Freitag, 26.04.2019

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Neumarkter Jurenergie gehen die Projekte aus

Genossenschaft hat einen Aufnahmestopp verhängt und hadert mit der weitgehend blockierten Energiewende - 16.04.2019 10:10 Uhr

Die Energiegenossenschaft Jurenergie verdient gutes Geld mit Windkraftanlagen und Solarstromerzeugern (hier die Anlage auf dem Bauhof in Berg). Neue Projekte fehlen im Moment. © Jurenergie


"Wir haben keine Projekte", begründet Vorstand und Geschäftsführer Michael Vogel im exklusiven NN-Interview den Aufnahmestopp. Die Warteliste ist lang. Problemlos könnte die Jurenergie aus dem Stand ein zusätzliches Genossenkapital von einer halben Million Euro mobilisieren — zusätzlich zu der halben Million, die die Genossenschaft bereits auf der hohen Kante hat. Das Geld stammt von den derzeit 952 Mitgliedern, die Anteile zwischen 500 und 100 000 gezeichnet haben. Lukrativ ist die Anlage bei den Kapitalmarktzinsen allemal: Eine Dividende zwischen zwei und drei Prozent hat die Genossenschaft in den vergangenen Jahren immer ausgeschüttet — "echte Gewinne nach Steuern und gesetzlich vorgeschriebenen Rücklagen", wie Vorstand Vogel betont.

Die satten Gewinne sprudeln aus fünf Windanlagen in den Landkreisen Neumarkt, Amberg/Sulzbach und Regensburg mit einer Leistung von 15 Megawatt. Hinzu kommen die schönen Erlöse aus elf Solaranlagen mit einer Leistung von 0,9 Megawatt.

Rund 35 Millionen Euro hat die Jurenergie bisher investiert, davon etwa acht Millionen Euro aus Eigenkapital. Aber wie geht es weiter? Reine Energieprojekte sind laut Michael Vogel bisher nicht in Sicht. "Die Energiewende lahmt", sagt er. Projekte in Bürgerhand würden schlicht "ausgebremst", obwohl ausreichend gesetzliche Mittel zur Verfügung stehen.

Michael Vogel nennt es ein "Desaster", dass es aus seiner Sicht am politischen Willen auf Bundes- und auf Landesebene fehle, die Energiewende voranzutreiben. Die noch unter dem Ministerpräsidenten Horst Seehofer eingeführte 10 H-Regelung (zehnfache Anlagenhöhe als Abstand) müsse endlich von der Staatsregierung überprüft werden. Diese schiebe den "Schwarzen Peter" den Kommunen zu. Auf Gemeindeebene sei eine erfolgreiche Initiative für ein Windrad umso unwahrscheinlicher, je näher die Kommunalwahl 2020 rücke. Und der Jurenergie-Vorstand kritisiert, dass man den Kommunen zu wenig Anreize biete. Die Gewerbesteuern müssten zumindest teilweise da fließen, wo die Öko-Anlagen stehen. Eine von der EEG-Umlage befreite Stromerzeugung vor Ort könnte zusätzliche Anreize für Gemeindebürger und Genossen darstellen. Aber weit und breit sind hier keine einschlägigen Initiativen erkennbar.

Gegenwind für Windkraftanlagen gebe es außer 10 H genügend: Genehmigungsverfahren würden immer restriktiver. Die geforderten Ausschreibungen seien "nicht kalkulierbar für Bürgerenergiegesellschaften", bilanziert der Jurenergie-Vorstand Vogel die Rahmenbedingungen. Auch der Solarsektor leide unter den Ausschreibungsverfahren. Zudem sei die Rendite von unter zwei Prozent unattraktiv.

"Die Stärke der Jurenergie war immer, dass wir mehr Geschäfte nicht gemacht als gemacht haben — und trotzdem investiert haben", beschreibt Vogel die Philosophie der Genossenschaft. Eine Option wäre im Moment der Kauf von bestehenden Windkraftanlagen. Man sei "interessiert und dran", schalte Anzeigen in Fachblättern und suche aktiv den Markt nach Okkasionen ab. Doch konkrete Projekte gebe es bisher nicht.

Investor wird Berater

Dennoch lassen die Verantwortlichen der Genossenschaft ihre Phantasie spielen. Seit einigen Monaten bemüht sich die Jurenergie darum, mehr Umsätze mit Dienstleistungen zu machen. So hat man bereits acht Informationsveranstaltungen zum Einsatz von Solarstromspeichern organisiert und durchgeführt — und Einkaufsrabatte an Kunden und Mitglieder vermittelt. Michael Vogel: "Wir sind offen für Kooperationen mit dem Handwerk."

In der Haushaltssitzung des Kreistages in dieser Woche hat der Grünen-Fraktionschef Dr. Roland Schlusche den Landkreis als Bauherrn für bezahlbaren Wohnraum ins Gespräch gebracht — und die Jurenergie als Kooperationspartner (wir berichteten). Der Lokalpolitiker läuft hier bei der Genossenschaft offene Türen ein: Unter dem Schlagwort "Quartiersversorgung" steht die Jurenergie nicht nur als Energieversorger von Wohnprojekten bereit. Auch die Rolle des Mitinvestors und sogar des Hausverwalters sei denkbar.

Wobei Vorstand Vogel gleich etwas auf die Bremse tritt: Die Jurenergie wolle nicht vorrangig in den genossenschaftlichen Wohnungsbau einsteigen, sondern sich an solchen Vorhaben nur beteiligen, um bei der Energieversorgung einen Fuß in die Tür zu bekommen. Beste Kontakte für solche Projekte gebe es längst: Die Zusammenarbeit mit dem Landkreis und den Kreis-Kommunen sei "vorbildlich".

Die Jurenergie stand schon bereit, in die Quartiersversorgung von 22 Wohneinheiten in Postbauer-Heng einzusteigen, doch dann habe sich das Grundstück als geologisch nicht geeignet erwiesen. Michael Vogel: "Die Gemeinde sucht nach einem anderen Standort — und wir haben immer noch Interesse."

WOLF-DIETRICH NAHR

  

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