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Kada ist neugierig ohne Ende

Architektur und Baukultur: Ein Aufruf zur Lebendigkeit beim 80. Vortrag - 24.10.2014 13:00 Uhr

Schätzt auch die Umwege: Klaus Kada hielt den 80. Vortrag der Baukultur-Reihe. © F.: Distler


Ein Jubiläum feierte zugleich mit dem 80. Vortrag die Veranstaltungsreihe selbst. Auf der Bühne im Museum für historische Maybach-Fahrzeuge prangte deshalb eine große 80, bezeichnenderweise als Verkehrsschild mit rotem Rand – ein pikanter Gegensatz zum Inhalt des Vortrags, denn mit Limitierung hatte der Referent gewiss nichts im Sinn. Veranstalter Johannes Berschneider begrüßte Klaus Kada als „Architektur-Masochisten“, der auf seinem beruflichen Weg keinen Umweg ausgelassen habe. Daran ließ der so Titulierte keinen Zweifel und brannte mit seinen Ausführungen ein Feuerwerk an Inspirationen ab.

Weites Umfeld

„Wenn man anfängt, macht man was, und hat davon keine Ahnung. So geht es mir mein ganzes Leben lang.“ Wenn eine Kapazität eine derartige Erkenntnis preisgibt, steckt etwas dahinter – in diesem Falle Neugier ohne Ende, lebenslanges Lernen und von Beginn an mit den attestierten Umwegen. Klaus Kada stammt aus Österreich, genauer aus Leibnitz in der Steiermark, begann an der Technischen Hochschule in Graz sein Architekturstudium und hat in dieser Zeit das gesamte geisteswissenschaftliche Umfeld erkundet: Kunst, Philosophie, Geschichte „...alles, was ich in der Schule nicht gelernt hatte, aber für mein Verständnis von Architektur extrem wichtig werden sollte.“

Derart gerüstet, betrachtete der angehende Architekt gesellschaftliche Konventionen mit kritischem Blick. Weil er seine ersten beruflichen Gehversuche inmitten der studentischen Protestbewegung machte, ging er auch mit ungewöhnlichen Wegen an das Thema Architektur heran. So wie an die erste Anfrage aus Gerstorf an der Mur, unmittelbar an der Grenze zum heutigen Slowenien. „Ein wunderschönes Grundstück direkt am Fluss sollte bebaut werden“, erinnert sich Klaus Kada. „Mir schwebte eine Reihenhaussiedlung vor, die sich einfügt, bei der die Bauherren mitmachen sollten – sowohl bei der Planung als auch beim Bau selbst.“

Eine jahrelange Ochsentour war die Folge mit mehrfachen Treffen der betroffenen Familien und dem Ausloten ihrer Vorstellungen und Fähigkeiten. Aber die Grundlagenarbeit hat sich gelohnt: „Erst seit kurzem ist es uns gelungen, eine verständliche Gestaltung der Ausschreibungen durchzusetzen auf der Basis, was die Leute wollen.“ Den gleichen Prozess hält Kada auch in der Industrie für notwendig, „denn in der Regel wissen auch diese Bauherren nicht, was sie eigentlich wollen.“ Die Grundlagenforschung mache die Architektur gesellschaftsrelevant und auch politisch, weil sie dann erfolgreich Zeichen des Zeitgeistes setzen könne.

War für den Masochisten denn seine gesamte Arbeit eine einzige Plackerei? Weit gefehlt, denn: „Dem Schmerz folgt immer die Lust, die Lust am Gestalten.“ Und die hat der Professor bis heute nicht verloren. Das Wesentliche an der Architektur liegt für ihn in der Peripherie, die das Objekt umgibt. Die Maßstäblichkeit, das große Ganze muss stimmen. Was ihn langweilen würde, wäre Häuser gestalten zu müssen, „die nicht auffallen und so wenig sind, dass sie eigentlich nichts sind. Der Architekt muss hinter seinem Werk stehen, erst dann entsteht der Nimbus der Instanz.“

Das hat er von Beginn an getan, auch bei dem Symbolbau, mit dem er seinen ersten im wahrsten Sinne durchschlagenden Effekt erzielte. In der Steiermark durchbrach ein schwarzes Auto eine Wand aus leichten Würfeln, die Klaus Kada für eine Bildungskampagne errichtet hatte. Die Kampagne wurde Pflicht für alle Provinzhauptstädte.

Es folgte die Entdeckung des Lichts, seiner Bedeutung auch für die Architektur. Eine Küche aus Flacheisen und weißem Glas hat der Architekt in einen Raum implantiert und damit bereits vor mehr als 30 Jahren eine Inkarnation der heutigen Leitwerte Leichtigkeit, Transparenz und Transluzenz geschaffen.

Bei einem Architekturprojekt in einem ehemaligen Grazer Luftschutzstollen hat Kada mit Hilfe des Lichts zwei Systeme überlagert. Ein von unten angestrahlter Granitstab warf seinen Schatten an die Gewölbedecke und hat die Schwere und Dramatik der Umgebung transparent gemacht.

Aufbruch war dagegen beim Bau eines Glasmuseums angesagt und zugleich der Einsatz von Glas als Konstruktionselement. Die herausgeklappte Betonfassade eines ehemaligen Chlorgasbunkers lädt zur Besichtigung von bis zu 4.000 Jahre alten Glaselementen ein, deren Perspektiven sich durch Spiegelflächen auflösen.

Beim Festspielhaus St. Pölten kam die Akustik dazu. Kada setzte einen Lichtkörper als Barriere ein, um die Geräusche von außen nach innen zu dämpfen und verband damit zugleich das Lichtspiel Erhellung und Verschattung.

Ein Weckruf

Dann das Thema Brückenschlag beim Bau der neuen Adidas Headquarters mit seinem heutigen Partner Gerhard Wittfeld, mit dem er in Aachen ein gemeinsames Büro betreibt. Die äußere Kubatur des Komplexes hat die Formgebung eines gebundenen Schnürsenkels, dessen Segmente über geschlossene Verbindungsstege im Innenhof miteinander verbunden sind – bei entsprechender Landschaftsgestaltung und wiederum mit viel Licht in allen Räumen.

Es ist also viel geschehen im Leben des Klaus Kada – und die Rahmenbedingungen? Damit ist der passionierte Querdenker Jahrgang 1940 durchaus nicht zufrieden und moniert Desinteresse einer kapitalisierten Welt, in sich Groß und Klein durch elektronischen Einheitsbrei mit standardisiertem Vokabular systematisch entmündigen lassen. Zeit für die persönliche Entwicklung, zum Spielen und neugierig sein, zum Austausch innerhalb einer Familie werde zunehmend auf dem Altar der Vermarktung geopfert. Und auch das Thema Partnerschaft: der Architekt als Partner des Bauherren – die Reihenhaussiedlung lässt grüßen. Folglich bleibt genauso viel zu tun wie vor 40 Jahren.

H. SCHUMACHER

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