"Ich habe einen Teil der Weltgeschichte gesehen"

Oberpfälzer Fotograf lichtet New York im Terror-Rauch am 11. September 2001 ab

11.9.2021, 06:00 Uhr
Das Bild des Neumarkter Fotografen Hubert Bösl vom Einsturz der Türme des World Trade Centers ging um die Welt.

Das Bild des Neumarkter Fotografen Hubert Bösl vom Einsturz der Türme des World Trade Centers ging um die Welt. © Hubert Michhael Bösl, dpa

Es ist 8:46:40 Uhr Ortszeit in Manhattan, New York - der 11. September 2001. In den Nordturm des World Trade Centers (WTC) schlägt die American-Airlines-Maschine AA 11 ein. Keine 20 Minuten später, genauer um 9:03:02 Uhr, steuert der United-Airlines-Flug UA 175 in den Südturm des WTC. Die britische Tageszeitung The Guardian titelte später: "The day the earth stood still", also der Tag, an dem die Erde still stand.

Was an jenem schicksalhaften Tag in Mannhattan passiert ist, wie viel Leid dieser über New York gebracht hat und wie viele Menschen an diesem 11. September des Jahres 2001 ihr Leben verloren haben, ist wohl den Meisten bekannt. Mitten drin war damals auch der Neumarkter Fotograf Hubert Bösl. "Ich habe einen Teil der Weltgeschichte gesehen", erzählt er 20 Jahre nach den Terroranschlägen auf das WTC gegenüber nordbayern.de.

Dass Bösl die dramatischen Ereignisse mitbekommen hat, war reiner Zufall. Eigentlich fotografiert er internationale Entertainment-Großveranstaltungen. Der Neumarkter kommt um die Welt. 2001 war er wegen der MTV Awards in der Stadt und befand sich kurz vor seinem Weiter-Flug zum nächsten Fototermin - den Emmys. Am 11. September hat Bösl bei Freunden in Hoboken (New Jersey) übernachtet. Hoboken liegt gegenüber Manhattans auf der anderen Seite es Hudson Rivers, wovon viele Fotos und Postkarten von der Skyline Manhattens entstanden sind sowie entstehen.

Das Bild ging später um die Welt

Bösl war am Morgen noch zu Hause, als seine Bekannte völlig aufgeregt in die Wohnung kam und ihm erzählte, dass ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen ist. Sie machten sich auf den Weg nach draußen. Am Fotospot angekommen war zu sehen, dass der Turm brennt, berichtet Bösl. Der Fotograf dachte aber, wie viele damals, das es wohl ein kleines Flugzeug gewesen sei, das in den Nordturm des WTC gestürzt ist. "Ich hab zweimal drauf gedrückt und bin wieder zurück", so Bösl. Zurück in der Wohnung wurde das TV-Gerät angeknipst und Bösl wurde klar, dass etwas größeres passiert war. "Ich hab' alle Kameras die ich hatte gepackt", so der Fotograf über seine Reaktion. Denn für ihn ging es wieder raus auf die Straße.

Bis Bösl wieder draußen war, ist der Nordturm bereits eingestürzt. Mitbekommen hat er es zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht. Die Polizei hat bereits den Postkarten-Fotospot begonnen zu räumen, also musste Bösl versuchen, anders an ein Foto zu kommen. Kurzerhand ist er auf das nächstgelegene Hochhaus mit knapp zehn Stockwerken geklettert. Der Blick: Heftigster Rauch. Auf einer seiner Kameras - der analogen von beiden - ist ein kompletter Film, der den Einsturz dokumentiert. Mit seiner digitalen Kamera hält Bösl dann die Rauchwolke des eingestürzten World Trade Centers fest - eigentlich nur, weil der Film der analogen Kamera voll war. Das Bild ging später um die Welt.

Hubert Bösl mit einer The Times, auf deren Doppelseite sein Bild vom 11. September 2001 abgedruckt ist.

Hubert Bösl mit einer The Times, auf deren Doppelseite sein Bild vom 11. September 2001 abgedruckt ist. © Distler

Für den Fotografen ging es daraufhin erstmal zurück ins Appartement der Bekannte. In New York war zu der Zeit der Strom ausgefallen - in New Jersey kommt Bösl aber an Internet und schickte seine Fotos an die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Das Bild von Bösl soll eines der Agentur-Bilder gewesen sein, das so gut gelaufen ist, wie kein anderes dpa-Bild. Die Londoner The Times hat sogar eine Doppelseite mit seinem Bild aufgemacht.

"Da ist Krieg, da fahre ich in die andere Richtung"

In New York, aber auch in New Jersey herrschte Chaos. Hubert Bösl borgte sich von Bekannten ein Fahrrad. "Ich habe mir das Bild erradelt", berichtet der Fotograf davon, wie ein weiteres bekanntes Motiv (Titelbild des Artikels), auf dem die Freiheitsstatue mit dem dunkel rauchenden New York im Hintergrund zu sehen ist - entstanden war.

Nach den Anschlägen musste der Neumarkter noch ein bis zwei Wochen in New York bleiben, da keine Flieger mehr von New York abgeflogen sind. Bilder von den Trümmern zu bekommen, war damals für Bösl unmöglich. Die Polizei hat den Bereich der Anschläge abgeriegelt. Ein bekannter Fotografenkollege ist jedoch dran gekommen und hat später Preise für die Fotos abgeräumt. James Nachtwey hat sich als Bauarbeiter verkleidet und damit die Absperrungen überwunden. Bösl will seinen Kollegen deshalb nicht kritisieren, selbst möchte er aber journalistisch nicht arbeiten, wie es Nachtwey in diesem Fall getan hat: "Soweit wäre ich nicht gegangen, um etwas zu kriegen."

Rauch über Manhattan am 11. September 2001.

Rauch über Manhattan am 11. September 2001. © Hubert Boesl, dpa

In der Folgezeit hat Bösl bei der Deutschen Presse-Agentur dann auch Fotografen kennengelernt, die nach solchen Geschehnissen an diese Orte reisen. Er selbst ist da anders gestrickt, erzählt er gegenüber nordbayern.de: "Da ist Krieg, da fahre ich in die andere Richtung. Ich will damit eigentlich nichts zu tun haben, ich war eher zufällig da."

"Ich war zufällig da und habe es fotografiert"

Die Tragik des passierten und die emotionale Komponente ist Bösl erst am Abend des 11. September gekommen beziehungsweise bewusst geworden, als er die ganzen Fernsehberichte gesehen hat. In so einer Situation funktioniert man und probiert, keine Fehler zu machen, berichtet er. Selbst war er vor knapp fünf Jahren mit seiner Tochter in New York und hat sich das "Ground Zero Memorial" angesehen. "Es ist eher befremdlich, wenn du siehst, wie die jungen Leute ihre Gaudi hatten und Selfies machen", so der Neumarkter Fotograf.

Bösl weiß, dass die Tage nach den Anschlägen auf das World Trade Center vor Ort emotional sehr intensiv waren, wohl um einiges mehr, als wenn man das Geschehen nur vor den Fernsehgeräten verfolgt hat. Wenn man in den Folgetagen vor Ort war, die Trauer und Verzweiflung der Menschen miterlebt hat, dann konnte man die Tragweite mitbekommen. Am Tag der Anschläge war das etwas anders. Wie Bösl berichtet, hat er sich auf seine Arbeit konzentriert und funktioniert - mit einer flussbreite Abstand zu den Geschehnissen. Vor den TV-Bildschirmen haben wohl viele die Einschläge in die Türme und das Leid direkt am WTC näher mitbekommen als diejenigen, die sich in der Stadt oder eben wie der Neumarkter Fotograf in der Nachbarstadt befunden haben, weil die Live-Berichterstattung einfach näher dran war. Die Gefühle und Gedanken zu den Anschlägen unterscheiden sich aber bei allen nicht.

Hinter 9/11 - dem Tag, als der Westen vom Terror schwer getroffen wurde - stehen viele Schicksale, viele Wunden und viele Geschichten. 2753 Menschen sind gestorben. Von den Toten sind bis heute laut Deutschlandfunk 40 Prozent der Toten nicht identifiziert worden. Somit bleiben weitere Schicksale und Geschichten ungehört.

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