Psychisch Kranke nehmen Beratung oft zu spät an

Hauke Höpcke
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Neumarkter Nachrichten

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20.6.2017, 10:31 Uhr
Kerstin Celina (3. von links), sozialpolitische Sprecherin der Landtagsgrünen, informierte sich beim Sozialpsychiatrischen Dienst über die Betreuung und Unterstützung vor Ort.

© Ulrich Schuster Kerstin Celina (3. von links), sozialpolitische Sprecherin der Landtagsgrünen, informierte sich beim Sozialpsychiatrischen Dienst über die Betreuung und Unterstützung vor Ort.

Der SpDi hat in der Friedenstraße 33 drei Bereiche, stellte Leiterin Anita Drefs die Einrichtung des Diakonischen Werks Altdorf-Hersbruck-Neumarkt vor: eine Beratungsstelle für Erwachsene, eine gerontopsychiatrische Beratungsstelle für alte Menschen mit psychischen Auffälligkeiten, hauptsächlich Demenz, und das Tageszentrum, ein Treffpunkt für chronisch psychisch Kranke, der ihnen hilft, den Alltag zu strukturieren, und in Krisensituationen unterstützt.

Schon seit einigen Jahren ist ein Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz in Arbeit, das die Versorgung verbessern und Unterbringungen möglichst vermeiden soll. „Ich glaube nicht, dass es diese Legislaturperiode noch fertig wird“, sagte Celina. Dabei seien die rechtlichen Fragen und die Finanzierung eigentlich geklärt, so die Abgeordnete. Doch gebe es „eine komplexe interne Abstimmung“, habe sie als Antwort auf eine Anfrage erhalten.

Susanne Schulz von der gerontopsychiatrischen Beratung wies auf unnötige Zwangseinweisungen hin. Dies sei schon geschehen, wenn etwa demente Senioren regelmäßig bei der Polizei anrufen, weil sie Geld vermissen oder glauben, dass jemand bei ihnen eingebrochen habe. „Es wäre gut, wenn dort eine Krisenstelle zwischengeschaltet wäre."

Menschen mit Depressionen haben oft große Probleme an ihrem Arbeitsplatz, wenn sie etwa fortbleiben, ohne sich abzumelden. Folge ist meist der Jobverlust oder eine abgebrochene Ausbildung. „Dabei lässt sich viel regeln, wenn man miteinander offen darüber redet“, sagte Kerstin Celina, die von den Erfahrungen mit einem depressiven Mitarbeiter berichtete.

Das hänge ganz stark von der Firma ab, sagte Genesungshelfer Oliver Kustner. Einige Unternehmen machen wirklich viel, bei anderen werden die Betroffenen einfach rausgeschmissen.

Zuständig für die Betreuung am Arbeitsplatz sind die Integrationsfachdienste. Doch vorher müsse der Betroffene seine Krankheit offenbaren. „Viele Menschen haben Angst vor Stigmatisierung“, sagte Drefs. Doch wenn sie sich in der Beratungsstelle des SpDi melden, sei es oft schon zu spät. Dann gehe es um die Existenzsicherung, etwa durch eine Verrentung.

„Die Stigmatiserung beginnt doch bereits bei den von uns verwendeten Begriffen“, meint Detlef Edelmann, Vorstand des Diakonischen Werkes Amberg-Hersbruck-Neumarkt. „Sozialpsychiatrischer Dienst, gerontopsychiatrischer Dienst; das sind doch Versorgungslinien, die den Ganzen Menschen gar nicht im Blick haben.“

Dies ist mit ein Grund das nur Eingeweihte das richtige Hilfsangebot finden. Würde eine zentrale Anlaufstelle oder Telefonnummer helfen, die psychisch erkrankte Menschen an die jeweils geeigneten Hilfsangebote etwa beim SpDi weiterleitet, fragte Celina.

Das wäre eine gute Möglichkeit, sagte Drefs. Sie sieht ein Problem in der fachärztlichen Unterstützung am Wochenende und in den Nachtstunden, wenn die Ambulanz in Parsberg geschlossen habe. Die Hausärztliche Bereitschaft oder der Notarzt hätten nicht die entsprechende Ausbildung, so dass man letztlich nicht weiter sei als bisher.

Bezirksrätin Gabriele Bayer, die selbst als Krankenschwester in der geriatrischen Rehabilitation gewesen ist, würde sich eine solche zentrale Anlaufstelle sehr wünschen, am besten schon auf Gemeindeebene. Skeptisch ist sie, wenn diese Aufgabe auf die Schultern von ehrenamtlichen „Kümmerern“ abgeladen werden soll. „Wir brauchen Fachleute in der Beurteilung“, sagte sie. Schließlich gehe es unter anderem um Selbstmordgefährdung, Demenz, Nebenwirkung von Medikamenten und andere medizinische Probleme.

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