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Neumarkter Amtsgericht: Gerangel eskaliert zum Treppensturz

Richter stellt das Verfahren wegen eines Ehestreits mit einer Geldauflage ein. - 04.08.2020 13:41 Uhr

Treppe

© dpa


"Halb zog sie ihn, halb fiel sie hin" – um eine Anleihe aus Goethes "Der Fischer" zu nehmen. Schnell war vor dem Amtsgericht klar, dass es sich bei einem schmerzhaften Treppensturz nicht um eine mutwillige Körperverletzung, sondern um die unglücklichen Folgen einer Rangelei unter Eheleuten gehandelt hatte. Das Verfahren wurde von Richter Rainer Würth deshalb, verbunden mit einer Geldauflage, eingestellt.

In der von Staatsanwalt-Vertreter Thomas Leykam verlesenen Anklage klang es noch mehr nach Absicht. Ein Streit zwischen einem Ehepaar habe sich ins Treppenhaus verlagert, weil der Gatte sich "verdünnisieren" wollte. Als ihn die Gemahlin an die Schulter fasste, um ihn zum Bleiben zu "überreden", habe er sich umgedreht, sie an der Hand gepackt und heftig gezogen. Die Noch-Ehefrau sei aus dem Gleichgewicht geraten und mehrere Treppenstufen auf dem Hinterteil hinunter gerutscht. Dabei habe sie sich heftige Prellungen am Allerwertesten und an einem Unterarm zugezogen, und einen eingeklemmten Ischiasnerv.

Es tue ihm leid, was passiert sei, ließ der Angeklagte über die Dolmetscherin wissen. Aber es sei nicht seine Schuld gewesen. Er habe die ewigen Nörgeleien seiner inzwischen getrennt von ihm lebenden Ehefrau nicht mehr ertragen und nur noch versucht, Land zu gewinnen. Nicht er habe sie gepackt, sondern sie ihn, und zwar am rechten Ärmel seiner Jacke, die er bereits übergestreift hatte. Dann sei sie auf den glatten Holzstufen ausgerutscht und die Treppe hinunter gefallen. Er habe ihr helfen wollen, wieder aufzustehen, aber sie habe nur gesagt, er solle abhauen, und nach ihre Mutter geschrien.

Außereheliche Beziehungen

Als die Schwiegermutter, die in ihrer Wohnung geschlafen hatte und von den Hilferufen ihrer Tochter geweckt wurde, ihm ebenfalls sagte, er solle weggehen, habe er sich entfernt. Als die Schwiegermutter das als Zeugin bestätigte, brachte sie ungewollt die Aussage ihrer Tochter ins Wanken. Denn die hatte erzählt, der Gatte sei nach dem Treppensturz wortlos abgehauen, ohne ihr zu helfen. Gekriselt hat es in der Ehe schon lange. Er habe schließlich im Dezember erfahren, sagte der 37-Jährige, dass seine Frau einen anderen Mann habe. Er wiederum habe sich mit einer Internet-Bekanntschaft getröstet. Anfang Januar sei die Ehefrau nach Freiburg gefahren und er nach Polen, wo beide herstammen. Nach der Rückkehr beider nach Neumarkt habe sich die Situation zugespitzt.

Angebliche Erpressungsversuche

Die Schwiegermutter steuerte noch ein paar Details bei, die nicht für den Mann ihrer Tochter sprachen. Er habe sich immer vor einer aufrichtigen Diskussion gedrückt und sei lieber abgehauen. Auf der anderen Seite habe er versucht, seine Frau mit angedeuteten Selbstmordabsichten zu erpressen.

Die ältere Frau schilderte auch das strenge Regiment, das sie in ihrem Haus "unter meinem Dach", führte. Das war zwar tatsächlich zum Davonlaufen, tat aber nichts weiter zur Sache, fand Richter Würth. Nach einer Besprechung mit dem Verteidiger, dem Staatsanwalt und dem Vertreter der Nebenklage entschied Würth auf die vorläufige Einstellung des Verfahrens, die endgültig ist, wenn der 37-Jährige die Auflage erfüllt und 450 Euro an die Wolfsteinfreunde überwiesen hat.

CHRISTIAN BIERSACK

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