Schwarze Stiefel marschieren auch im Landkreis Neumarkt

19.11.2011, 08:18 Uhr

© Volker Lannert/dapd

Es gibt Dutzende aktive Nazis im Landkreis, versicherte die Kreis-SPD in einer Pressemitteilung zu den Zaungästen am Volkstrauertag. Ihre Botschaft geht nicht nur an die Polizei, sondern auch an die Politik und die Gesellschaft im Ganzen: „Es muss endlich Schluss sein mit dieser unsäglichen Verharmlosung.“

Zuerst müssten Ross und Reiter genannt werden: „Die Leute mit der schwarzen Fahne mit dem Schriftzug Neumarkt waren Nazis“, versichert Kreisvorsitzende Carolin Braun aus Dietfurt, die schon mehrmals wegen ihres Engagements gegen den Rechtsextremismus bedroht wurde. Sie könne es belegen: Sie habe Fotos von Aufmärschen in Schweinfurt, Wunsiedel und anderswo, auch von einem Lichterzug der NPD durch Dietfurt im Jahr 2005, auf denen die schwarzen Neumarkt-Fahnen wehen.

Die Bedeutung des Textils sei hinlänglich bekannt, sagt Braun. Laut einem rechten Szeneblatt ist die Fahne „Zeichen unserer erbarmungslosen Kampfbereitschaft. Unser gemeinsames heiliges Symbol, für das wir kämpfen, wird erst wieder auf unseren Fahnen prangen, wenn wir dieses System vernichtet haben“. Die schwarze Fläche ist ein Platzhalter für das Hakenkreuz, das öffentlich nicht gezeigt werden darf.

Nur wenn es zu Straftaten komme oder diese drohten, könne die Polizei aktiv eingreifen, stellt PI-Leiter Helmut Lukas klar. Acht politisch motivierte Straftaten konnten 2010 im Bereich der PI dem rechten Spektrum zugeordnet werden. „Das es eine rechte Szene bei uns gibt, in Berg zum Beispiel, ist unbestritten“, sagt der Polizeioberrat. Erst am vergangenen Wochenende hätten sich Neonazis mit Punks am Bahnhof geprügelt.

Doch die Hauptarbeit der Polizei sei nun mal die Verhinderung von Straftaten: „Wir versuchen, eine klare Linie zu fahren, indem wir mit den Leuten das Gespräch suchen und sie konsequent darauf hinweisen, was nicht geht. Damit sind wir in diesem Milieu bisher auch gut gefahren.“

Sie verlange ja nicht, dass die Beamten ihre Kompetenzen überschreiten, meint Braun in Hinblick auf die Gedenkfeier im Eichelgarten. Doch habe die Polizei ihren Spielraum nicht ausgeschöpft: „Die Personalien hätte sie immerhin feststellen können. Das erzeugt schon etwas Druck.“

Dass die Polizisten gar nicht wussten, welche Klientel da angerückt ist, mag die stellvertretende Landrätin nicht glauben. Sie erinnert an ein denkwürdiges Ereignis vor ziemlich genau einem Jahr, als ein brauner Mob vor der Neumarkter Wache aufzog, weil dort eine Führungsperson der berüchtigten „Kameradschaft Altmühltal“ in der Ausnüchterungszelle einsaß. Auch sei die KSA mittlerweile im Neumarkter Raum stark vertreten: „Dort wohnen drei maßgebliche Mitglieder.“ Vom NPD-Kreisvorsitzenden in Postbauer-Heng ganz zu schweigen.

Doch eine Lanze muss die SPD-Frau dennoch für den Landkreis Neumarkt, seit 2008 „Ort der Vielfalt“, brechen: Er sei einiger der wenigen Landkreise, der einen Etat für die Arbeit gegen Rechts eingestellt habe. Die Mittel werden vor allem Schulen zur Verfügung gestellt, um sich mit dem Thema Rechtsradikalismus näher zu befassen.

Dieses Angebot an die Bildungseinrichtungen stellt auch Renate Großhauser heraus. Durch eine enge Vernetzung werde versucht, die Umtriebe der rechten Szene im Auge zu behalten, sagt die Geschäftsführerin des Kreisjugendrings. Denn die Gefahr von Rechts komme immer mehr aus dem Internet und per SMS: „Die Jugendlichen wissen oft gar nicht, was ihnen dort untergejubelt wird.“

Denn schon allein vom Erscheinungsbild her treten die Neonazis heute ganz anders auf. Früher erkannte man den Skinhead schon aus der Ferne. Die Haare sind inzwischen gewachsen, die Hosenbeine heruntergerollt. Renate Großhauser: „Sie tragen Anzüge und Designer-Shirts.“ Wölfe im feinen Schafszwirn.

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