom Auftragseingang bis zur Inbetriebnahme folgt alles hochautomatisierten Prozessen. Doch was bedeutet eigentlich Industrie 4.0 im Detail? Klingt einfach, ist aber hochkomplex: die möglichst vollkommene Vernetzung von Maschinen, Produktionsanlagen, Computern, Mess-Systemen und Software.

Die Technologie und die Rechnerleistungen für anspruchsvolle Anwendungen gibt es nach Einschätzung von Christian Brandmüller bereits. Entscheidend sei, dass „Hardware und Software zusammenspielen“. Der Spangler-Vertriebschef sieht hier einen hoffnungsvollen Trend: Viele Industrie-Vier-Null-Spieler hätten sich inzwischen auf das Software-Kommunikationsprotokoll mit dem undurchdringlichen Kürzel OPC-UA geeinigt.

Doch was soll der ganze Aufwand bringen? Der „große Bruder“ Computer erhält zum Beispiel viele Einzeldaten über Produktionsmaschinen. Der Verschleiß von einzelnen Anlagenkomponenten lässt sich so frühzeitig erkennen — und ein sündteurer Produktionsausfall vielleicht verhindern. Oder in der industriellen Herstellung von Lebensmitteln können Anlagen viel schneller laufen und ständig bestmögliche Qualität erzeugen. Vertriebschef Christian Brandmüller: „Es gibt keine Person mehr, die die Daten anschaut, das System soll sich selbst kontrollieren.“

Spangler als Akteur: Der Automatisierungsspezialist nutzt selbst für die eigenen Wertschöpfungsprozesse Industrie 4.0. „Wir können die Anlagen schneller und qualitativ hochwertiger fertigen, und schneiden so besser im Wettbewerb ab“, erläutert der Vertriebschef die Vorteile. Und genau das sollen die Spangler-Kunden auch für sich nutzen können, die sich für die Automatisierungstechnik aus Töging entscheiden.

Was genau haben die Unternehmen davon? Den Herstellern winken schnellere Produktionsprozesse und kürzere Lieferzeiten, höhere Qualität und weniger Ausschuss, eine größere Produktvielfalt und Serienfertigung auch in sehr kleinen Stückzahlen. Alles dreht sich um eine durchschaubare und teils enorm gesteigerte Produktivität: Wie viele Erzeugnisse und Dienstleistungen lassen sich pro Mitarbeiter oder Zeiteinheit erzeugen?

Roboter auf dem Vormarsch

Auch bei Spangler haben sich die Arbeitsplätze stark verändert. Die virtuelle Produktion am Bildschirm ist vorherrschend. © Foto: privat


Die Rationalisierungseffekte werden in Zukunft massiv menschliche Arbeitskraft durch das ausgeklügelte Netzwerk ersetzen. Nicht umsonst konzentriert sich Industrie 4.0 stark auf die Steuerung von Industrierobotern. „Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels wird der Automatisierungsgrad immer weiter gehen, Industrie 4.0 ermöglicht den Einsatz von noch mehr Robotern in der Produktion“, so Brandmüller.

Der Technologieschub könnte letztlich nicht nur das Arbeitskräfte-Defizit abmildern, sondern auch einen Strukturwandel von ganzen Branchen und Wirtschaftsregionen einleiten. Industrie 4.0 ist auch ein Kraftakt bei der Finanzierung der Firmenentwicklung. Der Spangler-Vertriebschef ist sich sicher: „Solche Investitionen kann sich bestimmt nicht jede Firma leisten. Die Großen haben Budgets dafür, aber kleine Unternehmen, die ums Überleben kämpfen, werden sich hart tun.“ 

WOLF-DIETRICH NAHR

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