Ironie oder Würdigung?

Oberpfalz: Angela Merkel hoch zu Ross verewigt

Datum:040417.. Dr. Wolf-Dietrich Nahr. Foto: altrofoto.de..
Wolf-Dietrich Nahr

Neumarkter Nachrichten, stellvertretender Redaktionsleiter

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9.10.2021, 12:32 Uhr
So schauts aus: Angela Merkel hoch zu Roß in Etsdorf.

So schauts aus: Angela Merkel hoch zu Roß in Etsdorf. © Daniel Karmann, dpa

In dieser Pose kennt man die scheidende Bundeskanzlerin überhaupt nicht: Angela Merkel hoch zu Ross als Reiterstandbild. Die 1500 Kilogramm schwere und 2,7 Meter hohe Kanzlerin-Statue ist auf dem Gelände des Tempel-Museums in Etsdorf zu sehen. Der Ort liegt zwischen Amberg und Nabburg in der Oberpfalz. Das Standbild ist unabhängig von den Museums-Öffnungszeiten zugänglich.

Europäischem Gedanken gewidmet

Künstlerischer Leiter und Chef des Tempel-Museums ist der Künstler Wilhelm Koch, der auch die Bücher von Johannes Berschneider begleitet und verlegt hat. Das Museum und der Verein der Freunde der Glyptothek Etsdorf Oberpfalz widmen sich dem europäischen Gedanken in künstlerischer Form. Letztlich lieferte eine laufende Fotoausstellung über Reiterstandbilder in Europa (noch bis 20. Dezember 2021) den Anstoß für das Merkel-Denkmal. Künstler Wilhelm Koch hat sich für die zeitgemäße Interpretation des Genres Reiterstandbild die "bekannteste Persönlichkeit Deutschlands ausgesucht".

Das monumentale Werk ist im hochmodernen additiven Verfahren (3-D-Druck) bei der FIT AG in Lupburg entstanden. "Das zeigt auch das Knowhow in der Region", sagte Koch. Er hat das Projekt initiiert, einen Auftraggeber gibt es dafür nicht. Und FIT hat Angela Merkel zu Pferde in den Werkshallen entstehen lassen. "Es ist kein Geld geflossen", berichtet der digitale Bildhauer.

Huldigung der Kanzlerin

Das ungewöhnliche Reiterstandbild ist offensichtlich eine Art Huldigung der Kanzlerin, die bekanntlich kurz vor dem Ruhestand steht. Von Satire keine Spur. Auch die Darstellung will Frau Merkel nichts Böses. "Das ist keine Karikatur, sie sitzt ganz normal auf dem Pferd", sagt der Künstler. Aus hippologischer Sicht könnte man anmerken, dass die Kanzlerin eher freizeitmäßig die Absätze etwas zu weit hochgezogen hat, nicht ganz lehrbuchmäßig also. Macht aber nichts, denn es ist nicht bekannt, dass Angela Merkel wirklich Reiterin wäre.

In einer Pressemitteilung schreiben die Initiatoren selbstkritisch: "Eine öffentliche Würdigung zu Pferd im Jahr 2021 erscheint den meisten Menschen so absurd wie eine Pferdekutsche bei der Formel 1." Die bald ehemalige Regierungschefin wird mit dem Pferd ohne Sockel präsentiert. "So geerdet, wie Angela Merkel Politik gestaltet hat, wird sie als Reiterin präsentiert: auf einem Rasenstück mit Blick nach Osten, sattelfest thronend auch ohne Sattel und Zaumzeug, und im sicheren Stand ihres Reittiers, einem American Quarter Horse."

Reiterstandbilder im Tempel-Museum

Erdacht hat sich das Merkel-Denkmal der Künstler, Verleger und Leiter des Amberger Luftmuseums sowie des Tempel-Museums, Wilhelm Koch, als Reaktion auf die Publikation „Pferd und Reiter/in“ von Till Briegleb. In dem umfangreichen Werk zur Geschichte und aktuellen Bedeutung von Reiterstandbildern, dessen reicher Bildteil noch bis Dezember als Ausstellung im Tempel-Museum zu sehen ist, wird unter anderem die These aufgestellt, dass die antiquierte Triumphpose zu Pferd für politische Repräsentation völlig unbrauchbar geworden sei.

Die aufwendige Realisierung des eineinhalb Tonnen schweren Reiterstandbilds durch Additive Fertigung (3D-Druck) wäre ohne die technische Expertise und großzügige Unterstützung der additive tectonics GmbH nicht möglich gewesen. Das Drucken eines statisch filigranen, lebensechten Reiterstandbilds in recyceltem Leichtbeton ist mit Angela Merkels Statue das erste Mal überhaupt gelungen.

Made in Lupburg

Möglich wurde es durch die innovativen 3D-Druckverfahren der additive tectonics GmbH. Das komplexe Objekt demonstriert über seinen symbolischen Gehalt hinaus die große Chance, durch intelligente Verfahren des Materialdruckens das Bauen von seinen technischen und geometrischen Beschränkungen zu befreien. Gleichzeitig werden bei diesem Verfahren Umwelt und Ressourcen geschont, denn Kunst – und Bauwerke werden dabei schalungsfrei und ohne Abfall produziert.

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